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Bauernhof statt Heim: Neue Wohnformen im Alter gesucht

Senioren-WG oder Mehrgenerationenhaus: Eine Sozialministerin im Rollstuhl wirbt für Alternativen zu den herkömmlichen Abschiebe-Methoden. Von Marco Pecht

Die rheinland-pfälzische SPD-Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie, Malu Dreyer (hat Multiple Sklerose), in Marienrachdorf mit ihrer Pressesprecherin Beate Fasbender-Doering (l.) und der Bewohnerin der Seniorenwohngemeinschaft „Haus Eifler“, Balbina Adam (Foto: Torsten Silz/dapd)

Ursula König sitzt auf einer Bank und strahlt. Kinder toben im Garten um sie herum, die 62-Jährige sieht glücklich aus. „Ich habe lange nach so einer Wohnung gesucht“, sagt die Frau, die seit einigen Jahren an einer chronischen Krankheit leidet. König bewohnt eine der elf Wohnungen in der Boelckestraße 25 in Koblenz und möchte ihren Lebensabend dort genießen.

Da stört es nicht, dass es gelegentlich laut zu geht und spielende Kinder an ihrer Wohnungstür vorbei toben. „Ich wollte nicht in ein Haus, wo es nur Senioren gibt“, betont König. Sie lebt in einem Wohnprojekt, das vom Mieterverein „Miteinander-Füreinander“ getragen wird. Das Konzept ist schnell erklärt: In dem Mietshaus auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne leben junge Familien gemeinsam mit Senioren und unterstützen sich gegenseitig im Alltag. „Wir passen aufeinander auf“, sagt der Vorsitzende des Vereins, Rüdiger Riedel. Die Älteren nehmen die Kinder in Obhut, die Jüngeren gehen Einkaufen und immer wieder treffen sich alle im Hof oder im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss.

Finanzierbare Wohnungen für junge Familien

Auch die 27 Jahre alte Sarah Frisch ist gerne mit ihrer dreijährigen Tochter Elea und Ehemann in das Haus im Koblenzer Stadtteil Moselweis gezogen. Klar, „wir können nicht auf die Tagesmutter verzichten, aber die Omas und Opas helfen uns schon“, sagt sie. Und natürlich sei es finanzierbar. Wer einen Berechtigungsschein hat, darf in die Wohnungen in der Boelckestraße ziehen und bekommt je nach Einkommen eine Mietminderung. Ein Aufzug und breite Türen machen das Gebäude auch für Rollstuhlfahrer nutzbar.

Die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) ist ein großer Fan solcher Wohnprojekte. Gerade weil es in Zukunft immer mehr ältere Menschen ohne traditionelle Familienbande gebe, müssten mehr alternative Wohnformen entstehen, unterstreicht Dreyer. Die Pflegelandschaft der Zukunft dürfe nicht nur aus Seniorenheimen bestehen, sondern müsse Alternativen wie etwa Wohngemeinschaften bieten, betont Dreyer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. „Es geht aber nicht darum, die Altenheime gegen neue Wohnformen auszuspielen.“

Betreuung auf dem Bauernhof

Genau die von der Ministerin geforderten neuen Wege haben Guido Pusch und Cornelia Licht im Westerwald eingeschlagen. Der 39 Jahre alte Pusch hat den kleinen Bauernhof der Familie in der Mitte des kleines Dorfes Marienrachdorf seniorengerecht umgebaut und vermietet die 13 bis 27 Quadratmeter große Zimmer nun als Senioren-WG. Cornelia Licht ist die Chefin eines ambulanten Pflegedienstes, stellt die 24-Stunden-Betreuung sicher und kümmert sich mit ihrem Team auch um schwerst pflegebedürftige Menschen. Bis zu 17 Senioren können in den beiden WGs auf dem Bauernhof wohnen. „Wir wollen hier familiär leben“, betont Hauseigentümer Pusch. Darum hätten auch alle Bewohner Anteil an der Landwirtschaft, kümmerten sich um die Gänse oder die acht Kühe.

Cornelia Licht betreibt fünf solcher Alten-WGs im Westerwald. „Die Leute wollen nicht in ein Heim und blühen hier richtig auf“, ist sie überzeugt. Ihren Angaben zufolge kostet ein Platz in Marienrachdorf etwa 1.100 Euro inklusive der Pauschale für die Betreuung. Kämen Pflegeleistungen hinzu, rechne sie diese als ambulante Leistung mit der Kasse ab.

Für Ministerin Dreyer liegt genau dort ein Problem: Auch nach der von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossenen Pflegereform sei die stationäre Pflege noch immer bessergestellt als die ambulante. Genau darum werde noch zu häufig auf neue Seniorenheime gesetzt. „Das ist ein Fehlanreiz im System“, sagt Dreyer.

(dapd)

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