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Bild, Spiegel, Tagesschau: Online-Nachrichtenportale sind nicht barrierefrei

Insbesondere Gehörlose werden eingeschränkt: Institut für Menschrechte kritisiert Zugang für Menschen mit Behinderung.

Screenshot von bild.de: Bis zu 500 Links auf der Startseite erschweren es blinden Nutzern, das Angebot zu nutzene

Screenshot von bild.de: Bis zu 500 Links auf der Startseite erschweren es blinden Nutzern, das Angebot zu nutzen

Ob Bild.de, Spiegel.de oder Tagesschau.de – Online-Nachrichtenportale gehören zwar theoretisch zu den zugänglichsten Medien für Menschen mit Behinderung. Aber keines der führenden Portale ist barrierefrei im Sinne der seit 2009 geltenden UN-Behindertenrechtskonvention. Zu diesem Urteil kommt das Berliner Institut für Menschenrechte.

Das bestätigten sowohl eine qualitative Analyse als auch eine Befragung von Experten verschiedener Behinderungsgruppen, die die Journalistin Manuela Heim im Rahmen der Veranstaltung „Politische Information für alle! Wie barrierefrei sind Deutschlands Online-Nachrichtenportale?“ am 17. September in Berlin präsentierte.

Wer besonders benachteiligt ist

Vor allem gehörlose Gebärdensprachler und Lernbehinderte sind demnach stark in ihren Möglichkeiten der unabhängigen politischen Information eingeschränkt. „Kurz gesagt: In Sachen Information haben viele Menschen mit Behinderung kaum eine Wahl. Und das kurz vor der Bundestagswahl“, heißt es in der Mitteilung des Instituts.

AicheleDie anstehende Bundestagswahl mache den Stellenwert des Zugangs zu Informationen besonders deutlich, erklärte Valentin Aichele (Foto), Leiter der Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention aus Anlass der Veranstaltung.

„Wem der Zugang zu politischer Information fehlt, wer nicht die gleichen Zugänge zu Information hat, sieht sich vor einer Wahl einer empfindlichen Benachteiligung in vielen Lebensbereichen ausgesetzt“, so Aichele.

Artikel 21 der UN-BRK

Artikel 21 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) fasse das Recht auf gleichberechtigten Zugang zu Informationen und unterstreiche damit die staatlichen Pflichten sowie die menschenrechtliche Verantwortung der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Medien, ihre Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu gestalten.

„Nicht nur die offiziellen Informationen zu Parteien, Gesetzen, politischen Programmen oder Debatten sollten in barrierefreier Form bereitgestellt werden, auch die politischen Informationen und Analysen in Online-Medien müssen verstärkt zugänglich sein“, unterstrich Aichele.

Wie getestet und befragt wurde

Screenshot von spiegel.de

Screenshot von spiegel.de

Screenshot von focus.de

Screenshot von focus.de

Neben Interviews mit den Experten hat Manuela Heim wenige Wochen vor der Bundestagswahl ausgewählte Inhalte der reichweitenstärksten Nachrichtenportale Bild.de und Spiegel.de sowie des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportals Tagesschau.de analysiert. Die Untersuchung im Rahmen einer Forschungsarbeit erfolgte aus der Nutzerperspektive und ohne Einbeziehung der Medienmacher.

Grundlage für die Analyse waren die Anforderungen der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung BITV 2.0, die sich an internationalen Vorgaben orientieren und unter Mitwirkung von Behindertenselbstvertretungen entwickelt wurden. Die BITV 2.0 gilt in weiten Teilen als geeignet, Barrierefreiheit im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen.

Das sind die größten Barrieren

Screenshot von tagesschau.de

Screenshot von tagesschau.de

Auf allen getesteten Portalen gab es systemisch keine Untertitel für Videos, keine Textalternativen oder Audiodeskription für Videos und Audios, keine Informationen in Gebärdensprache, keine Informationen in Leichter Sprache und keine systematische Erläuterung von Abkürzungen und Fachbegriffen.

Damit stoßen vor allem Menschen, die auf Gebärdensprache oder Leichte Sprache angewiesen sind, auf zum Teil unüberwindbare Barrieren. Bei Bild.de und Spiegel Online sorgen zudem die immense Anzahl von bis zu 500 Links auf der Startseite, bewegte oder automatisch wechselnde Inhalte und fehlende Strukturierung der Seiten für Barrieren, die insbesondere blinden Nutzern von Sprachausgabeprogrammen (Screenreader), sehbehinderten und lernbehinderten Nutzern die Übersichtlichkeit erschweren.

Wenn beispielsweise bei Bild.de systematisch Überschriften in Bilder eingebettet werden, dann sind diese nicht für Screenreader und Textvergrößerungsprogramme lesbar. Spiegel Online und Tagesschau.de weisen zudem zum Teil erhebliche Mängel bei der Tastaturbedienbarkeit auf, was vor allem für motorisch eingeschränkte Nutzer die Bedienbarkeit massiv behindern kann.

„Informationsangebot für Gehörlose mehr als mangelhaft“

Barrieren bei der Internetnutzung kennen alle befragten Experten. Das Ausmaß reicht von „ärgerlich“ bis „nicht nutzbar“. So bescheinigt Peter Brass, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Sehgeschädigter Computerbenutzer (ISCB) den Portalen insgesamt eine recht gute Zugänglichkeit.

Während Barrierefreiheits-Experte Ralph Raule für die Gruppe der gehörlosen Gebärdensprachler feststellt: „Eigentlich gibt es keine Möglichkeit, mich wie eine hörende Person in aller Vielfalt zu informieren, ob das nun bei Focus ist, bei Spiegel oder Welt oder Bild“.

Für Raule hat das fatale Folgen: „Das Informationsangebot für Gehörlose ist mehr als mangelhaft, es ist ungenügend. Deshalb können wir da auch nicht von Teilhabe und gesellschaftlichem Zugang sprechen. Ich kann halt als Gehörloser nichts zum Syrienkrieg sagen, wenn ich keine Informationen dazu habe.“

„Nutzer geben früher auf“

Auch für Harald S., selbst lernbehinderter Experte für Leichte Sprache, sind Inhalte im Internet „erst einmal nicht verständlich, weil viele Leute brauchen einfache Sprache, aber viele Leute, zum Beispiel Politiker, benutzen entweder Juristensprache oder irgendeine Fachsprache, benutzen Schlagwörter, die vielleicht für Otto-Normal-Verbraucher gang und gäbe sind, aber für Lernbehinderte haben sie keine Bedeutung, sie können sich darunter nichts vorstellen.“

Für die Gruppe der motorisch eingeschränkten Nutzer, die auf unterstützende Technologien angewiesen sind, hält der Koblenzer Behindertenbeauftragte Christian Bayerlein fest: „Je mehr Barrieren auf einer Seite eingebaut sind, desto mehr Nutzer geben früher auf.“

(PM)

Hinweis in eigener Sache: Auch ROLLINGPLANET ist gemäß der in dem Bericht genannten Kriterien nicht uneingeschränkt barrierefrei. Wir bitten dies zu entschuldigen – als ehrenamtlich betriebenes und privat finanziertes Projekt fehlen uns jedoch leider die Mittel, um den technischen Aufwand für eine durchgängige Barrierefreiheit zu gewährleisten.

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