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Behindertenwerkstätten und Rüstungsindustrie: Haben jetzt auch die WfbM-Leiter kognitive Beeinträchtigungen?

ROLLINGPLANET legt sich fest: Wir glauben der Lebenshilfe Cuxhaven nicht. Von Franz Schubert

Webseite von Chemring Defense (Screenshot)

Webseite von Chemring Defense (Screenshot)

Wer den Internet-Auftritt von Chemring Defence besucht, wird nicht lange im Unklaren gelassen, was die Firma produziert: Kleine und große Accessoires für das Militär – ein entsprechendes Bild auf der Startseite von www.chemringdefence.com (siehe Screenshot oben) sollte eigentlich keine Zweifel erlauben.

Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt in Cuxhaven (Niedersachsen) haben ohne ihr Wissen Bauteile für das britische Rüstungsunternehmen hergestellt (ROLLINGPLANET berichtete). Sie hatten für die Bremerhavener Niederlassung von Chemring Defence 15.000 Teile montiert, die in Bodenleuchtkörper eingesetzt werden.

Von nichts gewusst

Dass es sich um Leuchtkörper für das Militär handelte, erfuhr der Werkstattbetreiber Lebenshilfe nach eigenen Angaben angeblich erst im Nachhinein. ROLLINGPLANET legt sich fest: Wir glauben diese Ausrede nicht – oder die Geschäftsleitung gehört sofort entlassen, wenn sie die Webseite ihres Kunden nie besucht haben sollte oder nicht erkennt, dass wir uns nicht auf einem Kinderspielplatz, sondern auf einem Kriegsgelände befinden.

Ein klarer Fall von kognitiver Störung – andererseits wollen wir auch die Menschen mit Behinderung, die in dieser Werkstatt in Cuxhaven arbeiten, nicht beleidigen. Einige hätten es bestimmt gerafft, was sich da anbahnt, wenn ihnen bei den Besprechungen Chemring-Defence-Prospekte auf den Tisch gelegt worden wären.

Fantasievolle Ausreden

„Leuchtkörper sind erstmal nicht verwerflich, aber dass sie im Einsatz verwendet werden, finden wir nicht gut“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer der Lebenshilfe, Michael Schreckenberger, am Freitag nach entsprechenden Medienberichten. Der Mann, fürchten wir, stand auch schon einmal in einem Sexshop und hat sich gewundert, dass da Dildos herumstehen und sich nicht einmal gefragt, wofür die gut sind. ROLLINGPLANET verrät es ihm trotzdem: Die sind dafür da, um in der Nase zu bohren.

Im Februar hatten die Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt Tausende kleine Kettchen in Federn eingehängt. „Wir dachten, wir stellen Signalfeuer her, zum Beispiel für einen Hubschrauberlandeplatz“, erklärte ebenfalls heute Produktionsleiter Stefan Wittmar.

„Können nicht jeden Auftrag ins letzte Detail prüfen“

In den Werkstätten der Lebenshilfe in Cuxhaven arbeiten rund 400 Menschen. Jahrzehntelang kooperierte die Einrichtung mit der Bremerhavener Feuerwerksfirma Comet. „Wir haben früher Etiketten auf Feuerwerksraketen geklebt“, sagte Schreckenberger. 2006 wurde die Firma vom Konzern Chemring aufgekauft, ein führender Anbieter militärischer Pyrotechnik.

„Wir wehren uns als Lebenshilfe ganz klar gegen Rüstungsaufträge, aber wir können nicht jeden Auftrag ins letzte Detail prüfen“, sagte Schreckenberger. Mit ähnlichen Aufträgen werde die Einrichtung in Zukunft sensibler umgehen. Beim Unternehmen Chemring Defence im britischen Derby war am Freitag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Rüstungsindustrie? Kein Tabu für Behindertenwerkstätten

Cuxhaven ist kein Einzelfall. Auch in der Behindertenwerkstatt in Isny (Baden-Württemberg) hat man moralische Bedenken angesichts lukrativer Aufträge aus der Rüstungsindustrie schnell beiseite geschoben, wie im vergangenen Jahr die „Stuttgarter Zeitung“ aufdeckte (Danke an ROLLINGPLANET-Leser Michael Ziegert für den Hinweis).

Nicht zu vergessen: Behindertenwerkstätten werden vom Staat und oftmals von der Aktion Mensch gefördert. Wo bleibt da die Ethik? Frag Bertolt Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

(RP, mit Materialien von dpa)


Unsere Geschäftsidee für die Lebenshilfe Cuxhaven
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4 Kommentare

  • Gaby Spreckels

    Wie unglaublich schäbig, behinderte Menschen für solche Zwecke zu missbrauchen….mir wird echt kotzübel!!!! 🙁

    19. Juli 2013 at 18:10
    • Achim Morina

      Eine Userin schrieb mal: Das Problem hast du in jeder Werkstatt. Natürlich ist es so gewollt. Das behinderte und psychisch kranke Menschen nicht auf den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, auf gleicher Augenhöhe mit nicht behinderten Menschen leben können und ein angemessenes Gehalt verdienen, liegt schlicht daran, das sich die Unternehmen von der Pflicht Behinderte einzustellen durch die Ausgleichsabgabe und steuerliche Vergünstigungen bei der Auftragsvergabe an Werkstätten „freikaufen“ können. Warum also sollte ein Arbeitgeber entsprechende Möglichkeiten schaffen, wenn er diese eher kostengünstige und unproblematische Alternative hat – im gleichem Atemzug argumentieren dann die Werkstätten, das sie keine Möglichkeit zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen – wie auch, wenn eben die Stellen fehlen. Da sieht man recht deutlich, das dieses System Hand in Hand läuft. Daher verwundert es nicht, das Deutschland zögert, die von Deutschland unterschriebene UN-Behindertenrechtskonvention seit nunmehr sechs Jahren gesetzlich umzusetzen oder gegen solche Zustände einschreitet, da sich sonst die Politik ihre Brötchengeber madig machen würde. Die Werkstätten nehmen derweil natürlich mit Kußhand die Gelder von den Trägern und haben quasi das „Gewaltmonopol“ gegenüber ihren „Klienten“ , da natürlich ihre Einschätzung maßgebend ist, nicht die des „Klienten“. So verschafft man sich noch zusätzlich das eigene Personal. Ich arbeite selbst in einer WfbM, bin durch Krankheit dort hineingerutscht. Mit Integration in den ersten Arbeitsmarkt hat es nichts, aber überhaupt nichts zu tun. Es gibt nicht einmal zielorientierte Maßnahmen. Man ist nur ein Baustein für den Erhalt von Arbeitsplätzen jener, die ein paar Stockwerke höher sitzen. Die WfbM haben den Auftrag zu Rehabilitation und Integration. Beides findet man größtenteils nicht. WfbM- no go. Definitiv.

      27. Januar 2016 at 16:44
  • Willi Schroeder

    Das ist Deutschland …

    19. Juli 2013 at 23:16
  • Michael Ziegert

    Was da in Cuxhaven geschehen ist, ist ungeheuerlich. Aber letztlich ist es nur ein plakatives Beispiel dafür, dass sich so manche Werkstattleitung zu leicht macht mit der Beschaffung von Arbeit. Oder anders gesagt: Hauptsache die Behinderten arbeiten, was sie da tun, ist letztlich egal. Eben deshalb hat man am liebsten Aufträge, bei denen über Jahre hinweg das gleiche getan wird. Das ist ein Zeichen von Bequemlichkeit und mangelndem Engagement.
    Tatsächlich höre ich immer öfter, dass Werkstätten Lohnfertigungsaufträge annehmen, obwohl die Verträge eher an Knebelverträge erinnern. Immer kürzere Laufzeiten und zum Teil sogar empfindliche Strafen bei Zeitüberschreitungen werden hingenommen. Da begeben sich manche Werkstätten in Abhängigkeit von Auftraggebern und in direkte Konkurrenz zu Billigfertigern in Rumänien, Bulgarien oder Fernost.

    Damit holt man den steigenden Druck des sogenannten Ersten Arbeitsmarktes (Stichwort: Burnout) in die Werkstätten. Und vergisst dabei, dass in den letzten Jahren die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen massiv gestiegen ist, die in die Werkstätten aufgenommen wurden, weil sie den Leistungsdruck nicht ertragen hatten.

    Ich will nicht die gesamte Lohnfertigung verteufeln. Wir haben auch schon Aufträge an Werkstätten vermittelt, bei denen beispielsweise Stützkissen für Säuglinge genäht werden. Aber das sind stets nur überschaubare Stückzahlen gewesen und Unternehmen, die ein grundlegendes Verständnis für die Menschen in den Werkstätten haben.
    Mein Appell: Die Werkstätten sollten sich darauf besinnen, sich nicht zu sehr von anonymen Auftraggebern abhängig zu machen.

    Ich bin ein echter Fan von Behindertenwerkstätten. Das mag sich für viele Menschen merkwürdig anhören, aber ich glaube, dass dort viele Menschen eine gute, sinnvolle Arbeit finden. Wie schade, dass der Ruf der Werkstätten nun wieder angekratzt wird.
    Ich empfehle den Werkstätten: Sucht aktiv nach Alternativen. Setzt die Ansprüche an Eure Auftraggeber noch viel höher. Und: Eine Alternative ist stets die Herstellung von Eigenprodukten, die in eigener Regie entwickelt und vermarktet werden.

    20. Juli 2013 at 08:23

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