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Baby Charlie tot – wie wäre dieser Fall in Deutschland verlaufen?

Monatelang kämpften die Eltern verzweifelt um das Leben ihres Sohnes. Vergebens. Von Silvia Kusidlo und Christoph Meyer

Baby Charlie Gard in der Kinderklinik Great Ormond Street Hospital in London. (Foto: Uncredited/Family of Charlie Gard/dpa)

Baby Charlie Gard in der Kinderklinik Great Ormond Street Hospital in London. (Foto: Uncredited/Family of Charlie Gard/dpa)

Sein Leben war nur sehr kurz. Der kleine Charlie Gard aus Großbritannien ist nicht einmal ein Jahr alt geworden. Genau eine Woche vor seinem Geburtstag am 4. August starb der an einer genetischen Erkrankung leidende Junge am Freitag in einem Hospiz, wie ein Sprecher der Familie in London mitteilte. Monatelang hatten die Eltern vor Gerichten um sein Schicksal gekämpft. Der Fall hatte international sehr viele Menschen bewegt. In einer Mitteilung der Eltern wurde die Mutter heute zitiert:

„Unser wunderschöner, kleiner Junge ist von uns gegangen, wir sind so stolz auf dich, Charlie.“

Völlig frustriert und erschöpft gaben die Eltern den juristischen Streit am 25. Juli auf. Ihrem Kind gehe es inzwischen so schlecht, dass selbst eine experimentelle Therapie in den USA ihm nicht mehr helfen könne. Zu viel wertvolle Zeit sei bei den Auseinandersetzungen mit Medizinern und Juristen vergeudet worden, kritisierte das Paar.

Tod in einem Hospiz

Doch selbst um den Sterbeort gab es noch Streit. Die Eltern wollten sich zu Hause von ihrem Sohn verabschieden. Charlies Ärzte im Londoner Great-Ormond-Street-Krankenhaus bezweifelten aber, dass die Beatmungsmaschine in die Wohnung gebracht werden könne.

Die Klinik forderte auch einen sicheren Pflegeplan und dass Charlie Schmerzen erspart bleiben müssten. Der Londoner High Court entschied schließlich, dass Charlie in einem Hospiz sterben sollte.

Die Eltern von Charlie, Connie Yates (r.) und Chris Gard, am Montag in London vor dem Gericht bei einer Pressekonferenz. (Foto: Jonathan Brady/Press Association/dpa)

Die Eltern von Charlie, Connie Yates (r.) und Chris Gard, am Montag in London vor dem Gericht bei einer Pressekonferenz. (Foto: Jonathan Brady/Press Association/dpa)

Charlie hatte das mitochondriale DNA-Depletionssyndrom (MDDS). Ein Genfehler beeinträchtigte die Funktion der Kraftwerke seiner Zellen, der Mitochondrien. Die Folge bei Charlie: Sein Gehirn war zerstört, er konnte sich nicht mehr bewegen. Er musste künstlich beatmet und ernährt werden. Charlies Erkrankung, bei der das Gen RRM2B betroffen ist, wurde vor rund zehn Jahren erstmals beschrieben. Nach britischen Medienberichten sind weltweit weniger als 20 solcher Fälle bekannt.

Experten sind sich sicher: Charlie hätte beim derzeitigen Stand der Forschung nicht geheilt werden können. Ein Mediziner in den USA bezifferte die Chance, dass sich der Zustand des Babys durch die experimentelle Therapie etwas verbessern könnte, zunächst auf etwa zehn Prozent. Britische Ärzte warfen dem Mediziner aus New York aber vor, den Eltern zu große Hoffnungen gemacht zu haben.

Papst twittert Beileid

Streit, Streit, Streit. Der Anwalt der Familie sprach von einer „griechischen Tragödie“. Wäre so etwas auch bei einem schwer kranken Baby in Deutschland möglich? Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält das für unwahrscheinlich. Stiftungsvorstand Eugen Brysch sagte:

„Das nationale Gesundheitssystem im Vereinigten Königreich funktioniert ganz anders als in Deutschland und ist viel strikter. Dort gibt es Vorschriften, die genau festlegen, welches Krankheitsbild in welcher Weise therapiert wird und wann ganz bestimmte Therapien eingestellt werden müssen – und zwar in jedem Krankenhaus.“

In Deutschland treten laut Brysch eher mal Fälle auf, bei denen es um die Frage gehe, ob Eltern dem Kind eine Therapie vorenthalten „Die sind dann aber meist anders gelagert, dass also Eltern zum Beispiel statt einer Chemotherapie lieber eine biologische Behandlung wollen.“

Papst Franziskus twitterte (oder ließ in seinem Namen twittern): „Ich vertraue den kleinen Charlie dem Vater an und bete für seine Eltern und alle, die ihn ins Herz
geschlossen haben.“ Das Personal des Krankenhauses, in dem Charlie vorher lag, und Premierministerin Theresa May kondolierten. Sie sei „tief betrübt“ und im Gedanken bei den Eltern, sagte May. Auch US-Vizepräsident Mike Pence sprach sein Beileid aus.

(dpa)

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1 Kommentar

  • dasuxullebt

    Diese Geschichte zeigt ziemlich gut die Machtlosigkeit die wir Menschen immernoch haben. Gerade in unserer Wohlstandsgesellschaft können die Leute aber mit sowas nicht mehr umgehen.
    Ich kann beide Seiten, Eltern und Ärzte, verstehen. Ich persönlich denke, die Ärzte waren im Recht.

    Leider gibt es in diesem Fall keine moralisch einwandfreie Entscheidung.

    30. Juli 2017 at 20:01

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