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Behindert bleibt behindert: Auch Übermenschen werden diskriminiert

Für die Briten sind die Paralympics schlicht Kult. Sie feiern ihre Behindertensportler wie Weltstars – unverkrampft, fröhlich und manchmal durchaus mit dem typisch schwarzen Humor. Aber: Auch in diesem Land ist nicht alles Gold, wenn es um Behinderte geht.

„The Superhumans“: Die Übermenschlichen

Jeden Abend, wenn im Londoner Olympiastadion die Wettkämpfe der weltbesten Behindertensportler schon beendet sind, geht es beim übertragenden Sender Channel 4 erst richtig zur Sache. Dann kommt Adam Hills zum Zug, ein Comedian aus Australien. Schon der Titel seiner Sendung ist Programm: The Last Leg – ein Wortspiel, das sowohl mit „die letzte Etappe“ als auch „das letzte Bein“ übersetzt werden kann. Hills – selbst mit nur einem Unterschenkel zur Welt gekommen – lotet jeden Abend aus, wie weit man bei Späßen mit und über Behinderte gehen kann – mit Humor und Respekt, nie die Grenze überschreitend.

„Was soll das?“, fragt Hill etwa unter dem Gelächter behinderter und nichtbehinderter Gäste, als sich ein Torwart beim Fußball mit weit ausgebreiteten Armen vor dem blinden Strafstoß-Schützen aufbaut. „Er sollte lieber rufen: Ey Mann, ich bin riesig.“ Adam Hills‘ Sendung ist ein Beispiel für den unverkrampft-fröhlichen, aber auch respektvollen Umgang der Briten mit den Paralympics und dem Thema Behinderung. „The Superhumans“ – „Die Übermenschlichen“, ist das gängige Synonym für die Athleten.

Taschentücher holen!

Der blinde Ex-Minister David Blunkett erlebte Diskriminierung – ausgerechnet bei der Eröffnungsfeier.

Die Stadien sind voll, die britischen Goldmedaillen-Gewinner werden zu Helden auf Zeit. Wenn die kleinwüchsige Ellie Simmonds antritt, steht die ausverkaufte Schwimmhalle Kopf. 80.000 sind im Olympiastadion aus dem Häuschen, wenn „Weir-Wolfe“ David Weir in seinem Rollstuhl die Konkurrenz in Grund und Boden fährt. Die Bilder der Athleten prangen auf den Titelseiten der Zeitungen, die Fernsehsender überschlagen sich mit rührenden Heldengeschichten: „Taschentücher holen!“ rät der Kommentator den Zuschauern, vor dem Werbeblock, dem ein Interview mit einem der Gladiatoren folgt.

„Die britische Öffentlichkeit hat die Paralympics einfach in ihr Herz geschlossen“, sagt die Bürgermeisterin des paralympischen Dorfes, Eva Löffler. Ihr Vater, der aus Hitler-Deutschland geflohene jüdische Arzt Ludwig Guttmann, hatte die ersten Spiele in Stoke Mandeville 1948 aus der Not heraus geboren. Der Mediziner musste Kriegsversehrte zur Bewegung antreiben, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. „Damals war es Rehabilitation“, sagt Eva Löffler. „Jetzt hat es sich geändert. Das sind richtige Athleten.“

Channel sendet sensationelle 16 Stunden pro Tag

Und genauso werden sie von den Briten behandelt. Wie zuvor die erfolgreichen Olympioniken des Teams GB tingeln die Behinderten von Interview zu Interview, wie ihre nichtbehinderten Pendants bekommen die Sieger eigene Briefmarken von der Royal Mail, in Heimatgemeinden goldene Briefkästen und einen große Bahnhof. Für die Sportler ist es oft die Erfahrung des Lebens: Nie zuvor und vermutlich auch nie wieder in der Zukunft standen und stehen sie dermaßen im Rampenlicht.

Der übertragende Sender Channel 4 hat wegen des massiven Interesses seine Übertragungszeit auf sensationelle 16 Stunden pro Tag aufgestockt. Die Niederlage von Oscar Pistorius über 200 Meter sahen weit über vier Millionen Briten, die Eröffnungsfeier schalteten sogar elf Millionen ein – kalkuliert war ein Maximum von 2,5 Millionen. Channel 4 erzielt mit dem Behindertensport die besten Quoten seit Jahren und schlägt an manchen Abenden sogar die auf der Insel dominierende BBC.

44.000 Euro für einen einbeinigen Moderator

Auch die zunächst zurückhaltende Werbewirtschaft zieht mit. Wurde das Interesse der Werbekunden anfangs noch als „lauwarm“ bezeichnet, herrscht bei Channel 4 zur Mitte der Spiele geradezu Begeisterung: „Die Werbekunden wollen jetzt taktisch die besten Plätze um die Schlüssel-Ereignisse der Spiele besetzen, und wissen genau, wer die großen Stars sind“, sagte etwa Channel-4-Verkaufschef Jonathan Allan, dem Fachmagazin „Marketing Week“.

Auch Adam Hills und seine Show schwimmen auf der Erfolgswelle mit. Bis zu 1,6 Millionen Briten schalten ein, wenn der Australier am späten Abend seine Witze reißt. Ein Scherzbold hat jetzt eine Strickpuppe von dem einbeinigen Moderator gebastelt und auf dem Internet-Marktplatz Ebay zur Versteigerung angeboten. Das Höchstgebot stand am Mittwoch bei 35.000 Pfund (rund 44.000 Euro).

Nicht immer muss man über Inklusion sprechen

Wie Helden im Kampf gegen das Böse inszeniert der Privatsender Channel 4 die behinderten Athleten. Der Titel der Anzeigen- und Werbespot-Kampagne: „Meet the Superhumans“.

Dem Deutschlandfunk sagte Thomas Hahn, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, der seit 2002 von den Paralympics berichtet: „Das ist eine ganz spezielle Kampagne, die ich so noch nicht gesehen habe, und die zum ersten Mal die Rolle der Menschen mit Behinderung aus dieser etwas gedeckelten, unterschätzten Position herausholt und sie zu etwas ganz anderem macht, nämlich zu einem Menschenideal.“

Hahn: „Aus einer Unbeholfenheit heraus war vielleicht am Anfang mehr dieser Mitleidsgedanke und eine unterschwellige Diskriminierung: Man berichtet zwar, aber man lässt sich herab im Prinzip zu berichten. Dass man eigentlich inklusive Berichterstattung machen sollte und dass bedeutet eben nicht die ganze Zeit über Inklusion zu berichten, sondern halt über das Ereignis hier. Vielleicht muss man auch einfach mal den Mut haben – man redet da schon von Mut, das ist ja auch irgendwie Unsinn – und zu sagen: Man macht jetzt einfach mal einen klassischen Sportbericht über die Perspektive der Rollstuhlnationalmannschaft.“

Die querschnittsgelähmte Sportlerin Tanja Gröpper aus Dortmund: „Wenn man in diesem Land hier ankommt und dann plötzlich dieses Medieninteresse kennenlernt, dann ist man erstmal überwältigt und geschockt, weil man dann auch sehen muss, wie es leider in Deutschland ist. Das ist so schade, dass vor und nach den Paralympics sich wirklich niemand für uns wesentlich interessiert.“

Nicht alles in Großbritannien ist Gold

Der Hype in Großbritannien beeindruckt jeden – so oder so. Aber nicht alles in diesem Land ist Gold, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Dies musste ausgerechnet bei der Eröffnungsfeier der Paralympics der blinde Ex-Minister David Blunkett (65) feststellen, der wegen seines Blindführhundes nicht hereingelassen wurde: „Mein Beispiel zeigt, vor welchen Herausforderungen unsere Gesellschaft im Umgang mit behinderten Menschen immer noch steht.“

Trotz der Superhumans-Kampagne würden, so schreibt der Deutschlandfunk, die Integrationsdefizite im Land vergessen: „90 Prozent der Briten haben keinen regelmäßigen Kontakt zu behinderten Menschen. Öffentliche Einrichtungen sind noch lange nicht barrierefrei. Nur 50 Prozent der Menschen mit einer körperlichen und zwölf Prozent der Menschen mit einer geistigen Behinderung haben einen Job. Und diejenigen, die einer Arbeit nachgehen, werden schlechter bezahlt als nichtbehinderte Kollegen mit gleicher Qualifikation. Im Sport sind nur 20 Prozent der Menschen mit Behinderung aktiv.“

(dpa/RP)


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Video

Meet the Superhumans from STITCH on Vimeo.

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