Behinderte Menschen werden noch häufiger diskriminiert als Menschen mit Migrationshintergrund

Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht Deutschlands größte Befragung zu Benachteiligungen in diesem Land.

Menschen mit Behinderung sind besonders oft von Diskriminierung betroffen. (Symbolfoto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Menschen mit Behinderung sind besonders oft von Diskriminierung betroffen. (Symbolfoto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Nahezu jeder dritte Mensch in Deutschland (31,4 Prozent) hat in den vergangenen zwei Jahren eine Diskriminierung erfahren. Vergleichsweise häufig wird Benachteiligung aufgrund des Alters (14,8 Prozent) erlebt, gefolgt von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts (9,2 Prozent). Besonders häufig sind Benachteiligungen im Job verbreitet: Fast die Hälfte der Befragten (48,9 Prozent), die Diskriminierung erlebt haben, berichten von Benachteiligung im Arbeitsleben. Das sind die zentralen Ergebnisse der umfassenden wissenschaftlichen Erhebung „Diskriminierung in Deutschland,“, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestern veröffentlichte.

„Diskriminierung ist alles andere als ein Nischenthema“, sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse. „Jeder Mensch kann betroffen sein. Es ist also in unser aller Interesse, mit ganzem Einsatz gegen jede Form von Diskriminierung anzugehen.“

Menschen mit Behinderung sind am häufigsten von Diskriminierung betroffen
Zur Studie „Diskriminierung in Deutschland“ kommentierte Corinna Rüffer, behindertenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion:
„Jeder vierte Mensch mit Behinderung (24,4 Prozent) wurde in den vergangenen zwei Jahren aufgrund seiner Behinderung diskriminiert. Menschen mit Behinderung sind damit in Deutschland am häufigsten von Diskriminierung betroffen. Nur Menschen mit Migrationshintergrund werden fast genauso oft diskriminiert.
Erschreckend ist auch, dass Menschen mit Behinderung vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich sowie bei Ämtern und Behörden diskriminiert werden – also dort, wo man eigentlich Sensibilität erwarten sollte bzw. dort wo der Staat zuständig ist und Verantwortung trägt.
Die Ergebnisse der Umfrage belegen, dass der Diskriminierungsschutz im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) für Menschen mit Behinderung dringend verbessert werden muss.“

Bisher größte Umfrage dieser Art

Die Befragung der Antidiskriminierungsstelle basiert auf zwei Säulen: In einer repräsentativen Umfrage des Bielefelder Forschungsinstituts SOKO Institut für Sozialforschung und Kommunikation wurden rund 1.000 Personen ab 14 Jahren bundesweit telefonisch befragt. Diese Ergebnisse geben einen Überblick darüber, wie verbreitet Diskriminierung in Deutschland ist.

In einer umfassenden schriftlichen Betroffenenbefragung konnten überdies alle in Deutschland lebenden Menschen ab 14 Jahren über selbst erlebte oder beobachtete Diskriminierungserfahrungen berichten. Mehr als 18.000 Personen haben sich beteiligt und knapp 17.000 selbst erlebte Diskriminierungssituationen beschrieben. Die Umfrage wurde gemeinsam mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Berliner Humboldt-Universität durchgeführt. Die Betroffenenbefragung ist damit die größte, die es bislang in Deutschland zu diesem Thema gegeben hat. Auch auf ROLLINGPLANT war ein Aufruf zur Teilnahme an der Umfrage erschienen.

„Der Rücklauf hat unsere Erwartungen übertroffen“, sagte Lüders. „Das zeigt uns: Die Menschen wollen über Diskriminierung sprechen, und sie erwarten, dass das Thema nicht kleingeredet wird.“ Deutlich werde dies auch in einem weiteren Ergebnis der Befragung, ergänzte Lüders: „Wer Diskriminierung erlebt, nimmt das mehrheitlich nicht einfach hin.“ Rund sechs von zehn Betroffenen (59,6 Prozent) haben darauf reagiert, etwa indem sie versuchten, öffentlich auf Diskriminierung aufmerksam zu machen oder Beratungsangebote genutzt haben.

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Pressefoto)

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Pressefoto)

„Die Menschen sind nicht gewillt, Diskriminierung einfach zu erdulden“, sagte Lüders. Sie brauchten aber mehr und bessere Unterstützung: „Knapp zehn Jahre nach Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ist es höchste Zeit für eine rechtliche Stärkung der Menschen, die Diskriminierung erleben. Auch sollten wir jetzt eine Fortentwicklung des gesetzlichen Diskriminierungsschutzes in den Blick nehmen.“

Lüders regte deshalb ein eigenes Klagerecht für Diskriminierungsverbände sowie für die Antidiskriminierungsstelle an: „Es muss endlich möglich sein, Betroffene vor Gericht effektiv zu unterstützen – wie es in vielen anderen europäischen Ländern längst möglich ist.“ 

Zentrale Ergebnisse:

Diskriminierungserfahrungen sind weit verbreitet

Befragt nach Diskriminierungen aufgrund eines der im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz genannten Merkmale (Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung, sexuelle Identität), geben in der Repräsentativbefragung 31,4 Prozent der Menschen in Deutschland an, in den vergangenen zwei Jahren Benachteiligungen erlebt zu haben.

Wenn auch die vom Gesetz nicht geschützten Merkmale, etwa die „soziale Herkunft“, der Familienstand oder das Aussehen, hinzugezählt werden, berichten 35,6 Prozent von Diskriminierungserfahrungen.

Benachteiligungen aufgrund des Alters werden am häufigsten erlebt: Etwa jede siebte Person (14,8 Prozent) gibt an, hier Erfahrungen gemacht zu haben. Aufgrund des Geschlechts bzw. der Geschlechtsidentität wurde laut Befragung fast jede zehnte Person diskriminiert (9,2 Prozent), aufgrund der Religion oder Weltanschauung 8,8 Prozent, der ethnischen Herkunft 8,4 Prozent, einer Behinderung 7,9 Prozent und der sexuellen Orientierung 2,4 Prozent aller Befragten. Anhand der Betroffenenbefragung, in der die Teilnehmenden ausführlich einzelne Diskriminierungserfahrungen schildern konnten, wird deutlich, dass Benachteiligung häufig aufgrund mehrerer Merkmale gleichzeitig stattfindet, etwa aufgrund des Geschlechts und des Alters.

Besonders hohes Diskriminierungsrisiko im Arbeitsleben

Diskriminierung kommt in allen Lebensbereichen vor, besonders häufig jedoch beim Zugang zu Beschäftigung und am Arbeitsplatz. Von Benachteiligungen in diesem Bereich berichteten fast die Hälfte (48,9 Prozent) der Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren Diskriminierung erlebt haben.

Wie ein vertiefender Blick auf die Betroffenenbefragung zeigt, kommen Diskriminierungen im Arbeitsleben vergleichsweise häufig aufgrund des Lebensalters sowie des Geschlechts vor. Wegen ihrer sexuellen Orientierung oder aus rassistischen Gründen werden Menschen hingegen überdurchschnittlich häufig in der Öffentlichkeit und im Freizeitbereich diskriminiert: etwa auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Sportvereinen.

Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen gaben häufiger als andere Diskriminierungserfahrungen im Gesundheits- und Pflegebereich an.

Betroffene nehmen Diskriminierung mehrheitlich nicht hin

Etwa sechs von zehn Betroffenen (59,6 Prozent) geben an, in Folge einer Diskriminierung etwas unternommen zu haben. Unter anderem haben die Betroffenen versucht, öffentlich auf die Diskriminierung aufmerksam zu machen (27,4 Prozent) oder Beratung eingeholt (13,6 Prozent). Bei einer offiziellen Stelle haben sich 17,1 Prozent beschwert, 6,2 Prozent haben Klage eingereicht.

Diskriminierungen haben Auswirkungen für die Betroffenen

Bisher ist nur wenig darüber bekannt, welche Auswirkungen Diskriminierungserfahrungen haben. Wie die Betroffenenbefragung zeigt, führen viele Benachteiligungserlebnisse zu seelischen Belastungen und Misstrauen, aber auch zu mehr Aufmerksamkeit gegenüber Diskriminierungen insgesamt. Die erhobenen Daten sind aufgrund des enormen Datenvolumens noch nicht vollständig ausgewertet. Ausführlicher gehen sie in den Bericht an den Deutschen Bundestag ein, den die Antidiskriminierungsstelle 2017 gemeinsam mit den Beauftragten der Bundesregierung vorlegen wird. In dem Bericht werden auch Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis formuliert.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ist mit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) im August 2006 gegründet worden. Ziel des Gesetzes ist es, Diskriminierung aus rassistischen Gründen oder wegen ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Internet: www.antidiskriminierungsstelle.de.

(RP/PM)

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8 Kommentare

  • Scharik

    „Menschen mit Behinderung sind damit in Deutschland am häufigsten von Diskriminierung betroffen. Nur Menschen mit Migrationshintergrund werden fast genauso oft diskriminiert.
    (…) Erschreckend ist auch, dass Menschen mit Behinderung vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich sowie bei Ämtern und Behörden diskriminiert werden – also dort, wo man eigentlich Sensibilität erwarten sollte bzw. dort wo der Staat zuständig ist und Verantwortung trägt.“
    So steht es oben im Kasten.
    Das ist doch etwa die gleiche Situation, wie „ab 1933“. Wenn ich mich auch noch daran erinnere, das ab etwa 1938, also viel eher als die Vernichtung nichtarischer Ethnien, damit begonnen wurde, behinderte Menschen systematisch und großrahmig umzubringen und wenn ich mir die AFD-Positionspapiere zur gesellschaftlichen „Wertigkeit“ genau anschaue, dann passt auch das in die gesellschaftliche Denkweise ab ´33.
    Alles fließt und vieles in der Geschichte wiederholt sich.

    20. April 2016 at 08:37
  • Haakon Nogge

    Und der Vergleich mit Menschen mit Migrationshintergrund musste unbedingt in die Überschrift? „Behinderte Menschen werden am häufigsten diskriminiert“ hätte es auch getan, aber so spielt man natürlich gleich noch die eine Gruppe gegen die andere aus und schürt ein wenig Sozialneid nach dem Motto „Sogar die haben es besser als wir“.

    20. April 2016 at 10:31
    • Josef Winter

      Haha diese political correctness Is ja furchtbar ! Bist bei Verdi antifa oder Gutmensch?

      20. April 2016 at 12:28
      • Haakon Nogge

        Lieber Gutmensch als Arschloch. 🙂

        20. April 2016 at 12:29
        • Michaela Klingen

          Genau das war mein erster Gedanke! Ist beides schlimm. Egal wer mehr diskriminiert wird. Da hat der Schreiber nicht zu Ende gedacht

          20. April 2016 at 21:58
  • Scharik

    Einen lustigeren Kommentar hörte ich selten.
    Ich weiß nicht, was das mit „Sozialneid“ zu tun hat, oder mit „einer Gruppe gegen die andere ausspielen“.
    Das heißt, vielleicht ist mit „Sozialneid“ gemeint, dass die heutigen Migrationshintergrundler sozialneidisch sind, dass die damaligen „Menschen mit Migarationshintergrund“ erst Jahre NACH den „Menschen mit Behinderung“ systematisch umgebracht wurden? 😉

    Naja, schönen Tag noch!

    20. April 2016 at 12:43
  • Andreas Lindlar

    Was für eine Überraschung.

    20. April 2016 at 14:08

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