„Blind Foundation“: Bühne und Beifall statt Arbeitslosigkeit

Sie sind in ganz Deutschland gefragt und haben in diesem Jahr ihr erstes Album herausgebracht – die Erfolgsgeschichte einer ungewöhnlichen Frankfurter Band. Von Sabine Maurer

Die Musik-Band „blind foundation“ (v.l.n.r): Mohamed Metwalli, Florian Hollingshaus, Manfred Scharpenberg und Markus Hofmann in ihrem Proberaum in Frankfurt am Main (Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Die Musik-Band „blind foundation“ (v.l.n.r): Mohamed Metwalli, Florian Hollingshaus, Manfred Scharpenberg und Markus Hofmann in ihrem Proberaum in Frankfurt am Main (Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Zielsicher greift Mohamed Metwalli in die Tasten. Am Keyboard ist er in seinem Element – hier merkt zumindest auf den ersten Blick niemand, dass er blind ist. „Man muss eben üben“, sagt er lapidar. Auch in dem kleinen Proberaum seiner Band – der „Blind Foundation“ – mitten in Frankfurt bewegt er sich, als könne er sehen. Die Gruppe besteht aus vier Musikern, außer Metwalli ist auch Schlagzeuger und Sänger Manfred Scharpenberg blind.

Seit 2004 gibt es die Band, die zur Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte gehört. „Der Hintergedanke bei der Gründung war zum einen, dass Musik für Blinde etwas Gutes ist. Außerdem ist die Arbeitslosenquote bei Sehbehinderten recht hoch“, erklärt Bandleader und Bassist Markus Hofmann, der ebenso wie die anderen Musiker bei der Stiftung angestellt ist.

Braille-Musikschrift für Blinde
Die Notenschrift für blinde Menschen, die heute weltweit genutzt wird, wurde vor fast 200 Jahren von Louis Braille entwickelt. Dabei werden die gleichen Punkte genutzt wie in seiner Blindenschrift. Linien gibt es nicht. Es können dennoch alle Informationen wie in der herkömmlichen Notenschrift dargestellt werden, wie etwa die Tonhöhe und -dauer. Bei der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) können sich Musiker Noten in die Braille-Musikschrift übertragen lassen.

Erstes Album „Emoticons“

Hauptsächlich covert die Gruppe Rocksongs. Etwa 200 Lieder haben sie in ihrem Repertoire, von „Abenteuerland“ von „Pur“ bis zu „You’re the Voice“ von John Farnham. In diesem Jahr haben sie ihr erstes Album „Emoticons“ mit selbst geschriebenen Liedern herausgebracht.

Die Band ist sehr gefragt: 60 bis 70 Gigs haben sie nach eigenen Angaben jährlich bundesweit – demnächst etwa in Berlin sowie in Schulen in Frankfurt und Usingen. Auch im Ausland standen sie schon öfter auf der Bühne. Unvergessen ist ihnen ihr Auftritt bei einer Benefiz-Veranstaltung in St. Petersburg vor mehreren Tausend Zuschauern. „Wir waren drei Tage da, wurden vom Veranstalter total abgeschirmt“, erinnert sich Keyboarder Metwalli. „Auf der Bühne standen wir aber nur zehn Minuten.“

Blinde haben besonderen Zugang zu Musik

Zwei der vier Musiker sehen nichts: Mohamed Metwalli (o.l.) , Florian Hollingshaus (o.r.), Manfred Scharpenberg (u.l.) und Markus Hofmann (u.r.) (Fotos: Christoph Schmidt/dpa)

Zwei der vier Musiker sehen nichts: Mohamed Metwalli (o.l.) , Florian Hollingshaus (o.r.), Manfred Scharpenberg (u.l.) und Markus Hofmann (u.r.) (Fotos: Christoph Schmidt/dpa)

Metwalli ist von Geburt an blind. Im Alter von vier Jahren hat er mit dem Klavierspielen angefangen. Für die Coversongs braucht er keine Noten, er spielt sie nach Gehör. Und er gibt wie fast alle anderen Bandmitglieder an einer Schule für Sehbehinderte in Frankfurt Musikunterricht. Seiner Meinung nach haben blinde Menschen einen ganz besonderen Zugang zur Musik. Blinde hörten anders zu, sagt er.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Michael Kuhlmann vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) in Marburg. „Es fällt ihnen sehr viel leichter, Stücke nach dem Gehör nachzuspielen“, sagt Kuhlmann, der sowohl blinden als auch sehenden Kindern Klavierunterricht gibt. Außerdem seien blinde Kinder oft konzentrierter, weil sie nicht abgelenkt würden. Und sie lernten schneller auswendig, weil sie das ohnehin gewöhnt seien.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN