Behindertenbeauftragter der Bundesregierung übt scharfe Kritik an ARD-Film

Neulich lief „Inklusion – Gemeinsam anders“ im Abendprogramm. Hubert Hüppes Vorwurf lautet: „Öffentlich-rechtliches Fernsehen bedient Vorurteile“.

Filmausschnitt: Lehrer sitzt vor einer Schultafel

ARD-Film „Inklusion - Gemeinsam anders“

Hubert Hüppe

Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, hat etwas gegen den ARD-Film „Inklusion – Gemeinsam anders“. Das interessiert uns nicht, weil er Behindertenbeauftragter ist. Sondern weil er mit seinen relativ wenigen finanziellen Mitteln ein sehr engagiertes Kulturprogramm auf die Beine stellt. Deswegen nehmen wir ihn ernst, wenn er sich zum Thema Kultur und Medien äußert. Seine heutige Pressemitteilung:

Was heißt Inklusion, für Mitschüler, Lehrer, Eltern und für die Menschen selbst?“ Mit diesem Satz wurde der in der vergangenen Woche Mittwoch zur besten Sendezeit ausgestrahlte Film „Inklusion – Gemeinsam anders“ von der ARD angekündigt.

„Statt eine Antwort zu geben, bedienten die Filmemacher reihenweise Vorurteile und Klischees. Wer schon immer der Meinung war, dass Lehrer an Regelschulen behinderte Schüler nicht unterrichten wollen, Eltern um die Noten ihrer nicht behinderten Kinder fürchten müssen und Schüler mit Lernschwierigkeiten sowieso auf Regelschulen nichts zu suchen haben, musste sich nach diesem Film bestätigt fühlen. Mit Inklusion und inklusiver Beschulung hatte das Gezeigte jedenfalls nichts zu tun, allenfalls mit einem Beispiel schlecht gemachter Umsetzung von Inklusion“, kritisiert der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe.

„Weitere Klischees, die der schlecht gelaunten Rollstuhlfahrerin und des aggressiven Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten, werden dann mit den Hauptfiguren Steffi und Paul bedient. Fatal ist auch die Botschaft, die von der Darstellung des Paul ausgeht. Bei Eltern nicht behinderter Kinder muss der Eindruck entstehen, dass sie ihr Kind vor Kindern mit Lernschwierigkeiten schützen müssten. Und die vom Film inszenierte Rückkehr Pauls an die Förderschule hinterlässt den Beigeschmack, dass es weniger schlimm ist, wenn er gegenüber den Kindern und Jugendlichen in der Förderschule aggressiv auftritt“, so Hubert Hüppe.

„Zwischendurch verkehren die Filmemacher die tatsächlichen Verhältnisse um, als die gehbehinderte minderjährige Steffi dann auch noch ihren Lehrer zu einem intimen Verhältnis drängen will“, so Hubert Hüppe. Die Tatsache, dass Frauen und Mädchen mit Behinderung in unterschiedlichen Lebensbereichen besonders häufig Opfer sexueller Gewalt sind, werde hier anscheinend völlig ignoriert, betont der Beauftragte.

„Was aus Sicht der Filmemacher noch als künstlerische Freiheit durchgehen kann, wirft gegenüber der ARD die Frage auf, warum ein Verbund öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten meint, das Thema „Inklusion“ mit einem solch einseitigen und vorurteilsbeladenen Film aufgreifen zu müssen. Schließlich wirkt auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mit. Ebenso gehört zum Bildungsauftrag öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, Bewusstsein in der Bevölkerung für das Recht behinderter Menschen auf Teilhabe mitten in der Gesellschaft zu schaffen. Stattdessen wird ein solcher Film von Teilen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auch noch im Zusammenhang mit den Special Olympics angepriesen. Den Teilnehmern der Special Olympics wird mit dem Film die Botschaft mit auf den Weg gegeben: ‚Ihr gehört nicht dazu‘“, kritisiert Hubert Hüppe.

Der Beauftragte hat sich deshalb an die Vorsitzende der ARD und Intendantin des Westdeutschen Rundfunks, Monika Piel, gewandt und um eine Erklärung gebeten. Gleichzeitig hat er auf bereits bestehende Filme zum Thema Inklusion verwiesen, wie etwa auf den Dokumentarfilm „Berg Fidel“ und dazu aufgefordert, das Thema „Inklusion“ noch einmal gelungener an prominenter Stelle aufzugreifen.

Das sagt die ARD über ihren Film: Download in unserem-Service-Bereich.

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1 Kommentar

  • Alex Schertl

    Ich bin absolut dagegen, dass Politiker sich in das Fernsehprogramm und die Kunst einmischen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen gibt es doch jetzt schon viel zu viel Einflußnahme. Unabhängig davon kann ich die Kritik nicht teilen. Ich habe den Film gesehen und fand ihn gut, und das als Rollstuhlfahrer… So ein Film ist keine Dokumentation, was soll also die Kritik? Und ich finde es sogar positiv, wenn Behinderte wie in diesem Film nicht als „typisch Behinderte“ und vorhersehbar dargestellt werden. Es soll Fälle geben, in denen Schülerinnen ihre Lehrer zu einem intimen Verhältnis drängen soll. Warum darf solch eine Schülerin also nicht behindert sein??? Auch wenn das absolut konstruiert erscheint und in de Wirklichkeit vielleicht seltener als in 1 % der Fall sein sollte, ist mir das lieber als wenn Behinderte im Fernsehen als „asexuelle Wesen“ dargestellt würden. Wie gesagt, kann die Aufregung nicht nachvollziehen, und wie geschrieben, das war keine Dokumentation, auch für solch ein Thema muss die Recht auf künstlerische Freiheit gelten

    16. Juni 2012 at 20:51

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