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Behindertensportler fordern Klarheit in Sachen Inklusion

Markus Rehm, der nicht zur EM nach Zürich durfte, will nun in Swansea Gold holen: „Ich blicke nur nach vorne“. Von Sandra Degenhardt

Paralympics-Sieger Markus Rehm bei einer Pressekonferenz (Foto: Rainer Jensen/dpa)

Paralympics-Sieger Markus Rehm bei einer Pressekonferenz (Foto: Rainer Jensen/dpa)

Kurz vor den Paralympics-Europameisterschaften haben die Behindertensportler noch einmal Klarheit in Sachen Inklusion gefordert. „Es muss eine Regelung her. Denn es geht nicht mehr nur um mich, sondern um die ganze Sache, den ganzen Sport“, sagt Markus Rehm am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Der Weitspringer durfte nach seinem Überraschungscoup bei den nationalen Titelkämpfen nicht mit zu den Leichtathletik-Europameisterschaften nach Zürich, weil biomechanische Messungen die Vermutung aufkommen ließen, dass der unterschenkelamputierte Leverkusener durch seine Karbon-Prothese einen unerlaubten Vorteil haben könnte.

„Die Diskussion um Markus Rehm ist nicht ganz ehrlich geführt worden. Ich glaube, dass die Berührungsängste gegenüber einem behinderten Athleten manchmal die Wahrheit ein bisschen zurückhalten“, sagte Paralympics-Sieger Heinrich Popow im Sportclub des NDR Fernsehens zum Thema Inklusion und zum Fall Rehm. Niemand habe gewusst, wie er genau an dieses Thema herangehen soll. „Keiner will Menschen mit Behinderung, die auch noch Leistungssport betreiben, zu nahe treten.“ Nach Rehms „sagenhafter Weite“ bei den deutschen Meisterschaften „hat dann die Zeit gefehlt, um alles richtig zu machen“.

„Eine schöne Idee und ein erster Schritt“

Heinrich Popow nach seinem Triumph über 100 Meter in der Klasse T42 bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Heinrich Popow nach seinem Triumph über 100 Meter in der Klasse T42 bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Popow mahnte weitere Untersuchungen an: „Man sollte die Vergleichbarkeit wahren und da ist die Frage, ob das möglich ist oder nicht“, sagte der 31-Jährige. Gleichmacherei könne nicht das Ziel sein, jeder Athlet müsse individuell betrachtet werden. Popow forderte Respekt für die Leistungen der Behindertensportler: „Die Prothese ist ein Körperteilersatz, mit dem es möglich ist, gewisse Leistungen zu bringen und nichtsdestotrotz steckt da viel Arbeit drin.“

Rehm bewertete es als positiv, dass er jederzeit außerhalb der Konkurrenz starten kann. „Dieses Angebot steht ja, und das ist echt toll. Das ist für mich extrem viel wert.“ Auch die vom DLV angeregte Teilnahme an Trainingslagern freut Rehm. „Das ist eine schöne Idee und ein erster Schritt. Aber damit ist es nicht getan. Es müssen noch weitere Gespräche folgen, denn es wird in Zukunft ja weiter auf die Wettkämpfe ankommen“, sagte der Orthopädie-Meister, der auch seinem Start beim ISTAF in Berlin Ende August entgegenfiebert: „Das ist ein Highlight.“

Leichtathletik-EM der Behinderten in Swansea

Seine Nichtnominierung für die Leichtathletik-EM hat er abgehakt. „Es ist sicher ärgerlich und nicht alles rund gelaufen. Aber wir sollten uns jetzt nicht gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Ich blicke nur noch nach vorne“, sagte der deutsche Weitsprung-Meister. Der 25-Jährige, der als erster Behindertensportler bei Meisterschaften der „Fußgänger“ gewann, will nun bei der EM der Sportler mit Handicap im walisischen Swansea Gold holen. „Klappt das nicht, wäre es ohne Frage eine große Enttäuschung“, erklärte der Ausnahme-Athlet vor den am Dienstag beginnenden Wettkämpfen.

Der Paralymics-Sieger und Weltmeister führt das 32-köpfige deutsche Aufgebot an. Titel- und Medaillenchancen haben unter anderem auch Paralympics-Siegerin Birgit Kober, David Behre, Vanessa Low und Marianne Buggenhagen. Popow muss wegen einer Verletzung passen. Bei der WM 2013 in Lyon hatte das deutsche Team 28 Medaillen (10 Gold, 8 Silber, 8 Bronze) geholt. «Wir schicken ein starkes Team an den Start und hoffen auf eine vordere Platzierung im Medaillenspiegel“, sagte Bundestrainer Willi Gernemann.

(dpa)

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