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Blinde, Borsten, Bundeswehr

In Brandenburgs letzter Bürstenwerkstatt arbeiten sehbehinderte Menschen – hier werden Besen und Bürsten noch in Handarbeit hergestellt. Von Peter Könnicke

Der sehbehinderte Marco Lierath fertigt in der Bürstenwerkstatt des Blindenhilfswerks in Potsdam einen Handfeger. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd)

Das Tagwerk ist fast geschafft. Zielsicher greift Marco Lierath nach dem Bündel Borsten, das die Maschine auf seiner Werkbank freigibt. Er wickelt eine Nylonschnur darum und zieht es mit einer Nadel geschickt mit kraftvollem Fingerzug durch ein kleines Loch. Der 40-Jährige arbeitet in der einzigen noch bestehenden Bürstenwerkstatt Brandenburgs, die im nächsten Jahr 60-jähriges Bestehen feiert. Der Betrieb im Potsdamer Stadtteil Babelsberg stellt Besen, Handfeger, Bürsten, Pinsel und Fußmatten noch in Handarbeit her. Das Besondere: Die Produkte werden von Blinden und Sehbehinderten gefertigt.

Auch Marco Lierath ist seit seiner Geburt fast blind. Mit dem rechten Auge sieht er nichts. „Links nur ein bisschen“, sagt der Potsdamer. Nach der Schule hat er das Handwerk des Bürstenmachers erlernt. Im Blindenhilfswerk hat er seit Jahren seinen Arbeitsplatz.

Der Verein hat als einziger das Sterben der 16 Blindengenossenschaften, die es vor der Wende im Osten gab, überlebt. 1953 als Einkaufs- und Liefergenossenschaft gegründet, später in eine Produktionsgemeinschaft der Blinden mit dem hoffnungsvollen Namen „Frohe Zukunft“ umgewandelt, arbeitet sie heute als gemeinnützige Vereinigung der Blinden und blinden Handwerker des Landes Brandenburg.

40 blinde und sehbehinderte Mitarbeiter beschäftigt der Verein. Nur zwei haben ihren Arbeitsplatz in der Werkstatt, die anderen arbeiten zu Hause – in ganz Brandenburg. „Im Jahr gehen rund 5.000 Handfeger und 3.000 Straßenbesen vom Hof“, sagt Detlef Liebetanz, der für den Ein- und Verkauf zuständig ist.

“Arbeit ist das Licht für die Blinden“

Verglichen mit industriell hergestellter Ware sind die handgefertigten Besen und Bürsten der Babelsberger Bürstenbinder-Gilde teurer. „Daher spielt der soziale Aspekt in unseren Kundengesprächen eine wichtige Rolle, um Käufer zu gewinnen“, sagt Vereinschefin Brigitte Lindemann. Förderung gibt es lediglich vom Integrationsamt, wenn Investitionen anstehen. Ansonsten gelten für die Blindenwerkstatt die Regeln der Marktwirtschaft.

Vor allem in öffentlichen Einrichtungen und Kasernen der Bundeswehr wird mit den Besen aus Babelsberg gekehrt. Auch die Mitarbeiter der Potsdamer Stadtreinigung sind mit Kehrgeräten aus der Blindenwerkstatt im Einsatz. Besonders geschätzt werde laut Liebetanz dabei der rotborstige Laub- und Schneebesen. Für Vereinschefin Lindemann ist eine gute Auftragslage das Wichtigste. „Arbeit ist das Licht für die Blinden“, sagt sie.

Marco Lierath nimmt das nächste Bündel Borsten in die Hand. Etwa 25 Mal muss er den Arbeitsschritt wiederholen, dann ist die Bürste fertig. Die Sechzehnte an diesem Tag, noch fünf bis acht Stück und es ist Feierabend. Lierath fabriziert alles, was ihm auf die Werkbank kommt: Handfeger, Eiskratzer für Autoscheiben, Scheuerbürsten, Schrubber. Nur beim Material hat er seine Vorlieben. „Am liebsten arbeite ich mit Rosshaar, weil das recht weich ist“, sagt er. Borsten aus Arenga- oder Kokosfasern hingegen seien robust, „da kann man sich schnell auch mal verletzen.“ Ernsthaft passiert sei das aber noch nie. Dafür habe er ein zu gutes Gespür.

(dapd)

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