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Baden-Württemberg: Mehr als 50 Prozent aller Betriebe kaufen sich von Behinderten frei

Ausgerechnet in dem reichen Bundesland drücken sich Unternehmen, kritisiert der Landesbehindertenbeauftragte. Aber es tut sich was.

Aufstieg fast nur für Nichtbehinderte: BASF gehört zu den baden-württembergischen DAX-Unternehmen, die die Behindertenquote nicht erfüllen (Foto: dpa)

Aufstieg fast nur für Nichtbehinderte: BASF gehört zu den baden-württembergischen DAX-Unternehmen, die die Behindertenquote nicht erfüllen (Foto: dpa)

Baden-Württemberg steht nach Ansicht des Landesbehindertenbeauftragten schlecht da bei der Integration behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt. „Der Ist-Zustand ist nicht sehr schön“, sagte Gerd Weimer. Mehr als 50 Prozent der Betriebe, die laut Gesetz Behinderte beschäftigen müssten, „kaufen sich frei“.

Viel mehr noch: Von den 20 Dax-Unternehmen, die im Land vertreten seien, erfüllten gerade mal sieben die vorgeschriebene Beschäftigungsquote von fünf Prozent (siehe auch ROLLINGPLANET-DAX-Watchlist). „Die gute Wirtschaftslage geht an Menschen mit Behinderung komplett vorbei“, sagte Weimer.

Landesverwaltung ist kein Vorbild

Auch die Landesverwaltung, mit rund 240.000 Arbeitsplätzen größter Arbeitgeber im Südwesten, sei kein gutes Vorbild. „Die erfüllen mit 5,1 Prozent ihre Quote haarscharf“, kritisiert Weimer.

Außerdem müssten gerade die öffentlichen Arbeitgeber, Städte und Gemeinden, mit gutem Beispiel vorangehen; ebenso richtete Weimer einen flammenden Appell an die Privatwirtschaft. „Leute, schaut Euch um: Es gibt doch Unternehmen, die sich vorbildlich verhalten.“

Höhere Quoten und höhere Abgaben gefordert

weimer-internet.jpg.647587„Wenn alle Appelle nicht bald fruchten, muss der Gesetzgeber tätig werden“, betonte Weimer (Foto). Gemeinsam mit seinen 15 Kollegen der anderen Bundesländer fordert er eine Beschäftigungsquote von sechs statt fünf Prozent. Außerdem müsse die sogenannte Ausgleichsabgabe, mit der Unternehmen sich von der Beschäftigung Behinderter freikaufen können, drastisch erhöht werden.

„Ich könnte mir mindestens das Doppelte vorstellen“, sagte Weimer (ROLLINGPLANET berichtete). Im Durchschnitt könnten Unternehmen sich mit 2100 Euro jährlich freikaufen je nicht eingestelltem Behinderten. „Das ist ein Witz.“

Die Rolle der Werkstätten für Behinderte

Das Sozialministerium verwies jedoch auf die Bedeutung der Ausgleichsabgabe, die an die Integrationsämter fließe und zweckgebunden sei. „Damit wird die Förderung der Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben finanziert“, hieß es im Ministerium.

Dazu gehörten Investitionen in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Leistungen wie etwa Assistenz sowie Unterstützung von Integrationsprojekten und Arbeitgebern.

Behinderte konnten aus Werkstätten seit 2005 in rund 10.000 Praktika vermittelt werden. Für verschiedenste Programm haben die Integrationsämter 2012 über 58 Millionen Euro ausgegeben.

Unternehmen wie SAP machen Mut

Der Softwarekonzern SAP zeigt, wie es besser geht (Foto: dpa)

Der Softwarekonzern SAP zeigt, wie es besser geht (Foto: dpa)

Auch angesichts des demografischen Wandels und des damit verbundenen Fachkräftemangels sei es dringend nötig, Behinderte viel stärker in den Blick zu nehmen. „Das ist nicht eine soziale, sondern vielmehr eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagte dazu das Unternehmensforum, das seit zwei Jahren den Inklusionspreis vergibt.

Dass Unternehmen sich verstärkt bemühen, zeigen auch Initiativen wie die des Software-Unternehmens SAP, das in den kommenden Jahren hunderte Autisten einstellen will. Außerdem entwickeln Firmen zunehmend Aktionspläne zum „gemeinsamen Arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung.“

Werkstätten wachsen nicht mehr ungebremst

Förderprogramme wie „Ausbildung Inklusiv“, die junge Schwerbehinderte ausbilden, sowie etwa Integrationsfirmen, die mindestens 40 Prozent Behinderte beschäftigen, sorgen jetzt schon dafür, dass Werkstätten nicht mehr ungebremst wachsen, sondern Behinderte auch in „echte“ Jobs kommen.

„Die Zahl derer, die nach der Sonderschule direkt in die Werkstätten kommt, reduziert sich damit schon heute deutlich“, sagte Sigrid Döhner-Wieder vom Landesverband Lebenshilfe. Zurzeit sind über 26.000 Menschen in Werkstätten, den größten Arbeitgebern für Behinderte, beschäftigt.

Beweislast wurde umgekehrt

Rückwirkend zum Januar ist im Sommer zumindest für die Landesverwaltung eine Vorschrift in Kraft getreten, die Ausflüchte bei der Nicht-Einstellung Behinderter erschweren soll:

Die Beweislast wurde umgedreht, erklärte das Sozialministerium. Künftig müsse nicht der Behinderte nachweisen, dass er zu Unrecht nicht eingestellt wurde. Stattdessen muss der Arbeitgeber darlegen, warum er den Behinderten nicht beschäftigen will.

(dpa/lsw)

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