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Berlinale: Samuel Koch verlässt die Finsternis der Behinderung

Als Rollstuhlfahrer beim Tanzen immer nur zugucken müssen: Das ist eine blöde „Selbstgeißelung“. Und was läuft da mit Julie Pacino?

Samuel Koch gibt einem „Bild“-Reporter ein Interview (Foto: Bild)

Wetten, dass ein querschnittgelähmter Rollstuhlfahrer total viel Furore macht, weil er fröhlich Champagner trinkt und feiert statt traurig in der Finsternis seiner Behinderung sitzt? Samuel Koch (25), der seit seinem Unfall bei „Wetten, dass..?“ Tetraplegiker ist, war bei der Berlinale offensichtlich der Star der „Place to B“-Party (18 Stufen runter in die Disco!), obwohl sich dort noch so viele andere Promis versammelten, „geschminkt, wohlriechend, mit Kleidern bis zum Po“ (Franz Josef Wagner).

Samuel Koch vermisst seit seinem Unfall im Dezember 2010 mit am meisten das Tanzen – und er empfindet es als „Selbstgeißelung“, anderen nur zusehen zu können. „Aber in meiner Fantasie tanze ich mit“, sagte Koch der heutigen „Bild“-Zeitung. In der ROLLINGPLANET-Redaktion gibt es bei den Rollis unterschiedliche Ansichten dazu: Die einen (Gruppe 1) teilen Samuels Sehnsucht, die anderen (Gruppe 2) sind so unmusikalisch, dass sie ganz froh sind, von keinem auf die Tanzbühne gezerrt zu werden (Gruppe 1 zu Gruppe 2: Wieso, Du kannst doch auch als Rollstuhlfahrer tanzen; wiederum die Hälfte der Gruppe 2 zu Gruppe 1: Das sieht doch nur peinlich aus).

Franz Josef Wagner hat wieder zugeschlagen

Laut „Bild“ traf Koch demnach Julie Pacino, die Tochter von Filmstar Al Pacino: „Sie hat mich nach New York eingeladen! Wir haben uns über die Schauspielerei unterhalten.“ Koch, der in Hannover studiert, plane Theaterprojekte inklusive einer Tournee nach Lodz und Stockholm und einen Film, heißt es in dem Bericht.

Ohne Gott geht Koch nicht aus: „Ich habe mich zum Beispiel mit Uschi Glas darüber unterhalten, wie ich mich bei ihren sozialen Projekten engagieren kann. Es war ein toller Erfahrungstausch auf vielen Ebenen. Mit Matthias Schweighöfer sprach ich über seine kleine Tochter. Kaum zu glauben, aber ich habe mich auf der Party sogar über Religion unterhalten.“

Samuel Kochs Partyauftritt hat „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner wieder einmal in die Finsternis des Schwachsinns getrieben. Nachdem er im November anlässlich der Todesopfer in der Behindertenwerkstatt Titisee-Neustadt in einem denkwürdigen Beitrag sein schräges Behindertenmitleid aufs Papier brachte, erwischte es ihn diesmal wieder. Also griff FJW zur Feder: „Ich bewundere Sie, lieber Samuel Koch, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis ihrer Behinderung bleiben.“ Dummerweise ist „Bild“ immer noch Deutschlands größtes Boulevardblatt. Kein Wunder, dass immer noch Millionen Menschen mit den Wesen aus der Finsternis nichts zu tun haben wollen.

(RP/dpa)


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