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Bericht der Antidiskriminierungsstelle: Immer noch kaum Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, kritisiert geringe Berufschancen für Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke (Foto: dpa)

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, kritisiert geringe Berufschancen für Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke (Foto: dpa)

Behinderte Menschen in Deutschland haben nach wie vor kaum Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt. Das geht aus dem Bericht „Aufhebung von Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervor.

Danach ist die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderung doppelt so hoch wie bei Nicht-Behinderten: Sie liege bei 14,8 Prozent (und wäre noch höher, wenn es keine Behindertenwerkstätten gäbe, siehe unten). Die bundesweite Arbeitslosenquote hingegen lag im November 2013 nur bei 6,5 Prozent.

Immer mehr Behinderte arbeiten in Werkstätten

In dem Bericht, der heute veröffentlicht wurde, fordert die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, deshalb mehr Anreize, aber auch Standards für die Unternehmen und zur Vermittlung auf reguläre Arbeitsplätze gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention festzulegen. Die Umsetzung der Vorgaben soll damit systematisiert und überprüfbar werden.

Mit Blick auf den Fachkräftemangel bemerkt Lüders in dem Bericht, es sei nicht nachvollziehbar, warum das Potenzial behinderter und chronisch kranker Menschen nicht genutzt werde. Außerdem riet sie zum schrittweisen Abbau von Sonderwelten wie Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Dort sei die Zahl der Beschäftigten von 2003 bis 2012 um 25 Prozent gestiegen.

Behindert? Menschen werden behindert

Prof. Dr. Ernst von Kardorff, Autor des Berichts, listet eine Reihe von Feldern auf, um Betroffene besser vor Benachteiligungen zu schützen. Im Zentrum steht dabei ein neuer Begriff der Behinderung: „Wir müssen weg vom rein defizit-orientierten Schwerbehindertenbegriff“, so Kardorff. Ziel müsse ein Begriff der Behinderung sein, der ins Zentrum rückt, dass Menschen behindert werden.

Zugleich fordert Kardorff einen besseren gesetzlichen Diskriminierungsschutz für Menschen mit chronischen Krankheiten. Dafür solle „chronische Krankheit“ als eigenständiger Diskriminierungsgrund in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen werden. Daneben fordert er die Entwicklung von Inklusions-Standards für Unternehmen und das Vermittlungssystem.

Antidiskriminierungsstelle: „Aufhebung von Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen“

(PM)

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4 Kommentare

  • Michael Ziegert

    Finanzämter sind auch Sonderwelten. Auch das Fließband bei Ford ist eine Sonderwelt. Auch hochgelobte Unternehmen wie Specialisterne sind Sonderwelten. Für die meisten Menschen dürfte auch eine Online-Redaktion eine Sonderwelt sein.

    Enthält der Bericht auch eine Aufschlüsselung dazu, wie die Zahl der Beschäftigten von 2003 bis 2012 um 25 Prozent gestiegen ist? Da sind jedenfalls sehr viele dabei, die dort in einer echten Reha-Maßnahme sind, weil sie den Druck in unserer schönen neuen Leistungswelt seelisch nicht ausgehalten haben. Und nun: Schicken wir die auf den Ersten Arbeitsmarkt zurück, oder versuchen wir erstmal den Arbeitsmarkt an sich als gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten? Mutwillig Menschen aus WfbM auf den ersten Arbeitsmarkt zu drängen, ohne dort die Voraussetzungen geschaffen zu haben, ist wie schulische Inklusion, so wie sie gerade häufig praktiziert wird – als Sparmodell, auf dem Rücken der Menschen.

    Sind WfbM das einzig wahr Arbeitsmodell für Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen? Nein, natürlich nicht. Aber wer WfbM niedermacht, ohne eine echte Alternative zu schaffen, ist offensichtlich nicht auf der Suche nach konstruktiven Lösungen.

    2. Dezember 2013 at 17:58
  • Horsti

    In der Thorie eine nette Forderung, Behindertenwerkstätten aufzulösen. Die Frage ist aber, ob die Angestellten tatsächlich die Schanze haben, auf dem regulären Arbeitsmargt Fuss zu fassen? Gibt es ein Land auf der Welt, wo das jenseits von Forzeigeprojekten funktioniert?

    2. Dezember 2013 at 18:22
  • Handbiker

    Das Problem Deutschlands ist ein Beaufsichtigung- und Betreuungsswahn. Bei Schulkindern kann ich das ja noch ein bischen verstehen. Doch die Betreuung geht ja direkt nach der Schule weiter. So lange bei uns in Deutschland Behinderte nicht zugetraut wird trotz Behinderung unabhängig und selbstbestimmt ihren beruflichen Weg zu gehen, wird man auch weiterhin erwachsenen Arbeitnehmern von behördlicher Seite suggerieren, dass sie sich nicht selbst organisieren und unabhängig von Betreuung leben können. Ich wollte mich diesem Zwang behördlichen zwang nie unterwerfen und genauso selbstbestimmt und unabhängig sein wie nichtbehinderte Arbeitnehmer. Deshalb ging ich für mehrere Jahre zu Verwandten in die USA. Die Jahre dort waren nicht leicht. Dafür lernte ich meinen Fähigkeiten zu vertrauen. Als ich nach Deutschland zurück kehrte war ich den Behörden zwar immer noch zu behindert um auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Chance zu haben, aber der Arbeitsmarkt sah das anders. Meine im Ausland erworbene berufliche Qualifikation verhalf mir auf demersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

    3. Dezember 2013 at 04:44
  • Behindertebine

    Machen wir uns doch nichts vor. Arbeitsfähige, behinderte Menschen habe Sonderrechte am Arbeitsplatz und die passen ganz einfach nicht mit den heutigen Personalbild zusammen, die viele Arbeitgeber haben.

    Personal soll heute flexibel austauschbar und hoch leistungsfähig sein und bei behinderten Arbeitnehmern gäbe es in beider Hinsicht Probleme.

    Mit einer normalen geistigen Leistungsfähigkeit, wäre man z.B. in der Lage einen Bürojob auszuführen, aber was ist wenn man „Stummelarme“ hat oder Spastiken? Die Bedienung eines PC`s weitaus länger dauern, als bei nicht behinderten Menschen. Das Ausführen einer Arbeit z,B, Briefe schreiben genauso und DAS ist nicht hinnehmbar, selbst mit staatlichen Minderleistungszuschlägen für Arbeitgeber.

    Arbeitgeber verzichten lieber auf die Anstellung behinderter Menschen in ihren Betrieben und zahlen eine Ausgleichsabgabe bzw. wenn möglich machen sie einen auf sozial und geben Aufträge an WfbM z,B, Kuvertieren von Briefen ab und können sich somit sogar einen Teil der Ausgleichsabgabe ersparen.

    6. Januar 2014 at 00:01

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