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Berühren, streicheln, kuscheln – darauf hat jeder ein Recht

„Gnadenlos unterschätzt“: Sexualität im Alter oder mit Behinderung ist immer noch ein Tabu-Thema, das eine Organisation jetzt aufgreift.

Titelblatt der neuen Ausgabe des Magazins „ProAlter“

Titelblatt der neuen Ausgabe des Magazins „ProAlter“

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) beschäftigt sich in der neuen Ausgabe seines Magazins „ProAlter“ (Nr. 3/2017, 6,90 €) mit dem Schwerpunkthema Sexualität; dabei geht es unter anderem um Sex und Berührungen im Alter sowie um Sexualassistenz für Senioren und Menschen mit Behinderung.

Berühren, streicheln, kuscheln: Körperkontakt wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Er baut das Selbstwertgefühl auf und Stress ab, lindert Schmerzen und wirkt Depressionen entgegen. Durch Körperkontakt – ohne sexuelle Intentionen – werden positive Emotionen im Gehirn ausgelöst. Selbst kurze Umarmungen können diese Effekte auslösen. Dennoch werde das Tastsinnessystem „gnadenlos unterschätzt“, sagt Martin Grunwald.

Vor allem bei Menschen mit Demenz, die mit Worten nur noch schwer zu erreichen sind, wird die Kommunikation über das Berühren wichtiger. Doch wenn es um Sexualität geht, befinden sich vor allem pflegende Kinder von Menschen mit Demenz in einem Dilemma: Einerseits wollen sie, dass es ihrem Elternteil gut geht, andererseits sehen sie ihre Eltern nicht als sexuelle Wesen, erst recht nicht im Alter. Ältere und Menschen mit Demenz sind aber keine geschlechtslosen Wesen. Sie haben – wie ihre pflegenden Angehörigen – ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht: Sie dürfen selbst entscheiden, ob und mit wem sie Sex haben. Das Einverständnis der anderen Person natürlich vorausgesetzt, erklären die KDA.Expertinnen Christine Sowinski und Annette Scholl.

Sexualassistenzen als Ausweg aus dem Dilemma

Konflikte sind da vorprogrammiert. Ethische Fallbesprechungen spielen deshalb für die Fortbildung in der Altenpflege eine immer größere Rolle, sagt Thomas Alpers. Seit rund 20 Jahren bietet der Pflegeexperte aus Waldkirch im Schwarzwald Seminare über Sexualität, Intimität und Nähe an. Wichtig sei, Entlastungs- und Schutzräume zu schaffen. Ein Klima der Offenheit helfe Betroffenen von sexualisierten Grenzüberschreitungen, in dem sie sich mit ihrer Scham, Wut oder ihrem Ekel offenbaren könnten. Zugleich werde dadurch aber auch für die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen sensibilisiert. Denn bei sexualisierten Grenzüberschreitungen gehe es oft um die Sehnsucht nach Nähe.

Ein Ausweg aus dem Dilemma können Sexualassistenzen sein. Zu Jahresbeginn war das Thema durch eine verkürzt zitierte Aussage der Grünen-Politikerin und KDA-Kuratorin Elisabeth Scharfenberg in den Medien sehr präsent. Angeblich hatte sie sich für Sex auf Rezept für Pflegebedürftige ausgesprochen. Die Hamburger Sozialunternehmerin Gabriele Paulsen empfiehlt Sexualassistenten an Senioren und Menschen mit Demenz und Behinderung – ohne Rezept. Schließlich sei Sexualität keine Krankheit, sagt sie. Ihre Kunden genießen vor allem die Zweisamkeit, betont Gabriele Paulsen im „ProAlter“-Interview „Zeit für Zärtlichkeit“. Die Pflege könne das nicht leisten.

Webseite: ProAlter

(RP/PM)

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