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„Blind Date mit dem Leben“: Gib niemals, niemals auf

Interview mit Schauspieler Kostja Ullmann und dem fast blinden Unternehmensberater Saliya Kahawatte, der den Stoff für den neuen Kinofilm lieferte.

Saliya Kahawatte (r.), der fast erblindete Autor der Geschichte „Mein Blind mit dem Leben“, und der Schauspieler Kostja Ullmann (l.) vor einer Woche bei der Premiere der Gute-Laune-Komödie im Matthäser Filmpalast in München (Foto: Ursula Düren/dpa)

Saliya Kahawatte (r.), der fast erblindete Autor der Geschichte „Mein Blind mit dem Leben“, und der Schauspieler Kostja Ullmann (l.) vor einer Woche bei der Premiere der Gute-Laune-Komödie im Matthäser Filmpalast in München (Foto: Ursula Düren/dpa)

Saliya Kahawatte ist ein aufmerksamer Zuhörer. Offen und freundlich blickt der 47-Jährige einen im Gespräch an. Kaum zu glauben, dass er nur fünf Prozent Sehkraft besitzt. Doch um dies wettzumachen, hat Kahawatte seine anderen Sinne aufs Äußerste geschärft.

Mit 15 Jahren erkrankte Saliya Kahawatte an einer irreparablen Netzhautablösung. Er soll in eine Blindenschule. Aber das will er nicht. Er bleibt auf dem Gymnasium. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, später studierte er Management. Seit 2006 ist er Businesscoach und Unternehmensberater.

Sein Leben – das er in einer Autobiografie veröffentlichte – wurde nun verfilmt, mit Kostja Ullmann in der Hauptrolle (ROLLINGPLANET berichtete: Die Lebensgeschichte eines Mannes, der eines Tages beschloss, seine Behinderung nicht mehr zu verleugnen.). Am Donnerstag (26. Januar 2017) kommt die Komödie in die Kinos.

Kahawatte verschweigt seine Behinderung, um einen Ausbildungsplatz in einem Luxushotel zu bekommen. Anfangs läuft es, doch der Druck wird bald zu groß. Ullmann tauchte mit Hilfe einer speziellen Brille in die Welt seiner fast blinden Figur ein. Der Schauspieler – im Theater ebenso zu sehen wie auf der Leinwand – spielte in Filmen wie „3 Türken und ein Baby“ oder „Smaragdgrün“.

In unserem Interview berichten Kahawatte und Ullmann, wie sie sich bein „„Blind Date mit dem Leben“ kennenlernten. Die Fragen stellte Cordula Dieckmann.

„Ich habe mir gesagt, du musst dein eigenes System installieren in der Welt der Sehenden“

„Mein Blind Date mit dem Leben“ mit Kostja Ullmann als Saliya und Anna Maria Mühe als Laura. (Foto: StudioCanal/Jürgen Olczyk)

„Mein Blind Date mit dem Leben“ mit Kostja Ullmann als Saliya und Anna Maria Mühe als Laura. (Foto: StudioCanal/Jürgen Olczyk)

Einen Menschen mit einer so starken Sehschwäche zu spielen, war sicher nicht leicht, Herr Ullmann.

Ullmann: Auf jeden Fall. Sali hat mir gleich beim ersten Meeting eine Brille in die Hand gedrückt.

Kahawatte: Das ist eine Simulationsbrille, die simuliert, wie ich sehe.

Ullmann: Die ist ein bisschen wie eine Milchglasscheibe, man sieht wie durch einen dicken Schleier. An der Seite ist sie auch begrenzt, damit man nicht rechts oder links rausschauen kann. Aber als Sehender hat man schon die Möglichkeit, ein bisschen unten oder oben drüber zu gucken, da kann man schon ein bisschen schummeln.

Wie haben Sie sich gefühlt, wenn Sie die Brille aufhatten?

Ullmann: Komplett hilflos. Noch hilfloser war ich später, als extra Kontaktlinsen angefertigt wurden für mich, die ich während der Proben und der Vorbereitung mit Sali getragen habe. Die haben zehn Prozent Sehfähigkeit simuliert. Da kannst Du nicht schummeln und drumherumgucken, die hast du immer drauf. Da war ich plötzlich in Salis Welt unterwegs und komplett aufgeschmissen.

Kahawatte: Erst. Das ging dann immer besser.

Ullmann: Das wurde dann alles besser, ja. Aber ich habe gesehen, was das für eine harte Arbeit für Sali gewesen sein muss, gerade in der Hotellerie. Ich durfte mit ihm einen Crashkurs machen, Tische eindecken, in der Bar arbeiten, Betten machen. Das fand ich schon als Sehender heftig. Und mir vorzustellen, dass er das alles als fast Blinder gemacht hat, ist unglaublich. Sali hat mir erklärt: Du musst dir gut merken, wo du was hingestellt hast, daran kannst du dich orientieren, an den Stühlen, dem Besteck und solchen Sachen. Die Tricks und Kniffe, die er so angewandt hat, konnte er mir weitergeben. Und die haben wir auch in den Film eingeflochten.

Herr Kahawatte, wie beurteilen Sie aus der Sicht von heute Ihre damalige Entscheidung, ausgerechnet in einem Hotel zu arbeiten?

Kahawatte: Ich dachte, Hotellerie ist Tellertragen und Bierzapfen, und das kann jeder, so wurde mir das verkauft von einem befreundeten Kellner. Aber ich bin jeden Tag an meine Grenzen gestoßen und war mit meinem Handicap sofort aufgeschmissen. Ich habe mir dann gesagt, du musst dein eigenes System installieren in der Welt der Sehenden, damit du klarkommst. Lass dir mal was einfallen, Alter! Dumm biste nicht. Es ist gut, dass ich das gemacht habe, sonst hätte ich nichts zu erzählen. Mein Charakter ist die Summe meiner Erfahrungen. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht, würde ich hier nicht mit Kostja sitzen.

Wie haben Sie diese Zeit damals erlebt?

Kahawatte: Es war eine ständige Überforderung und ständige Angst, wie geht das weiter? Ich war mit 20 schwerst alkoholabhängig und musste morgens eine halbe Flasche Jägermeister trinken, damit ich überhaupt geradeaus gucken konnte. Ich habe mich selbst zerstört mit diesem Drahtseilakt. Natürlich habe ich alles geschafft. Aber auf der anderen Seite habe ich meine Psyche und meinen Körper geschreddert, weil ich die Illusion hatte, ich müsste meine Behinderung verschweigen und im ersten Arbeitsmarkt bleiben. Und ich habe gelernt: Wenn du einen Schwerbehindertenausweis hast, nimmt dich keiner. Nicht, weil du schwerbehindert bist, sondern weil man dich nicht kündigen kann. Also musste ich mir eine Strategie überlegen.

Hat sich durch Ihre Rolle als Saliya Ihre Sicht auf Ihr eigenes Leben verändert, Herr Ullmann?

Ullmann: Dadurch, dass ich Sali kennenlernen durfte, gucke ich noch mal anders auf mein eigenes Leben. Der Film zeigt, dass man an seine Grenzen und darüber hinaus gehen kann und nicht so schnell aufgeben sollte. Nicht jedes Hindernis ist so groß, wie du es dir vorstellst, man sollte es relativieren können. Da hat mir Sali wirklich auf die Sprünge geholfen.

Was raten Sie denn in diesen Fällen, Herr Kahawatte?

Kahawatte: Egal was dir im Leben passiert, lass dich nicht unterkriegen. Gib niemals, niemals auf und wenn es mal richtig dicke kommt, macht dich gerade, räum auf, geh weiter. Und erwarte nicht von der Gesellschaft, dass sie sich ändert. Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem, und die Lösung liegt meistens neben oder in dir. Das ist dein Job, das zu ändern, und nicht der von Therapeuten, Eltern oder Beratern.

Nicht jeder hat Ihren Kämpfergeist.

Kahawatte: Da hat nicht jeder Bock drauf, ist ja auch anstrengend. Am besten alles easy, easy, motivieren in drei Tagen. So wird einem das oft verkauft. Keiner sagt, wenn du das Problem hast, musst Du dich gerade machen. Wenn man dicke Arme haben will, muss man ja auch dreimal die Woche ins Fitnessstudio rennen. Und wenn man eine Behinderung hat und in der normalen Welt klarkommen will, dann muss man trainieren. Und wenn man keinen Bock drauf hat, muss man sich nicht wundern, wenn es nicht weitergeht.

Danke für das Interview!

(RP/dpa)

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