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Behindertensport: Was Sie über die Klassifizierungen wissen müssen

Manchmal sind Menschen wie Äpfel und Birnen. In welchen Korb legen wir sie? Warum nehmen Rollstuhlfahrer, amputierte, blinde und geistig behinderte Menschen, aber nicht Gehörlose bei den Paralympics teil?

Klarer Fall: Die ROLLINGPLANET-Bildredakteurin hat falsch klassizifiert. Äpfel und Birnen fehlen. (Foto: LouPe_pixelio.de)

Marianne Buggenhagen ist verärgert. Ausgerechnet das Diskuswerfen, ihre Paradedisziplin, wurde in ihrer Startklasse aus dem Programm für London gestrichen. Die Leichtathletin, die seit ihrem 23. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und zu den erfolgreichsten Behindertensportlern in Deutschland zählt, darf im Olympiastadion nur im Kugelstoßen antreten. Sie sei schwer enttäuscht und fühle sich betrogen, sagte die 59-Jährige vor wenigen Tagen dem Internetportal „zdf.de“.

Nun überlegt der „Oldtimer“, wie sie sich selbst gern bezeichnet, noch in Rio 2016 zu starten, weil der Diskuswettbewerb für sie dann wieder ins Programm rutscht. Auch der sehbehinderte Thomas Ulbricht ist ein „Streichopfer“ des undurchsichtigen Systems. Fünfkampf ist rausgeflogen, der Berliner konzentriert sich nun nur noch auf den Sprint.

Der oberschenkelamputierte Sprinter Heinrich Popow ist frustriert, dass er sich auf die 100 Meter konzentrieren muss: „Leider wurden im Weitsprung die Unter- und Oberschenkelamputierten zusammengelegt. Für mich ist das ein großes Ärgernis, denn um zu gewinnen, müsste ich eine Weite im Bereich der Nichtbehinderten springen. Das ist unmöglich.“

Ein Buch mit sieben Siegeln

Wie Disziplinen im Behindertensport gewichtet und Athleten eingruppiert werden, ist eine „Buch mit sieben Siegeln“, wie selbst Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), findet. Insgesamt werden 503 Medaillen bei den Paraylmpics vergeben, 30 mehr als in Peking und 200 mehr als bei Olympischen Spielen. Die Startklassen-Einteilung ist der Schlüssel der Paralympics. Sie sorgt für annähernd gleiche Voraussetzungen.

Die meisten der 4.200 Athleten sind schon lange vor den Spielen eingeordnet worden. Während vor vier Jahren 680 Handicapsportler unmittelbar vor den Paralympics noch klassifiziert werden mussten, sind es diesmal nur knapp 300. „Das ist ein großer Fortschritt“, sagt der leitende deutsche Mannschaftsarzt Jürgen Kosel der Nachrichtenagentur dapd. Beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) sind für die aufwendige Einteilung derzeit 70 bis 80 Klassifizierer im Einsatz. Das sind meistens Ärzte, Physiotherapeuten, aber auch Biomechaniker mit einer entsprechenden Fortbildung.

Während eine Querschnittslähmung eindeutig zu erkennen ist oder ein Blinder ein sicheres Attest von einem speziellen Augenarzt vorlegt und sicher eingeordnet wird, sind Spastiker schwierig zu klassifizieren. Unter Wettkampfstress beispielsweise kann sich die Spastik zeitweise sogar verschlimmern. Es wird auch geschummelt. Prominentestes Beispiel ist die Niederländerin Monique van der Vorst, die jahrelang eine Querschnittslähmung vortäuschte. „Sie ist eine Betrügerin“, sagt Kosel. Mit sehr umfangreichen Untersuchungen hätte man sicher nachweisen können, dass sie laufen kann“, meint Mediziner Kosel. So unumstritten scheint dieser Vorwurf indes nicht zu sein: Ein ROLLINGPLANET-Artikel über Monique van der Vorst als Betrügerin hat zu empörten Mails an die Redaktion geführt – auch von Betroffenen.

Klassifizierung in jeder Disziplin verschieden

Um einen Einblick in diese aufwendige Klassifizierung zu bekommen, veranstaltete der internationale Verband erstmals einen Medienworkshop. Im Deutschen Haus ließ sich der ehemalige britische Rollstuhl-Rugbyspieler Alan Ash diese spezielle „Untersuchung“ vor den Augen der Journalisten über sich ergehen. Wie kann er seine Arme bewegen? Lassen sich die Finger noch strecken? Wie beweglich ist er in seinem Rollstuhl? Für die Schwere seiner Behinderung bekommt er Punkte, in dem Fall zwei. Insgesamt dürfen die Rugbyspieler auf dem Feld acht Punkte aufweisen – je schwerer die Behinderung, desto höher die Punktzahl.

In den einzelnen Sportarten wird nach unterschiedlichen Maßstäben klassifiziert. Beim Schwimmen werden die Athleten rein funktionell betrachtet, wie es im Fachjargon heißt. Das Kriterium ist der Vortrieb, also die Fähigkeit, sich im Wasser vorwärtszubewegen. So kann es passieren, dass Schwimmer ohne Hand gegen Schwimmer ohne Fuß antreten. Bei den Läufern ist es wieder anders. Dort wird nach rein medizinischen Aspekten sortiert. Fehlt ein Bein, erfolgt der Start in der Klasse der Beinamputierten.

Noch schwerer einzuordnen sind die sogenannten geistig Behinderten, die erstmals seit Sydney 2000 wieder im Schwimmen, der Leichtathletik und im Tischtennis bei den Paralympics mit starten dürfen (damals wurden sie mit einem Bann belegt, weil spanische Basketballer ihre geistige Behinderung vorgetäuscht und Gold gewonnen hatten).

Warum die Gehörlosen nicht bei den Paralympics mitmachen

Gehörlose nehmen hingegen nicht bei den Paralympics teil, sondern veranstalten ihre eigenen Deaflympics. Warum?

„Die sportliche Abspaltung der Gehörlosen von den Paralympics ist eine längere Geschichte“, erklärt ein deutscher Vertreter des International Committee of Sports for the Deaf (ICSD) auf der Seite Taubwissen des Hamburger Instituts für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser. „Das olympische Komitee (IOC) hatte schon vor langer Zeit taube Sportler dazu aufgerufen, sich an den Paralympics zu beteiligen statt eine eigene Olympiade duchzuführen. Die tauben Sportler und Funktionäre akzeptierten die Einladung mit einer gewissen Skepsis. Tatsächlich waren wir zehn Jahre Mitglied im paralympischen Verband und nahmen auch an Gesprächen mit dem Komitee der paralympischen Spiele teil.“

Am Anfang sei man sehr aufgeschlossen gewesen gegenüber den Paralympics. Allerdings „herrschte dort nur wenig Bewusstsein und Verständnis gegenüber uns tauben Teilnehmern. Zum Beispiel waren bei den Mitgliederversammlungen und Gesprächsrunden keine Gebärdensprachdolmetscher anwesend! Als ich mich darüber beschwerte und erklärte, dass wir ohne Verdolmetschung viele wertvolle Informationen verpassen würden, bekam ich eine knappe Antwort: Ein Dolmetschservice sei nicht notwendig. Taube Teilnehmer könnten schließlich die ausliegenden Papiere und Aushänge lesen. Diese Mängel wurden auch in den folgenden Jahren nicht behoben. Unter diesen Umständen erschien mir eine langfristige Beteiligung an den Paralympics immer unwahrscheinlicher. Ich diskutierte mit Kollegen darüber, wie wir die Veranstalter von unseren Forderungen überzeugen könnten.

Ein weiterer Nachteil für uns war die Beschränkung der Wettkampfdisziplinen durch das Paralympics-Komitee. Wir hatten bei den Deaflympics immer um die 25 verschiedene Disziplinen, erlaubt waren bei den Paralympics aber nur 4-6, um die anderen Teilnehmergruppen (wie Blinde, Rollstuhlfahrer u.a.), die sich auch nur in so wenigen Disziplinen miteinander maßen, nicht zu benachteiligen. Das konnte ich nicht nachvollziehen!“

Die Deaflympics gibt es seit 1924. Sie finden jeweils ein Jahr nach den Olympischen Spielen statt und werden vom ICSD ausgetragen.

(Michaela Widder/dapd/RP)


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