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Behinderte Schaufensterpuppen

Die Schweizer Behindertenorganisation Pro Infirmis provoziert mit einer spektakulären Kampagne.

Die fünf Akteure und die nach ihnen geformten Schaufensterpuppen (Foto: Pro Infirmis )

Die fünf Akteure und die nach ihnen geformten Schaufensterpuppen (Foto: Pro Infirmis )

Dem fehlt nichts: Leichtathlet Urs Kolly

Dem fehlt nichts: Leichtathlet Urs Kolly

Miss Handicap 2010 Jasmin Rechsteiner schaut sich an...

Miss Handicap 2010 Jasmin Rechsteiner schaut sich an…

...und zieht als Schaufensterpuppe die Blicke an

…und zieht als Schaufensterpuppe die Blicke an

Bloggerin Nadja Schmid

Bloggerin Nadja Schmid

Und das ausgerechnet in der Weihnachtszeit vor dem großen X-Mas-Shopping? Verkürzte Gliedmaße, krumme Wirbelsäule oder Rollstuhl statt vermeintlich perfekter Körper – behinderte Schaufensterpuppen lösen seit gestern an der Zürcher Bahnhofstraße kontroverse Reaktionen aus: Erstaunen, Zustimmung, Widerwillen und Abscheu.

Die 1920 als „Schweizerische Vereinigung für Anormale“ gegründete Behindertenorganisation Pro Infirmis beweist mit ihrer spektakulären Aktion „Wer ist schon perfekt? Kommen Sie näher“ einmal mehr kreativen Sinn für ein wichtiges Thema. Das eigentlich nur für den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember vorgesehene Spiel mit den Puppen wurde nun verlängert.

Die Schaufensterpuppen sind fünf realen Personen mit Behinderung aus der Schweiz nachempfunden. Es sind dies Radiomoderator und Filmkritiker Alex Oberholzer, Miss Handicap 2010 Jasmin Rechsteiner, Leichtathlet Urs Kolly, Schauspieler Erwin Aljukic und Bloggerin Nadja Schmid. „Indem wir ihre Nachbildungen neben die perfekten Schaufensterpuppen stellen, wollen wir zu mehr Akzeptanz gegenüber behinderten Menschen aufrufen“, sagt Mark Zumbühl, Sprecher von Pro Infirmis.

Die ganze Aktion wurde in einem Video von Regisseur Alain Gsponer festgehalten:

Video „Wer ist schon perfekt“

Schmid ist im nicht-virtuellen Leben Kundenberaterin und lebt seit ihrer Geburt mit einer Muskelkrankheit. Die erste Begegnung mit ihrem Abbild sei emotional gewesen, erzählt Schmid: „Da ich im Rollstuhl sitze, kann ich mich normalerweise nicht nackt und in voller Größe einfach im Spiegel betrachten.“ Es sei einmalig, sich so einmal von einer ganz anderen Seite zu sehen.

Für die 24-Jährige war von Anfang an klar, dass sie bei der Kampagne mitmacht: „Auch wenn wir nicht perfekt sind, sind wir trotzdem normale Menschen, die gerne einkaufen gehen und die einen normalen Umgang verdient haben. Es ist leider auch heute noch eine traurige Tatsache, dass ich tagtäglich mit unangenehmen Blicken, despektierlichen Kommentaren oder irritierenden Verhaltensweisen konfrontiert bin.“ Diese Barriere zwischen Menschen mit und ohne Behinderung müsse endlich aufgebrochen werden.

Wollte nicht mitmachen: Der Schweizer Nationalrat Christian Lohr (Foto: Migros)

Wollte nicht mitmachen: Der Schweizer Nationalrat Christian Lohr (Foto: Migros)

Der Schweizer Politiker und Nationalrat Christian Lohr, der wegen des Medikaments Contergan mit Missbildungen zur Welt kam, gab Pro Infirmis allerdings einen Korb: „Durch meine besondere Lebenssituation erlebe ich es ohnehin schon täglich, dass sich viele Blicke auf mich richten. Nun zusätzlich noch als Schaufensterpuppe an der Bahnhofstraße zu einem Ausstellungsobjekt zu werden, das würde nicht meiner Grundhaltung der von mir gelebten Normalität entsprechen.“

Die Kampagnenmacher

Bereits seit über zehn Jahren tritt Pro Infirmis (aus dem Lateinischen für „schwach“, „krank“) regelmäßig mit viel beachteten und diskutierten Kampagnen an die Öffentlichkeit. So strahlte die Organisation vor zwei Jahren einen von der Werbeagentur Jung von Matt/Limmat produzierten TV-Spot aus, der bei YouTube hunderttausendfach angeklickt wurde:

Ein Mensch in einem Bärenkostüm steht in einer Fußgängerzone; er umarmt Menschen und lässt sich umarmen. Als er den Bärenkopf auszieht, wird sichtbar, dass es sich um einen Menschen mit ungewöhnlichen Gesichtszügen handelt – eine Frage steht im Raum: „Müssen wir uns verkleiden, um uns näher zu kommen?“

(RP)

Video: „Kommen Sie näher“

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4 Kommentare

  • Blab

    Meiner Meinung nach einfach nur eine richtig tolle Aktion. Schade, dass die Schaufensterpuppen nicht dauerhaft da stehen.

    9. Dezember 2013 at 11:28
  • Anton Stotschi

    Tolle Aktion, ich wäre direkt LIVE dabei.

    Man muss auch mal SCHOCKEN um sich Gehör zu verschaffen.
    DANKE den Machern…
    Eine Frage, könnte man daraus keine „Wanderausstellung“ machen???
    Ich denke es gäbe genügend Städte die DA mitmachen würden.

    Die Besten Grüße für ein besinnliches Fest und ein glückliches Neues Jahr
    Anton

    16. Dezember 2013 at 10:29
  • Dani

    @Anton: Wieso, denkst du, SCHOCKEN (dann auch noch in Großschreibung) diese Schaufensterpuppen?

    16. Dezember 2013 at 22:53
  • Anton Stotschi

    Na ja, Ich habe die Erfahrung gemacht, das gerade in den Größeren Städten die Ignoranz doch sehr Groß ist.
    Die „Normalos“ interresiert es wenig, ob wir ne Treppe hoch kommen, oder wenn uns die Beine „weggehn“ und wir hinfallen, die erste Reaktion. „der ist doch Besoffen“…
    Gerade hier bei uns, herrscht noch großer Aufklärungsbedarf.
    Daher auch die Idee, die Ausstellung Wandern zu lassen.

    17. Dezember 2013 at 05:35

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