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Big Brother

Normaler Paukeralltag ist das Ziel: Wie in Hamburg Schulbegleiter gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ermöglichen. Von Birk Grüling

Oliver Kühne ist Schulbegleiter (Foto: dapd)

Kaum betritt Oliver Kühne das Klassenzimmer in der Hamburger Stadtteilschule Bergedorf, umringen ihn die Schüler. „Wie geht es dir?“, will Anna wissen, während Paul dem Schulbegleiter den letzten Mathe-Test unter die Nase hält. Geduldig nimmt er sich für jeden etwas Zeit, bis die erhobene Hand der Lehrerin, ein vereinbartes Zeichen, den Stundenbeginn signalisiert. Auch Kühne hebt die Hand und setzt sich in den hinteren Teil der Klasse.

Heilerziehungspfleger Kühne ist wegen dem elfjährigen Tim in der Klasse. Seit einem Schuljahr begleitet er ihn im Unterricht. Tim hat eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Konzentration fällt ihm nicht immer leicht und in manchen Situationen reagiert er sehr impulsiv. Auf die Mitschüler wirkt sein Verhalten manchmal befremdlich und auch Lehrer hatten mit ihm schon Probleme. Einen normalen Schulalltag zu ermöglichen, ist die Aufgabe des Schulbegleiters.

Die Mitschüler lernen Anderssein zu akzeptieren

Zu Tim hat der 36-Jährige inzwischen ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Er weiß genau, wann der Junge Unterstützung braucht und welche Dinge alleine laufen. „Schwer fällt ihm das strukturierte Arbeiten, aber auch das wird besser“, sagt Kühne. Am Anfang saß er noch jede Stunde neben ihm, heute hält er sich eher im Hintergrund und hilft vereinzelt. „Tim ist gut in Mathe. Ich ermuntere ihn zum Beispiel den Mitschülern zu helfen“, erklärt der Schulbegleiter.

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung hält er für besonders wichtig. „Alle Beteiligten wachsen miteinander“, sagt Kühne. Die Kinder lernen Anderssein zu akzeptieren und gewinnen an Sozialkompetenz. Das sei der Grundstein für mehr Inklusion in der Gesellschaft. Auch für ihn selbst sei die Arbeit mit Tim durchaus lehrreich. Weil der 11-Jährige eine Bläserklasse besucht, fing auch Kühne an Trompete zu spielen – unter Anleitung seines Schützlings. „Auf die Idee kamen wir, als Tim sein Instrument frustriert aufgeben wollte“, sagt er.

Trotz positiver Erfahrungen führte Inklusion an Regelschulen lange ein Schattendasein. Schüler mit Behinderungen wurden oft auf Förderschulen abgeschoben. Zu Änderungen kam es erst durch die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008. Darin ist unter anderem das Recht auf gemeinsames Lernen festgeschrieben. Eltern dürfen sich seit 2009 aussuchen, ob sie ihr behindertes Kind auf eine Regel- oder Förderschule schicken wollen. Laut Hamburger Schulgesetz sind Stadtteilschulen verpflichtet, dafür nicht nur die entsprechende Förderung, sondern auch die Betreuung zu gewährleisten.

Fachkräftemangel wird auch bei der Schulbegleitung deutlich

Das Angebot nutzen viele Eltern. Mehr als 400 Kinder werden derzeit durch Schulbegleiter unterstützt, 125 weitere Anträge sind laut der Behörde für Schule und Berufsbildung in Bearbeitung. Die Nachfrage kann dabei nur teilweise deckt werden. „Bis ein Antrag bewilligt wird, kann ein halbes Jahr vergehen“, sagt Kühne. In dieser Zeit seien die Schulen mit der Betreuung auf sich selbst gestellt. Qualifizierte Mitarbeiter zu finden, ist dabei nicht leicht, auch weil sich die Sozialträger nicht gerade um die Aufgabe reißen. Die Stundensätze seien dafür zu niedrig, so der Vorwurf.

„Dinge wie Elternarbeit oder Austausch mit Lehrern sind nicht vorgesehen. Nur geleistete Schulstunden können abgerechnet werden“, sagt Kühne. Die Behörde selbst verweist dagegen auf die Verdreifachung der Mittel für Schulbegleitung auf 3,3 Millionen Euro pro Jahr.

Für den gestiegenen Bedarf sieht Pressesprecher Peter Albrecht nicht nur die erfolgreiche Inklusion verantwortlich: „Zwar besuchen immer mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Regelschulen. Der Anstieg ist auch durch gesteigerte Ansprüche von Eltern und Lehrkräften an die Qualität der schulischen Förderung zu erklären.“ Deshalb gehe er davon aus, dass sich mit zunehmender Erfahrung der Pädagogen in den Regelschulen der hohe Bedarf reduzieren werde. Oliver Kühnen wird noch ein Jahr in der Klasse bleiben, danach soll Tim alleine lernen. Ziel der Inklusion ist schließlich Normalität im Alltag.

(dapd)

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