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Bernd Matzerath lebt: „Wir haben ein Organ für Sie“

Bundesweit wird zum Tag der Organspende am 2. Juni für die Spende geworben. Bernd Matzerath weiß, wie es ist, auf ein Organ zu warten und durchs Raster zu fallen. Aber er hat großes Glück gehabt. Von Elke Silberer

Bernd Matzerath in seinem Garten in Jülich. (Foto: Rolf Vennenbernd dpa)

Diesen Tag wird Bernd Matzerath nie vergessen. Am 22. Januar 2011 klingelte ihn das Handy aus dem Schlaf. Seit sieben Monaten lag es nachts neben seinem Bett. „Wir haben ein Organ für Sie. Können Sie in einer Stunde da sein? Sonst brauchen Sie nicht mehr kommen“, sagte die Frau am anderen Ende.

Sofort war Matzerath hellwach. Er stand auf, duschte, setzte sich ins Auto und fuhr ins Aachener Klinikum. Er sang. Zum ersten Mal in seinem Leben sang er am Steuer. Um 6.40 Uhr begann die Operation. Die Ärzte haben ihm eine Spenderleber „eingebaut“. Er ist erleichtert. Heute noch.
Auch wegen seiner Schwester Doris.

Da ist nur tiefe Dankbarkeit

Zehn Wochen danach lief er seinen ersten Halbmarathon. Erst jetzt merkt er, wie schlecht es ihm gegangen war, wie viel Energie er nicht gehabt hatte. Er erzählt ruhig und freundlich, mit keinem Wort ist er pathetisch. Eine Ausbildung zum Hufschmied macht der 47 Jährige jetzt. Ein langgehegter Wunsch, den er sich erfüllt.

Bernd Matzerath lebt. Er macht sich keine Gedanken über den Spender. Da ist nur tiefe Dankbarkeit. Die Leber, das ist jetzt seine Leber. Die Debatten zur Organspende-Reform hat er nicht verfolgt und es scheint, als wolle er nach all den Jahren einfach nur Abstand.

An diesem schönen Frühsommertag sitzt er mit Jeans und T-Shirt völlig entspannt auf der Terrasse seines Hauses. Hund Moritz liegt faul im Schatten. Die beiden Töchter sind in der Schule, Frau Anja wird später von der Arbeit dazukommen. Die Welt ist in Ordnung.

Seit den 90er Jahren wusste er, dass er später eine Spender-Leber brauchen würde. Zwei Auto-Immunerkrankungen zerstörten sein eigenes Organ. Matzerath war damals gerade mal 27 Jahre alt. Während andere in seinem Alter auch mal über die Stränge schlugen, war er darauf bedacht, gesund zu leben. Immer war er müde, eine Folge seiner Krankheit. Wer ihn kannte, kannte auch seine Antwort auf Einladungen: „Ich muss abwarten, wie es mir dann geht.“

Todesurteil kein Versehen

Seine Leber hielt. Viel länger als die Ärzte gedacht hatten. Erst im Sommer 2010 setzten sie ihn auf die Warteliste von Eurotransplant. Kurz danach änderten sich die Vergabekriterien, und Matzerath fiel durchs Raster. „Es tut uns schrecklich leid, aber mit Ihrer Krankheit bekommen Sie keine Leber“, erinnert er sich an den lapidar in den Raum gesprochenen Satz der jungen Ärztin. Über seine Wut von damals lächelt er heute nachsichtig. Das vermeintliche Versehen stellte sich als bitterer Ernst heraus.

Seine Schwester Doris hat wie er die seltene Blutgruppe null negativ. „Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie zu fragen“, sagt Matzerath plötzlich sehr ernst. Sie bot sich für eine Lebendspende an. Dabei wird die Hälfte der Leber entfernt und übertragen. Für den Spender ein Risiko, das Matzerath vermeiden wollte.

Monate zwischen Hoffen und Hadern. Die Vorbereitungen liefen, da kam der erlösende Anruf. Es gab eine Leber, die eigentlich schon vergeben war, aber dann doch nicht bei dem vorgesehenen Patienten eingesetzt und neben Aachen auch anderen Kliniken angeboten wurde.

Schuss kann nach hinten losgehen“

Transplantationsmediziner Christoph Martin Heidenhain dachte sofort an Matzerath und griff zu: „Das ist großes Glück.“ Andere, die das Glück nicht hatten, starben – in Aachen allein in diesem Jahr mindestens acht, in Deutschland sind es täglich drei auf den Wartelisten. Dass das mit der Organspende-Reform anders wird, bezweifelt er. Der Bundestag hat mit breiter Mehrheit beschlossen, dass alle Bundesbürger ab 16 Jahren per Post nach ihrer Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod befragt werden.

„Dieser Schuss kann nach hinten losgehen“, meint Heidenhain. Neun von zehn Spenden würden im Gespräch mit Angehörigen vereinbart. Die könnten jetzt sagen: „Informiert wurde er, aus irgendeinem Grund hat er nicht zugestimmt. Da wird er wohl dagegen gewesen sein.“

(dpa)

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