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Blind Date in Hamburg: Die Großstadt mit anderen Augen sehen

Der seit seiner Geburt blinde Journalist und Videoblogger Christian Ohrens bietet eine etwas andere Stadtführung an. Worum es geht, erzählt er hier.

„Blind durch Hamburg“ mit einer jungen Frau und Christian Ohrens. (Foto: Privat)

„Blind durch Hamburg“ mit einer jungen Frau und Christian Ohrens. (Foto: Privat)

Kann man eine Stadt wie Hamburg auch ohne Augenlicht kennenlernen, wahrnehmen und sich in ihr orientieren? Bei „Blind durch Hamburg“ können es sehende Tourteilnehmer herausfinden – seit Juli vergangenen Jahres zeigt ihnen Christian Ohrens die Metropole aus der Sicht eines Blinden. Unter einer Augenbinde und mit Blindenstock ausgestattet, erkunden Sehende gemeinsam mit Ohrens, der seit seiner Geburt blind ist, die Hamburger Innenstadt, den Hafen, St. Pauli oder ein Gebiet nach Wahl.

„Im Auge des sehenden Betrachters ergeben Stadterkundungen oftmals nur dann einen Sinn, wenn man seine Umgebung mit dem Auge begreifen kann“, sagt der 33-Jährige und betont:

„Dass eine Stadt wie Hamburg aber nicht nur aus Bildern, sondern ebenso aus Tönen, Geräuschen, Gerüchen und weiteren Dingen, die auch ohne Augenlicht wahrnehmbar sind, besteht und sich Hamburg somit auch quasi blind erleben lässt, gerät unter sehenden Menschen gerne mal in Vergessenheit.“

Der wahre Alltag

Ohrens ist freier Journalist, Web-, Foto- und Videoblogger und lebt seit zehn Jahren in „der schönsten Stadt der Welt“, wie er überzeugt ist. Als blinder Alleinreisender war er schon in Städten wie Prag, Budapest, Oslo, Stockholm, Kopenhagen oder Wien unterwegs. Unterstützt wird er bei seinem Projekt „Blind durch Hamburg“ von freiberuflichen – sowohl blinden als auch sehenden – Gästeführern. Eine Kooperation besteht zudem mit dem Sankt Pauli Museum, das Startpunkt der Reeperbahn-Führungen ist und zudem bei der weiteren Tourdurchführung zur Seite steht, falls erforderlich.

Seit ebenfalls zehn Jahren arbeitet Ohrens auch bei der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“. Hier, während zahlreicher Gespräche mit seinen Tourgästen, „entstand die Idee, Sehende einmal nicht Alltagssituationen in einem geschützten Raum erleben zu lassen, sondern ihnen einen kleinen Teil des Alltags im ,realen‘ Umfeld näher zu bringen“, erzählt Ohrens.

Bei den angebotenen Touren geht es laut Ohrens weniger um touristische Fokussierung auf architektonische oder historische Fakten und Besonderheiten. Wichtig ist ihm, das Alltagserlebnis zu vermitteln. Andererseits gehe es bei diesem Touren-Angebot nicht darum,

„Sehenden generell etwas über die Alltagsbewältigung blinder Menschen zu erklären. Es geht hier speziell um das Erlebnis Großstadt aus der Sicht eines Blinden. Zum Schluss einer jeden Führung steht ganz klar der Dialog zwischen Blinden und Sehenden im Vordergrund.“

Adrenalinkick auf der Achterbahn

Die Gäste erkunden bei „Blind durch Hamburg“ die Örtlichkeiten, finden heraus, in welchem Geschäft sie sich gerade befinden, nehmen (auf Wunsch) einen kleinen Snack zu sich oder nutzen einmal blind den öffentlichen Personennahverkehr. Dass dabei nicht nur der Blindenstock, sondern auch die Kommunikation mit anderen Passanten sehr wichtig sein kann, um ans Ziel zu gelangen, „ist nur eine Erkenntnis, zu der die bisherigen Teilnehmer am Ende einer Führung gelangten“, so Ohrens.

Touren bei ihm gibt es ab 25 Euro. Die Anzahl der Gäste ist, im Gegensatz zu vielen Stadtführungen, mit ein bis sechs Teilnehmern eher gering gehalten. Gründe hierfür sind der höhere, personelle Aufwand sowie die Sicherheit der Teilnehmer, die an erster Stelle steht. Darum läuft auch kein Gast allein mit seinem Stock durch den Großstadtdschungel. Trotz Stocks haken sich die Teilnehmer immer bei Ohrens oder einem seiner Tourbegleiter ein.

Nicht nur Touren durch Innenstadt, Kiez & Co. befinden sich im Repertoire. Alle drei Monate öffnet der Hamburger Kirmes seine Pforten auf dem Heiligengeistfeld. Mutige Achterbahnfans können hier bei einem Rundgang einmal blind den besonderen Adrenalinkick spüren, denn der genaue Fahrtverlauf kann hier eben einmal nicht mit dem Auge zuvor abgescannt werden. Wer es ruhiger mag, der genießt gebrannte Mandeln, Schokofrüchte oder eine Wurst und erlebt nebenbei das zwar laute, aber dennoch sehr abwechslungsreiche Wirrwar aus Geräuschen, Musik und Stimmen – weitere Touren zu Spezialthemen sind in Planung.

Webseite: www.blind-durch-hamburg.de

(RP/PM)

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