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Behandlungsfehler nachweisen: Wie die Ermittlung in eigener Sache klappt

Machtlos fühlen sich Patienten, die nach einer Operation merken: Etwas ist schiefgegangen. Warum der Bettzeuge ein wichtiger Zeuge sein kann.

Ohne Eigeninitiative werden Sie als Betroffener nicht zu Ihrem Recht kommen (Foto: Stefan Bayer/pixelio.de)

Ohne Eigeninitiative werden Sie als Betroffener nicht zu Ihrem Recht kommen (Foto: Stefan Bayer/pixelio.de)

Sie waren von Ihrem jüngsten Krankenhaus-Aufenthalt genervt, weil Sie eine/n neugierige/n Mitpatienten/in hatten, der oder die ausgerechnet auf Ihrem Zimmer lag und ganz große Ohren hatte, wann immer Sie Besuch bekamen? Wir wünschen es Ihnen nicht, aber vielleicht sind Sie beim nächstem Klinikstopp darüber ganz froh.

Denn: Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler kann der Bettnachbar aus dem Krankenhaus als Zeuge helfen. Vermutet ein Patient, dass seinem Arzt ein Fehler passiert ist, sollte er versuchen, Kontakt zu dem Patienten aufzunehmen, der mit ihm im Zimmer lag. Darauf weist Jürgen Arlt von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) hin.

Sich die Kontaktdaten eines Zeugen zu besorgen, ist Teil der Beweissicherung, die jeder Patient mit Verdacht auf einen Fehler als erstes angehen sollte. „Je früher, desto besser“, sagt Arlt. Sonst sinke die Chance, den Bettnachbarn ausfindig zu machen.

Kopien der Unterlagen anfordern

Zur Beweissicherung gehöre auch ein Anruf beim Krankenhaus oder in der Arztpraxis. Dort sollte der Patient Kopien der Behandlungsunterlagen anfordern. „Aber Sie müssen genau sagen, was Sie wollen. Sie dürfen sich nicht mit dem Entlassungsbrief abspeisen lassen“, warnt Arlt. Wichtig seien etwa das OP-Protokoll oder die Pflegeunterlagen.

Im Jahr 2012 vermuteten fast 12.500 Menschen in Deutschland, ihrem Arzt sei ein Behandlungsfehler unterlaufen. Das geht aus der Statistik hervor, die der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) am Mittwoch vorstellte.

MDS erstellt ein Gutachten

Meldet sich ein Patient mit Verdacht auf einen Fehler des Arztes bei seiner Krankenkasse, beauftragt sie den MDS, ein Gutachten zu erstellen. Bei knapp einem Drittel der 12.500 Patienten (32 Prozent) stellten die Gutachter tatsächlich einen Behandlungsfehler fest.

Das heißt aber laut Arlt nicht, dass bei zwei Dritteln definitiv kein Fehler vorliegt. Der MDS erstelle sein Gutachten nur „nach Papier“, erklärte Arlt, also auf Basis der Unterlagen, die ihm vorliegen. „Es kommt ja nicht zu einem Verfahren.“

Sei der Patient fest von einem Fehlverhalten des Arztes überzeugt, sollte er bei einem Gutachten, das etwas anderes bescheinigt, nicht einfach aufgeben. Er sollte sich einen Anwalt nehmen und vor Gericht ziehen. „Weil ich im Gericht andere Möglichkeiten habe“, sagt Arlt. Dazu zähle die Zeugenbefragung.

Ausreichend aufgeklärt?

Basiert der Behandlungsfehler zum Beispiel darauf, dass der Patient nicht ausreichend über Risiken aufgeklärt wurde, kann der Bettnachbar das möglicherweise vor Gericht bezeugen.

„Er kann bei der Visite etwas mitbekommen haben, beispielsweise wie das Pflegepersonal gerufen wurde, aber stundenlang niemand kam“, nannte Arlt einen Punkt, in dem der Bettnachbar ein wertvoller Zeuge sein kann.

Wie die UPD hilft

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) berät im gesetzlichen Auftrag zu gesundheitlichen und gesundheitsrechtlichen Fragen in 21 Beratungsstellen und über ein kostenfreies Beratungstelefon.

Deutsch: 0800/0 11 77 22 (Mo. bis Fr. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr)
Türkisch: 0800/0 11 77 23 (Mo. und Mi. 10-12 Uhr, 15-17 Uhr)
Russisch: 0800/0 11 77 24 (Mo. und Mi. 10-12 Uhr, 15-17 Uhr)

Mobilfunktarife für die Beratung auf Deutsch abweichend.

(RP/Johanna Uchtmann, dpa)

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1 Kommentar

  • Bürger & Lenke aus Essen

    Ein Behandlungsfehler ist wirklich das schlimmste, was einem selbst und auch den Angehörigen eines Betroffenen passieren kann. Da erwartet man eigentlich Hilfe bei seinen Beschwerden und Wehwehchen und dann passiert so etwas.

    Wir wünschen allen Betroffenen nicht nur viel Erfolg, sondern vor allem auch eine gute Besserung und Genesung. Mögliches Schmerzengeld oder die Erbringung von Finanzleistungen für die Folgeschäden machen Ärztefehler schließlich nicht wieder gut machen.

    Beste Grüße aus Essen

    15. Dezember 2016 at 11:58

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