Aus dem Rollstuhl in den Olymp des Sports

Ray Ewry ist mit acht Goldmedaillen einer der erfolgreichsten Olympioniken, doch kaum einer kennt die unglaubliche Geschichte des Amerikaners. Von Matthias A. Schmid

Ewry beim Standhochsprung 1904.

Ray Ewry wäre heute ein berühmter Mann. Ein Phänomen, dessen Lebensgeschichte für viele Millionen Euro in der Traumfabrik Hollywood verfilmt werden würde. Mit fünf hatte er keine Eltern mehr, mit sieben erkrankte er an Kinderlähmung und saß im Rollstuhl – ohne Aussicht, je wieder einen Schritt gehen zu können. Dann gewann der „Rubber Man“ (Gummi-Mann) aus Lafayette/Indiana mit 27 Jahren bei den Olympischen Spielen 1900 in Paris drei Goldmedaillen: im Weit-, Hoch- und Dreisprung aus dem Stand. Fünf weitere Olympiasiege folgten.

Raymond Clarence Ewry, so sein vollständiger Name, hatte sogar zehn Goldmedaillen in seinen Händen gehalten. Er wäre damit hinter Michael Phelps der zweit erfolgreichste Olympionike in der Geschichte der Sommerspiele, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) den beiden Siegen bei den Zwischen-Spielen 1906 in Athen die Anerkennung heute nicht verweigern würde.

Sauberes Trinkwasser war ihm wichtiger als Ruhm

Ewry bei den Olympischen Spielen 1900 in Paris.

Auch mit acht Goldmedaillen ist Ray Ewry einer der größten Athleten in der modernen Geschichte Olympias. Doch sein Name ist allenfalls Statistikliebhabern bekannt, auch in seiner Heimat USA hat kaum einer von ihm gehört. Ein Ray-Ewry-Stadion sucht man vergeblich. Dabei ist seine Leistung nicht hoch genug einzuschätzen.

Sein Weltrekord im Stand-Weitsprung mit 3,47 Metern hatte bis 1938 Bestand – so lange es Wettbewerbe in dieser Disziplin gab. Dass seine außergewöhnlichen Darbietungen heute in Vergessenheit geraten sind, hängt auch damit zusammen, dass ihm schon damals die öffentliche Anerkennung verwehrt geblieben war. Ewry selbst machte wenig Aufheben um seine Erfolge und ging nach seinen Siegen stets zurück, um in New York als Ingenieur daran zu arbeiten, dass in der Stadt sauberes Trinkwasser fließt.

Als Phelps vor vier Jahren in Peking als erster Sportler bei Olympia acht Goldmedaillen in einer Stadt gewinnen konnte und auf seinen Landsmann Ewry angesprochen wurde, zuckte er nur ahnungslos mit den Schultern. „Nie von ihm gehört“, entgegnete Phelps. Klar, der 27 Jahre alte Ausnahmesportler kennt Carl Lewis, Mark Spitz oder auch Paavo Nurmi, den finnischen Wunderläufer, die allesamt neun Goldmedaillen bei Olympischen Spielen erringen konnten. Aber Ray Ewry?

Trotz Kinderlähmung besser als alle anderen

Als Ray Ewry von einem Arzt hörte, dass es da möglicherweise doch ein paar Übungen gebe, die ein Leben ohne Rollstuhl möglich machen könnten, begann er zu üben. Er legte damit gleich morgens nach dem Aufstehen los und hörte erst damit auf, als er abends völlig übermüdet in sein Bett fiel. Der Junge hatte nur einen Wunsch: ein paar Schritte gehen zu können. Ein paar Wochen später merkte er, dass er ohne Hilfe stehen konnte und begann zu hüpfen, um dem Rollstuhl fern zu sein. Er machte das so gut wie niemand sonst auf seinem College, auch besser als die Basketballer, die höher als er aus dem Stand springen konnten. Als Ewry 1899 nach New Jersey zog, meldete er sich beim New Yorker Athletik Klub an. Sein wundersamer Aufstieg begann.

Es gibt die skurrilsten Geschichten über die Olympioniken. Nurmi gewann 1924 in Paris vier Goldmedaillen innerhalb einer Stunde oder Phelps hatte als Kind Angst vor Wasser und litt zudem an ADHS. Und die erfolgreichste deutsche Olympionikin Birgit Fischer war 42 Jahre alt, als 2004 in Athen ihre achte und letzte Goldmedaille um ihren Hals baumelte – drei Jahre lang hatte sie davor pausiert und nach eigenen Angaben eine „Hausfrauenfigur“.

Raymond Clarence Ewry träumte als Kind nicht vom Triumph bei Olympia, sondern nur davon, eines Tages wieder gehen zu können. Ewry ist ein stiller Held auf der schrillen olympischen Bühne.

(dapd/Fotos: Wikipedia)

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