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Behindertenfeindliche Airlines? Daran kann wohl selbst der liebe Herrgott nichts ändern

Pfarrer Frank Malzacher hat Diabetes. Seinem Hypo-Hund verpasst Germanwings einen Maulkorb – obwohl das tödlich enden kann. Von Lothar Epe

Anthony Hopkins als Hannibal Lector in "Das Schweigen der Lämmer" (Foto: Twentieth Century Fox Home Entertainment Anthony Hopkins als Hannibal Lector in "Das Schweigen der Lämmer". (Foto: Twentieth Century Fox Home Entertainment)

ROLLINGPLANET fordert: Wenn schon, denn schon – Maulkorb für alle Passagiere! (Foto: Anthony Hopkins als Hannibal Lector in „Das Schweigen der Lämmer“, Twentieth Century Fox Home Entertainment).

Wenn Frank Malzacher, Pfarrer der 5700-Seelen-Gemeinde Trochtelfingen in der Nähe von Stuttgart, im Schlaf unterzuckert ist, stupst ihn die feuchte Schnauze von Aila so lange an, bis er aufwacht. Der noch nicht ganz zu Ende ausgebildete Wolfsspitz kann schon eine halbe Stunde vor der Unterzuckerung erschnuppern, ob sein Besitzer gefährdet ist.

„Heute Morgen hat mich Aila um 2 Uhr geweckt. Ich habe gemessen, 70-120 mg Blutzucker sind ja normal. Der Wert war 71 mg – also habe ich Aila gelobt, ihr ein Leckerli gegeben und Traubenzucker genommen“, erzählt Malzacher. In der weiteren Schlafphase wäre sein Butzuckerspiegel wahrscheinlich noch weiter nach unten gegangen, sagt er.

Hunde riechen laut Messungen bis zu eine Million mal besser als Menschen – und sie sind in der Lage, ein Duftgemisch selektiv wahrzunehmen. Sie können Teilkomponenten analysieren, diese Duftinformationen im Gedächtnis speichern und später sicher wiedererkennen. Deswegen sind sie ideale Kandidaten, um sie zu Polizei-Assistenten oder zu einem sogenannten Anzeige- oder Hypo-Hund (abgeleitet von dem Wort Hypoglykämie für Unterzuckerung) auszubilden.

Lebensgefährliche Situationen

Pfarrer Frank Malzacher und seine Bestie (Foto: privat)

Pfarrer Frank Malzacher und seine Bestie (Foto: privat)

Malzacher hat seit früher Kindheit Diabetes Typ 1. Inzwischen benötigt der 47-Jährige nicht nur eine Insulinpumpe, sondern auch einen Hypo-Hund, der ihm hilft, seinen Alltag zu bewältigen. Aila darf sogar mit in den Altarraum, wenn der Pfarrer die heilige Messe liest. Seine Diabetes-Erkrankung hat sich mittlerweile so stark verschlimmert, dass Malzacher oft gar nicht mehr merkt, wenn er unterzuckert ist. Und das ist lebensgefährlich.

Ein promimentes Beispiel dafür ist der Sohn des legendären „Blacky“ Fuchsberger: Thomas Fuchsberger ertrank im Oktober 2010 in einem Bach – vermutlich aufgrund eines Schwächeanfalls, der ihn als Folge seiner schweren Diabetes-Erkrankung ereilte.

Um sich selbst zusammen mit seinen Wolfsspitz in der auf Hypo-Hunde spezialisierten Hundeschule von Dr. Anna Sophie und Felix Müller in Uelsby in der Nähe von Hamburg ausbilden zu lassen, fliegt Malzacher seit Juli 2012 einmal im Monat von Stuttgart nach Hamburg und wieder retour.

Das tut er auf eigene Rechnung, denn das Training wird nicht, wie etwa bei Blindenführhunden, von seiner Krankenkasse übernommen. Die Maßnahme ist teuer und kostet 4.400 Euro. Hinzu kommen die Flugkosten.

Was bei den Flügen mit der Lufthansa monatelang kein Problem war, ist seit April 2013 ziemlich kompliziert. Im Februar 2013 wurde der Pfarrer informiert, dass Deutschlands größte Airline zahlreiche Kurz- und Mittelstrecken an seine Billigtochter übergibt: „Germanwings ist seit März für die Flüge der Lufthansa zwischen Stuttgart und Hamburg zuständig“, sagt Malzacher.

Maulkorb trotz Attests

Ab April verweigerte Germanwings – trotz eines ärztlichen Attests – Malzacher und Aila den Flug, weil Aila keinen Maulkorb trägt. Begründung: Aila sei noch nicht vollständig ausgebildet. Für den Lufthansa-erprobten Kunden ein Novum. „Ein Hypo-Hund mit Maulkorb ist therapeutisch völlig sinnlos“, erklärt der Pfarrer, kann dabei aber dummerweise nicht auf die Bibel, sondern muss auf den gesunden Menschenverstand verweisen: „Aila kann dann ihren Job nicht mehr machen“.

Sie müsse in allen Alltagssituationen und ständig trainiert werden, also auch auf den Flügen, so Malzacher. Und das geht nur, wenn sie keinen Maulkorb trägt. Ein Hund, der in Extremsituationen versagt, ist nur ein Wauwau, aber kein Hypo-Hund.

Florian Gränzdörffer, Sprecher der Lufthansa, erklärt, dass lebendes Fell an Bord seiner Airline nicht die Regel sei (siehe dazu auch morgen unseren Bericht „Tierischer Nachbar im Flugzeug: Schlechte Karten für Allergiker“).

Je nach Flugzeugtyp ist die Mitnahme beschränkt. In kleineren Flugzeugen dürfen maximal zwei Tiere in der Kabine mitreisen, in größeren maximal sechs. „Man will vermeiden, dass es ein fliegender Zoo ist“, so Gränzdörffer. Auf die Idee, Aila einen Maulkorb zu verpassen, kam aber auch Lufthansa nicht.

Gottesdienst mit Malzacher in seiner Gemeinde Trochtelfingen (Foto: privat)

Gottesdienst mit Malzacher in seiner Gemeinde Trochtelfingen (Foto: privat)

Der Hund, der nicht für die Katz ist

Schon seit längerem lässt sich der erbarmungslose Konkurrenzkampf von Fluggesellschaften beobachten. Erbarmungslos geht es auch in der Disziplin zu: Welche Airline diskriminiert am besten Menschen mit Behinderung? Die Wahl fällt schwer. Nachdem EasyJet und AirBerlin schon ganz ordentlich vorgelegt haben, versucht es nun offensichtlich auch Germanwings.

„In der Abfertigung hat Aila weder geschnappt noch gebissen, sie geht mit ihrem Herrchen. Und sie geht ruhig durch die Kontrolle, ohne Angst und Gebell“, betont der katholische Gottesmann.

Bevor ein Vierbeiner zur Ausbildung als Hypo-Hund überhaupt zugelassen wird, muss überprüft und sichergestellt sein, dass keinerlei aggressives Potential vorhanden ist. Nur solche Hunde werden akzeptiert, deren Wesen und Verhalten ein optimales Schulungsergebnis versprechen. Bis zu Germanwings hat sich das noch nicht herumgesprochen.

Nachdem ein User neulich allen Ernstes behauptet hat, dass ein Rollstuhl an Bord ein Flugrisiko darstellt, liefern wir vorsichtshalber noch diese Fakten:

Weltweite Anzahl von Flugunfällen aufgrund eines Hundes ohne Maulkorb: 0
Weltweite Anzahl von Passagieren, die während eines Fluges von einem Hund gebissen wurden: 0
Anzahl von Passagieren, die aufgrund von Alkoholeinfluss randalierten und Zwischenfälle in Flugzeugen verursachten: Allein bei Aeroflot finden sich 1800 Namen auf einer internen „Blacklist“ (weltweite Statistik nicht vorhanden).
Risikofaktor Pilot – Krankheiten eines Piloten, die gefährlich für Passagiere sein können und nicht getestet werden: Alkoholismus, Diabetes, Niereninsuffizienz, Herzfehler.

(RP)

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1 Kommentar

  • anja

    Fluggesellschaft – „Sunexpress“
    Hallo.

    Na da hatten wir wohl Glück. Mal mit dem rolli in den Urlaub. Oder endlich mal wieder Urlaub seid dem ich das Handicap habe.
    Gehbeginderung bei der Fluggesellschaft angemeldet und:
    Alles hat geklappt. Flughafen Hannover. Mit der Johanniter Unfall hilfe bis zur Flugzeugtür, dann mit den „Krücken“ zum Platz. Reihe 5. Dann, leider mit Verspätung nach Izmir. Dort warten bis alle anderen gegangen sind. Jetzt wartet an der Flugzeugtür ein Mitarbeiter der Airport clinic mit einem e-rolli auf mich und meinen Mann. Ratz fatz sind wir durch die Passkontrolle und beim Gepäckband. Der nette aber sehr stille Mitarbeiter ist kurz weg und kommt mit meinem Rolli wieder. Und der ist komplett und heile. Anders als in meinen Träumen. 🙂
    Es folgt ein toller Urlaub und zurück geht es in umgekehrter Reihenfolge. Über fen Flughafen izmir ist zu sagen das die Schilder die überall angebracht sind auch gelebt werden. „Kranke und behinderte Personen sind bevorzugt zu behandeln!“
    Wo man hinsieht gibt ds Rolligerechte Toiletten.
    Ich bin begeistert. Leider ist die Fluggesellschaft ansonsten eher wie der Preis. Billig! Sitze alt und unbequem. Service: Was für ein Service. Bei dem Preis darf man aber auch nicht wirklich etwas erwarten.

    Aber dafür wie Sunexpress mit mir und meinem Handicap umgegangen ist bekommen sie min. eine 2+.

    28. Oktober 2013 at 19:52

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