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Birgit Kober: Was bleibt vom Paralympics-Ruhm?

Sie muss es wissen: ROLLINGPLANET-Interview mit der zweifachen Paralympicssiegerin über Sport und Inklusion.

Das Bild täuscht ein wenig: Birgit Kober hat immer hart kämpfen müssen – ist aber sonst, wenn sie die Faust nicht ballt, eine der liebenswürdigsten deutschen Spitzensporterlinnen (Foto: USC München Rollstuhlsport/Christine Linnig)

Das Bild täuscht ein wenig: Birgit Kober hat immer hart kämpfen müssen – ist aber sonst, wenn sie die Faust nicht ballt, eine der liebenswürdigsten deutschen Spitzensporterlinnen (Foto: USC München Rollstuhlsport/Christine Linnig)

Birgit Kober (42) wäre ein Leckerbissen für Dr. House: Seit ihrem 16. Lebensjahr ist sie schwerhörig, mit 17 bekam sie erstmals epileptische Anfälle. 2006 unterbrach sie ihr Studium der Medizin und Pädagogik, um ihre krebskranke Mutter zu pflegen, die im April 2007 starb.

Zwei Monate später erlitt Kober einen „Status epilepticus“ und kam in ein Münchner Klinikum. Aufgrund eines Behandlungsfehlers – wie sie vor Gericht zu beweisen versuchte (die Auseinandersetzung endete mit einem Vergleich) – erlitt sie eine schwere Lähmung und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. 2011 wurde sie bei den Behindertensportlern Speer- und Kugelstoß-Weltmeisterin. 2012 war ihr bislang erfolgreichstes Jahr: In ihren beiden Disziplinen gewann Kober die Europameisterschaft, wenig später zwei Mal Gold bei den Paralympics in London und viele Sympathien. In Deutschland wurde sie zur „Behindertensportlerin 2012“ gekürt.

Seither hat Kober ihre Bekanntheit dazu genutzt, sich für Inklusion einzusetzen. So ist sie einigen Tagen eine der Schmirmherrinnen des Münchner Netzwerks für Sport und Inklusion SPINKNET. ROLLINGPLANET hat sie gefragt, warum, und wie ihre sportliche Zukunft aussieht – die ist derzeit von einem neuen Wurfreglement bestimmt, das Kober vehement kritisiert: „Wir werden dadurch mehr behindert, als wir es ohnehin schon sind.“

Die Botschaft: „Inspire a nation“

Birgit Kober holte zwei Mal Gold bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Birgit Kober holte zwei Mal Gold bei den Paralympics 2012 in London (Foto: dpa)

Dank Ihrer Erfolge bei den Paralympics 2012 in London sind Sie über Nacht einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Was ist vom Ruhm für Ihren heutigen Alltag geblieben?

Mein Alltag selbst hat sich seit London 2012 schon etwas verändert. Ich werde regelmäßig zu Vorträgen und Veranstaltungen eingeladen, was mir auch viel Spaß macht. Das darf aber auch nicht zu viel werden, sonst komme ich mit dem Training und meinem „normalen“ Alltag nicht mehr klar.

Allerdings sehe ich es als große Chance, wenn ich eingeladen werde, dass ich den Menschen etwas über meinen Sport, aber auch über den Behindertensport an sich erzählen kann.

Reagieren Nachbarn und andere Menschen aus Ihrem Umfeld anders auf Sie, seit Sie zweifache Paralympicssiegerin sind?

Ja, meine Nachbarn, Menschen aus dem Stadtteil, Bekannte, auch Freunde und Familie reagieren seitdem anders auf mich. Ich werde oft von Unbekannten auf der Straße angesprochen, dass sie so stolz sind, dass ich in ihrem Stadtteil wohne, dass hier jemand lebt, der so erfolgreich ist. Meine Nachbarsmädchen sagen, dass sie vor den Kindern in ihrer Klasse mit mir angeben können und dass sie das so cool finden.

Es ist auch schön zu sehen, dass viele Kinder in meinem Haus – ich wohne in einem Hochhaus mit 17 Stockwerken – überhaupt keinen Unterschied zwischen Olympia und Paralympics machen. Für sie ist Gold Gold.

So viel Applaus für eine behinderte Sportlerin ist ungewöhnlich…

Oft klopfen mir Leute bei Kaufland auf die Schulter und flüstern mir zu: „Woah, jetzt steh ich mit einer Goldmedaillengewinnerin in einer Schlange!“ Ich werde mittlerweile auch in der U-Bahn erkannt, aber es sind nie unangenehme Begegnungen.

Mitreißend: Birigt Kober am vergangenn Samstag beim Münchner inklusiven Sportevent (Foto: USC München Rollstuhlsport e.V./Christine Linnig)

Mitreißend: Birigt Kober am vergangenn Samstag beim Münchner inklusiven Sportevent (Foto: USC München Rollstuhlsport e.V./Christine Linnig)

Seit London haben Sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Warum sind Sie besonders stolz, Botschafterin des Bayerischen Roten Kreuzes zu sein?

Wenn man zur Botschafterin einer Organisation ernannt wird, dann ist das immer eine besondere Auszeichnung, eine große Wertschätzung, weil ich mit meiner Person etwas repräsentiere, die Werte der Organisation, ihre Grundsätze. Aber ich bin auch die Überbringerin einer Botschaft. In meinem Fall zielt diese Botschaft auf den Bereich „Behinderung“ ab, die Wertschätzung der Menschen mit Behinderung, natürlich auch auf Inklusion, wobei mir der Begriff Teilhabe lieber ist.

Der Bayerische Rundfunk drehte einen „Stolperstein“ über Sie…

Ja, das war wirklich toll, denn so wird vieles, was ich vermitteln will, transparenter für die Öffentlichkeit.

Warum engagieren Sie sich als Schirmherrin für das Münchner Netzwerk für Sport und Inklusion SPINKNET und demnächst für die Elektrorollstuhl-WM, die vom 6. bis 10. August 2014 in München stattfindet?

Bei den Paralympics in London hing direkt vor dem Ausgang unseres Hauses im Paralympischen Dorf ein großes Banner: „Inspire a nation“. Es war so unbeschreiblich, welche tollen Spiele uns die Briten geschenkt haben. Ich habe mir vorgenommen, dass ich ein Stück dieser Begeisterung mit nach Deutschland nehme, dass ich sie mir auch nicht wegnehmen lasse. Hier geht vieles schnell wieder seinen alten Gang, und da ist eine Menge zu tun.

Koner zeigt interessierten Kindern, wie man Rollstuhl fährt (Foto: USC München Rollstuhlsport e.V./Christine Lnnig)

Koner zeigt interessierten Kindern, wie man Rollstuhl fährt (Foto: USC München Rollstuhlsport e.V./Christine Lnnig)

Wie geht es bei Ihnen sportlich weiter? Es gibt ein neues Wurfreglement für den Bereich sitzend Wurf. Was bedeutet das für Sie?

Meine Startklasse ist die F34. Die 30er Gruppe ist die Klasse, in der Athleten mit einer Cerebralparese starten, also mit einem Schaden im Bereich des Gehirns. Die F34 ist die letzte sitzende Klasse, doch wir konnten alle unsere Beine bewegen und auch aktiv beim Werfen einsetzen. Es gibt sogar einige in meiner Gruppe, die benötigen keinen Rollstuhl im Alltag, brauchen aber zum Werfen eine Unterstützung, weil sie sonst fallen würden.

Das neue Wurfreglement verbietet uns nun allen, dass wir die Beine aktiv einsetzen. Das wird quasi dadurch unterbunden, dass wir von der Kniekehle bis hinter dem Po so an der Sitzfläche festgeschnallt sein müssen, dass wir eh nicht mehr hoch kommen können. Wir werden quasi zu „Querschnitten“ gemacht, man beraubt uns einiger Fähigkeiten, die mühevoll antrainiert wurden.

Wir werden also mehr behindert, als wir es ohnehin schon sind. Gut, die Gruppe heißt „sitzend-Wurf“, aber da wir nie gegen Athleten antreten, die ihre Beine nicht bewegen können, ist das Ganze für mich irgendwie wieder mal so ein unnützes Manöver, das jeden nur mehr quält, als dass es Nutzen bringt.

„Sie verschwinden in einer Liste“

Wie viele Athleten sind davon betroffen?

Es betrifft weltweit derzeit rund 130 Männer und Frauen, die sich nun alle neue Wurfstühle bauen müssen und sich eine vollkommen neue Form des Werfens antrainieren müssen. Die Weiten von den meisten Athleten werden erst mal weniger werden, Ausnahme: der Stuhl wäre zufälligerweise schon so gewesen! Die Weltrekorde fangen wieder bei Null an, was zwar irgendwie logisch ist, was aber für mich persönlich bedeutet, dass ich alle drei Weltrekorde (in Speer, Kugel und Diskus) zunächst „verliere“ bzw. sie werden „historisch“, das bedeutet, sie verschwinden in einer Liste, die dann irgendwo im Internet steht.

Als Fazit lässt sich vielleicht sagen, dass es eine Zeit des Umbruchs ist, der man sich als neue Herausforderung stellen muss, die ich aber als überflüssig betrachte und die mir nicht viel Freude macht.

Birgit Kober wurde  im November 2012 in Köln als "Behindertensportlerin des Jahres" gekürt (Foto: Marius Becker/dpa)

Birgit Kober wurde im November 2012 in Köln als „Behindertensportlerin des Jahres“ gekürt (Foto: Marius Becker/dpa)

Was bedeutet der Sport für Ihr Leben?

Als ich 2007 durch den Behandlungsfehler in den Rollstuhl kam, da war mein Leben erst mal weg. Der Sport hat mir definitiv ein zweites Leben geschenkt, er hat mir auch einen Alltag zurückgegeben. Ich trainiere mit lauter nichtbehinderten Werfern. Ich war oft mit ihnen im Trainingslager. und während mich so viele andere Menschen nur noch mitleidig anschauten, haben die Sportler mich voll akzeptiert. Ich habe einfach mit dazugehört. Nicht aus Mitleid, sondern weil ich ich war.

Sport schafft Inklusion leichter als das ganze Reden. Im Sport, da passiert es einfach, dass Behinderungen nicht mehr gesehen werden oder anders wahrgenommen werden. Darum ist es wichtig, dass wir hier in München Inklusion durch Sport immer mehr umsetzen. Ich selbst plane auch die Gründung einer Sportgruppe.

Was sollte Ihre Heimatstadt München tun, um inklusiver für Menschen mit Behinderung zu sein?

Oh, das ist eine sehr schwere Frage. Politisch wird dieses Thema oft so breit getreten, jeder versucht es für seine eigenen Zwecke zu nutzen, aber nicht wirklich dafür, dass sich an der Basis etwas verändert. So habe ich es auf jeden Fall auf Wahlveranstaltungen immer empfunden.

Bei Inklusion denken viele oft sofort an Schule und Barrierefreiheit. Ich möchte das etwas ausweiten. Wenn unsere Mitmenschen uns nicht auf Augenhöhe begreifen, wenn in ihren Köpfen immer der Mitleidsgedanke vorherrscht, wenn sie uns nicht wertschätzen, dann ist Inklusion ein „Ritt gegen Windmühlen“.

München gilt als besonders barrierefrei – dennoch gibt es auch hier noch viel zu tun im Bereich Inklusion (Foto: Shutterstock)

München gilt als besonders barrierefrei – dennoch gibt es auch hier noch viel zu tun im Bereich Inklusion (Foto: Shutterstock)

Was bedeutet das konkret…?

Ganz konkret könnte man in München zum Beispiel anfangen, dass behinderte Kinder und Jugendliche selbstverständlich an „normalen“ Sportveranstaltungen teilnehmen könnten. Dass da kein Hype draus gemacht wird, sondern dass es quasi nichts Besonderes ist. Wenn irgendwo im Olympiagelände ein Event stattfindet, dann sollte mindestens eine Attraktion auch so sein, dass sie sowohl für Menschen mit als auch ohne Behinderung interessant ist.

In den Vereinigten Staaten gibt es Schaukeln für Rollstuhlfahrer, warum gibt es die auf unseren Spielplätzen nicht? Oder ein Parcours für Blinde und Sehgeschädigte? Ganz banal fängt Inklusion für mich schon bei der Wohnsituation an. Es gibt kaum bezahlbare barrierefreie Wohnungen in München. Hier müsste sich ganz, ganz dringend etwas ändern. Und ich könnte da jetzt noch eine Weile so fortfahren, denke aber dass das als Input genügen soll.

Welche Schlagzeile über Sie würden Sie in Zukunft gerne lesen?

(zögert lange) Das ist schwierig zu beantworten. Klar würde man gerne über weitere Erfolge von sich selbst in der Zeitung lesen, aber irgendwie bin da nicht der Typ dazu, dass ich das so einfach voraussagen will. Ich wünsche mir natürlich vieles, aber es ist schwierig, das über sich selbst zu schreiben. Ich würde zum Beispiel auch mal gerne das Olympische Feuer tragen – nur eine kleine Strecke, egal wo –, das wäre sicherlich auch eine Schlagzeile.

Vielen Dank für das Interview!

(Das Interview entstand gemeinsam mit dem USC München Rollstuhlsport e.V. im Rahmen der ROLLINGPLANET-Aktivitäten im Münchner Netzwerk für Sport und Inklusion SPINKNET.)

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1 Kommentar

  • G.Kleylein

    dicke Rollifahrer und DB. Das ist eine dicke Ente.
    April, April

    1. April 2014 at 16:33

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