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Behindertenwerkstätten buhlen wieder um Geringqualifizierte

WfbM-Chef Günter Mosen lässt nicht locker und will Geringqualifizierte in seine Einrichtungen holen. Nötig dafür ist eine Gesetzesänderung.

Stephan Hirsch, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen, und Freiburgs Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach bei einer Pressekonferenz (Foto: BAG:WfbM)

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) trifft sich seit heute in Freiburg zu ihrem Bundeskongress und richtet ab morgen den „Werkstätten:Tag 2012: Maßarbeit für alle“ (26.-28. September 2012) aus. Es gab einen Auftakt nach Maß – mit einer wiederholt vorgetragenen Idee des WfbM-Chefs Günter Mosen.

Die Behindertenwerkstätten in Deutschland wollen sich auch Nichtbehinderten öffnen, bekräftigte Mosen. Junge Arbeitslose ohne Behinderung könnten in den Werkstätten fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt: “Für diese Menschen haben wir die richtigen Einrichtungen und die passenden Angebote”, erklärte Mosen heute in Freiburg in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. ROLLINGPLANET hatte über diese Pläne bereits im April berichtet: Genial oder Was fantasiert Bundesvorsitzender Mosen? (WfbM)

Mosen und seine Presseabteilung reagierten übrigens sehr souverän auf die ROLLINGPLANET-Kritik und suchten das Gespräch mit uns. Wir haben vor vielen Monaten ein interview vereinbart. Mosen wartet noch heute auf unsere Fragen – aber wir sitzen dran.

”Aufreißende Lücke”

Juhu, Mosen hat einen Plan! (Foto: Alsterarbeit)

“Wir können eine in Deutschland aufreißende Lücke schließen”, ist Mosen überzeugt. Gefordert sei die Bundesregierung. Diese müsse die bestehenden Gesetze ändern. “Wir können und wollen helfen, jungen Arbeitslosen den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Und zwar unabhängig davon, ob sie behindert sind oder nicht”, sagte Mosen heute. Aufgenommen werden könnten Geringqualifizierte. “Unsere Werkstätten sind darauf spezialisiert. Wir unterstützen Menschen, die sich schwertun.”

Bislang seien Nichtbehinderte jedoch ausgeschlossen. Dies schreibe die deutschlandweit geltende Werkstättenverordnung (WVO) vor. Sein Verband setze sich für eine Reform ein.

“Wir rufen die Politik auf, die Werkstättenverordnung zu ändern und Nichtbehinderte in unseren Werkstätten zuzulassen”, sagte Mosen. Die Nachfrage nach derartigen Angeboten sei groß. “Menschen ohne Handicap, die es schwer haben auf dem Arbeitsmarkt, brauchen mehr Hilfe. In unseren Werkstätten können sie für spätere Berufe qualifiziert werden.” Das Spektrum reiche von einfachen Tätigkeiten über Dienstleistungen bis zu anspruchsvollen Handwerksberufen.

Die Arbeitsgemeinschaft mit Sitz in Frankfurt am Main vertritt nach eigenen Angaben bundesweit 2700 Werkstätten von 750 Trägern mit insgesamt mehr als 300.000 Behinderten.

(dpa/RP)

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8 Kommentare

  • Sönke Franz

    Wie schrecklich. Heute schon Krepieren viele in den WfbMs. Wer kein Handicap hat muss anders fit gemacht werden aber nicht in solchen Ghettos die mit der Inklusion vom Markt verschwinden sollten. (Artikel 27 UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen)“

    25. September 2012 at 15:50
  • Michael Ziegert

    @Sönke Franz
    Ohne Belege erscheinen solche Aussagen als kompetenzfreie Stimmungsmache.

    26. September 2012 at 16:24
  • Bert Gessler

    @Sönke
    OK, wo auch immer Menschen in WfBs krepieren! Oder meinst du eher, dass Sie dort für immer bleiben? Dann sage es doch bitte auch so!
    Und ist es denn besser, wenn Sie erst ein Mal an allen möglichen Maßnahmen teilnehmen und darin scheitern um dann mit ende 20 doch in der WfB zu landen, nachdem Sie oftmals stationär untergebracht waren?
    Ich glaube eine auf positive Erfahrung aufbauende Qualifizierung ist um ein vielfaches besser! Nach dem Motto: die Anforderungen habe ich geschafft, auf gehts, eine Stufe höher!

    27. Oktober 2012 at 14:56
  • Sönke Franz

    Habe die Seite grad beim Ausgoogeln gefunden. Eiegentlich hatte ich doch „nur“ die Fanseite auf Facebook kommentiert. Na sei es drum.

    @Bert Selbstverständlich meinte ich mit Krepieren den geistigen/Psychischen Zustand der betreuten/behinderten Mitarbeiter. Wie es immer ist wenn sich die Erwartungen und übertragenen Aufgaben nicht mit der Arbeitskraft decken die du geben kannst. Krepieren als Synonym für verrecken, war mir neu.

    Ich finde eher man muss erstmal raus in die Welt um dann zu sehen, dass doch in der WfbM der richtige Platz ist. Ich sag es nochmal: Eigentlich sind die Einrichtungen in unserem System Fehl am Platze aber ich sehe 2030 bis 2040 eher als Realistische Jahre in denen das auch eingesehen wird. Wir haben ja jetzt noch Probleme mit der Inkusiven Bildung. Und erst wenn die Inklusive Bildung gesellschaftlich veranschaulicht ist können wir uns über die Inklusion in der Arbeitswelt Gedanken machen, wozu dann auch die Ausdünnung der WfbM gehört. Auch das sage ich jetzt noch einmal ganz deutlich: Was in der Schule nicht funktioniert, funktioniert in der WfbM auch nicht. Wenn wir schon (auch wider Elternwillen) Kinder auf die Förderschule stecken ohne auch nur den Hauch von Aufstiegsmöglichkeiten halte ich Deine Vorstellung, dass es in der WfbM eine Aufstiegsmöglichkeit gibt doch für sehr Illusionär. Jetzt aber mal zum o.g Artikel. Man möchte also nicht nur Menschen mit Schwerbehinderung die vielleicht schon die Förderschule hinter sich haben in dieses Schicksal führen sondern auch Menschen wie du und ich. Die vielleicht zur falschen Zeit den falschen Beruf gelernt haben. Das ist ja schon fast ein Verstoß gegen Artikel 1 (1) GG. (Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.)

    So sehr ich auch die Depatte und Diskussion liebe um meinen Horizont um weitere Meinungsbilder zu erweitern so finde ich es doch erschreckend auf einem Portal für behinderte Menschen solchen Gegenwind zu bekommen. Wenn wir solche Dinge wie die Inklusion in Frage stellen (Artikel 27 (1) UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen: („Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen auf Arbeit; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, inklusiven und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird. Die Vertragsstaaten sichern und fördern die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit, einschließlich für Menschen, die während der Beschäftigung eine Behinderung erwerben, durch geeignete Schritte, einschließlich des Erlasses von Rechtsvorschriften, um unter anderem
    Besonders Wert lege ich hier auf die Worte „Geld VERDIENEN“ von 105, 115 oder sonstigen Kleinkram steht da nichts und auf „freie Wahl“ Nichts von wegen Zuweisung durch die Arbeitsagentur und solche Scherze.)

    dann sehe ich wenig Chancen. Wir dürfen nicht in so einem Portal die schwache Lobby für Menschen mit Behinderungen schwächen.

    9. Dezember 2012 at 01:44
  • Bert Gessler

    @ Sönke: Also vorab ein Mal funktioniert Inklusion nicht nur in die eine Richtung, sondern auch in die andere Richtung!
    Zum Anderen weiß ich nicht ganz wo du deine Erfahrungen mit WfBM`s gemacht hast, mein Tipp:schau dich mal um!
    Zum anderen warum müssen die Menschen draußen erst erfahren das sie zu doof sind und dann ich die WfB, warum Qualifiziert man sie nicht erst und begleitet sie dann nach Draußen?
    Klar ist es billiger sie erst als Hilfsarbeiter zu beschäftigen und wenn dann die Kündigung kommt, gibts eben Hartz IV, auch günstiger!
    Und irgendwo is ja auch das Inklusion, gemeinsam mit den anderen “ normalen“ dahin zu vegetieren!
    Dann vielleicht doch erst BBB und dann wenn es sinnvoll ist „Unterstützte Beschäftigung“…

    2. April 2013 at 18:23
  • Dea

    Ich „dürfte“ in so einer Einrichtung eine Arbeitsgelegenheit (auch als 1€-Job bekannt) absolvieren. Die Bevormundung war extrem.

    Obwohl ich mit „nur“ 40 GdB (Arthrose, Gehbehinderung) mich eigentlich noch völlig fit fühle für das Alltagsleben, wurde ich von den Betreuern gedrängt, meine gesamte private Situation mit ihnen zu „diskutieren“. Klartext: Die wollten mir vorschreiben, bei welcher Bank ich mein Konto führe, ob und welche Verträge (Versicherungen etc) ich habe, wie ich meinen Tagesablauf gestalte, was ich an Klamotten trage usw usf.

    Ich habe mich geweigert, denn das geht diese Betreuer ja mal gar nix an. Außerdem war ich dort nicht als entmündigte Behinderte, sondern „nur“ als €urojobber.

    Man drohte mir direkt mit Meldung ans Jobcenter, dass ich die „notwendige Kooperation verweigern würde“.

    Ich habe sofort reagiert. Da ich dort einen Job zu machen hatte, der eigentlich dem Metallbereich zuzuordnen ist und keine gesetzlich vorgeschriebene „zusätzliche Arbeitsgelegenheit“ darstellte, habe ich auf Zahlung des Tariflohns für Metaller geklagt. UND ich habe mich über den Anwalt an den Bundesdatenschutzbeauftragten gewandt. Denn die penetrant immer wieder erfragten Daten müssen nicht offenbart werden.

    Jedenfalls war dann nach 2 weiteren schikanösen Wochen plötzlich der Eurojob zu Ende, das JC zog mich dort ab. Die Einrichtung hat seitdem meines Wissens auch keine Eurojobber mehr zugewiesen bekommen.

    Mein Fazit:
    Da wird Machtmissbrauch zu lasten von Behinderten betrieben, da wird einem richtig übel. Menschenwürde, vom Grundgesetz garantiert? Niemals. Leider ist das GG nciht justitiabel… sonst wär ne Musterklage fällig.

    13. Mai 2013 at 06:28
  • bert gessler

    Hallo Dea,
    die geschilderten Abläufe sind ein klarer Verstoß gegen diverse Gesetze!
    Welche Werkstatt war das? Da muss gegen angegangen werden! Und sei es nur durch eine Beschwerde an den zuständigen Behindertenbeauftragten bzw. an den zuständigen Kostenträger (LWV / Kommune etc.)

    13. Mai 2013 at 10:53
  • Achim Morina

    Die Idee ist, dass die Menschen von der Werkstatt wieder den Weg zurück ins normale Arbeitsleben finden. Die Realität sieht allerdings anders aus. Das hat Theresia Degener festgestellt: Sie ist Professorin an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum:
    „Hingegen haben wir eine Rate von unter ein Prozent, was die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt anbelangt, wenn man einmal in der Werkstatt war. Das heißt, es ist ein verschwindend geringer Teil von Menschen, die dort wieder rauskommen, es ist eine Sackgasse. Ich würde nicht sagen, dass die Werkstätten zu einer Vision der inklusiven Arbeitswelt gehören, denn sie sind Orte der Trennung, der Separierung.“

    27. Januar 2016 at 17:03

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