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Birgit Kober: Zum Aufstehen und sportlichen Neubeginn gezwungen

Umstrittene Regeländerung: Gehandicapte Werfer werden an ihren Stühlen festgezurrt – und zusätzlich behindert. Von Sandra Degenhardt

Birgit Kober ist wütend über die neue Klassifizierung  (Foto: USC München Rollstuhlsport/Christine Linnig)

Birgit Kober ist wütend über die neue Klassifizierung (Foto: USC München Rollstuhlsport/Christine Linnig)

Birgit Kober hat das Kämpfen verinnerlicht. Denn seit Jahren ist ihr Leben nichts anderes als ein Kampf: gegen ihr Handicap, für Wiedergutmachung nach einem fatalen Behandlungsfehler, aber auch für Lebensfreude und sportlichen Erfolg.

Nun steht der zweimaligen Paralympics-Siegerin, die seit 2007 aufgrund der Folgen einer Medikamentenüberdosierung im Rollstuhl sitzt, ihre nächste Herausforderung bevor:

Wegen einer Regeländerung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) will sie in Zukunft im Stehen Kugelstoßen und Speerwerfen, obwohl sie im Sitzen eine sichere Medaillen- und Siegkandidatin ist. „Es kostet mich Mut, weil ich dort gegen Athleten starte, die weniger behindert sind als ich. Aber ich will wieder Spaß am Sport haben“, sagte die 43-Jährige.

„Dafür verkrüppel ich die restlichen?“

Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft der Sportler mit Handicap im walisischen Swansea wird die Münchnerin letztmals im Sitzen um die Medaillen kämpfen – unter erschwerten Bedingungen, die sie so nicht hinnehmen will. Warum? Nach der WM 2012 änderte das IPC diverse Regeln und Einstufungen, manche Klassen wurden sogar ganz gestrichen.

Alle sitzenden Werfer, gleich welcher Behinderung, müssen sich nun an dem neuen größeren Stuhl festzurren. Die Beweglichkeit wird künstlich und zusätzlich limitiert, die Zusatzgurte bereiten vielen Athleten Schmerzen. Die gehandicapten Sportler werden quasi zusätzlich – von oben angeordnet – behindert.

„Das soll der Chancengleichheit dienen. Aber man kann doch nicht eine Gruppe schwerer behindern, nur damit es vielleicht maximal drei oder vier Athleten chancengleicher haben. Dafür verkrüppel ich die restlichen? Das macht man in keiner anderen Gruppe“, monierte Kober, die nur unter großem Kraftaufwand wenige Schritte gehen kann. Sie will sich nach der EM neu klassifizieren lassen.

Sport nun weniger attraktiv für Zuschauer

Kober lebt seit der fatalen Medikamentenüberdosierung mit der Bewegungsstörung Ataxie. Einzig im Sport kann sie diese halbwegs beeinflussen und fand zurück ins Leben. „Wir wurden vom IPC unserer Ziele beraubt. Das ist kein Werfen und Stoßen, das Freude macht, das ist eine große Qual“, erzählte Kober.

Stießen die Athletinnen früher die Kugel bis zu elf Meter weit und kamen im Speer Weiten von fast 28 Meter zustande, sind es jetzt nur 7,50 und 18 Meter. „Man hat unseren Sport so unattraktiv gemacht, wie es nur geht. Früher konnten wir zeigen, wozu wir trotz unserer Einschränkung fähig sind, jetzt nicht mehr“, sagte Kober.

Nicht nur die Regeländerung hat ihr arg zugesetzt. Nach mehreren epileptischen Anfällen in den vergangenen Jahren war eine Auszeit angesetzt worden, und sie konnte seit Dezember 2013 keine Wettkämpfe mehr bestreiten. Vor der EM startete sie nur bei der deutschen Meisterschaft und in Leverkusen. „Das war eine irrsinnige Zerreißprobe für mich. Ich wusste ja nicht, ob ich jemals wieder starten kann.“

Trotz Wut Blick nach vorne

Zumindest einen Kampf hat sie beendet. Nach einem nervenaufreibenden Rechtsstreit einigte sie sich mit der Münchner Klinik, in der der Behandlungsfehler passierte, außergerichtlich. Jetzt blickt sie nur noch nach vorne. Ihr EM-Ziel: „Ich würde gerne mit zweimal Gold nach Hause kommen, vor allem im Speer ist das mein Ziel. Aber zumindest zweimal Silber müsste drin sein.“

Auch der neuen Herausforderung versucht sie trotz aller Wut etwas Positives abzugewinnen. „Jetzt versuche ich, im Stehen zu gewinnen. Mit elf Jahren habe ich mit dem Werfen begonnen, und es wäre ein unglaubliches Gefühl, zu diesen Wurzeln zurückzukehren.“

(dpa)


ROLLINGPLANET-Nachrichtenticker: Kober holt EM-Gold
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