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„Behinderte sind sehr extrem, also extrem dumm, extrem laut oder einfach extrem extrem“

Wer ist schon normal? ARD zeigt am Dienstag, 15. Juli, Niko von Glasows Film „Mein Weg nach Olympia“. Von Klaus Braeuer

Niko von Glasow (Im Hintergrund) lässt sich von der Schwimmerin Christiane Reppe überzeugen, dass Sport vielleicht doch ganz okay ist (Foto: palladiofilm)

Niko von Glasow (Im Hintergrund) lässt sich von der Schwimmerin Christiane Reppe überzeugen, dass Sport vielleicht doch ganz okay ist (Foto: Palladio Film)

Filmplakat

Filmplakat

Filmemacher Niko von Glasow hat einen Dokumentarfilm über ein Thema gedreht, mit dem er überhaupt nichts anfangen konnte. „Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, warum ich diesen Film überhaupt mache. Ich finde Sport doof und halte die Paralympics für eine blöde Idee“, erzählt der Contergan-geschädigte TV-Produzent (54) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Doch dann stellte sich heraus, dass die Paralympics die beste Party war, auf der ich je war.“ Das Ergebnis, „Mein Weg nach Olympia“ (siehe auch ROLLINGPLANET Bericht), läuft am Dienstag, 15. Juli 2014, um 22.45 Uhr in der ARD.

Der Kölner Von Glasow porträtiert hier dann doch auf sehr persönliche und heitere Weise vier Sportler und ein Team: Aida Husic Dahlen, einarmige Tischtennis-Spielerin (Norwegen), Christiane Reppe, einseitig beinamputierte Schwimmerin (Deutschland), die jüngst die Sportart wechselte und einen Hai-Angriff überlebte, Matt Stutzman, kurzarmiger Bogenschütze (USA), eine Sitzvolleyball-Mannschaft (Ruanda) und Greg Polychronidis, einen ab dem Hals durch chronischen Muskelschwund gelähmten Boccia-Spieler (Griechenland).

„Es war einfach zu kompliziert“

Von ihm stammt das Zitat: Greg Polychronidis (Foto: privat/Facebook)

Von ihm stammt das Zitat: Greg Polychronidis (Foto: privat/Facebook)

Polychronidis sagt im Film: „Mir fällt auf, dass viele Behinderte sehr extrem sind, also extrem dumm, extrem laut oder einfach extrem extrem.“ Das klingt hart, und dann lässt er noch durchblicken, dass er zwar nicht schüchtern sei, aber keine Freundin mehr habe: „Es war einfach zu kompliziert.“

Der Filmautor geht mit seinen Protagonisten sehr locker um – und mit sich selbst: „Ich bin gleich dreifach behindert – ich hab‘ kurze Arme, ’nen dicken Bauch und ’nen fetten Arsch“. Er wurde mit verkürzten Armen geboren, weil seine Mutter das Schlafmittel Contergan genommen hatte, kann schreiben, Auto fahren, „aber leider kein Volleyball spielen“.

Im Film wird er gefragt, ob ihm seine Behinderung im Job hilft oder eher behindert. Er antwortet: „Meist ist es schwierig für mich, als Behinderter einen Filmauftrag zu bekommen. Aber wenn ich den Job dann habe, kann es sehr hilfreich sein!“ Man merkt, dass es ihn immer noch ärgert, dass Behinderte dafür kämpfen müssen, „normal“ zu sein.

Noch nie einen nichtbehinderten Menschen getroffen

Sein erfrischend kritischer wie selbstkritischer und unsentimentaler Film hält dem Zuschauer einen Spiegel vor die Nase: Den Deutschen wird ja nachgesagt, sehr perfektionistisch zu sein, und insofern gilt Behindertsein im allgemeinen als „nicht korrekt“. Im Umgang mit Begriffen wie „behindert/nichtbehindert“ kommt man leicht ins Schleudern. „Ich habe noch nie einen nichtbehinderten Menschen getroffen. Also stellt sich die Frage: Wie gehen wir, die Behinderten dieser Welt, miteinander um?“, sagt Niko von Glasow.

Regisseur Niko von Glasow (Foto: Palladio Film/Werner Meyer)

Regisseur Niko von Glasow (Foto: Palladio Film/Werner Meyer)

Diese geradezu entwaffnende Direktheit und Ehrlichkeit prägt seinen herausragenden Film. Was kommt als Nächstes? „Ich würde gerne einen Film über die Ausbildung von Frauen und Mädchen drehen. Wenn sie besser ausgebildet würden, gäbe es einige Probleme weniger: Häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Menschenhandel, Kindersterblichkeit, Krieg, Korruption. Im Grunde will ich um die Welt fahren und Männern in den Arsch treten.“

(dpa)

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