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Blinde brauchen Fingerspitzengefühl, wenn sie mit dem Zug fahren

Das Abenteuer Bahn soll für sehbehinderte Menschen leichter werden. Deshalb hat die DB in einigen Zügen Orientierungshilfen eingebaut. 53 Betroffene haben diese heute in München getestet. Von Susanne Dickel

Der blinde Hans Baier (52) tastet in einem neuen ICE am Hauptbahnhof in München die Nummer eines Sitzes, die in erhöhter Schrift und Blindenschrift angebracht ist. (Foto: dpa)

Marie tastet mit dem Fuß über den Teppich des ICE 2. Dabei bleibt die 15-Jährige an einer Schiene hängen, die etwa einen halben Zentimeter hervorragt. Die Schiene gehört zu den Umbauten, die die sehbehinderte Schülerin erstmals testet. Mit solchen Hilfsangeboten will die Bahn ihren blinden Kunden künftig die Reise erleichtern.

Marie erkundet den Zug mit ihrer Betreuerin Gerda Rauscheder. „Was ist das, Marie?“, fragt die Lehrerin. „Ein Zug im Zug?“ Die Schiene soll Marie dabei helfen, sich in dem ICE zurechtzufinden. Denn mit ihren hellblauen Augen kann sie fast nur noch helle und dunkle Kontraste wahrnehmen.

„Scheu vorm Zugfahren verlieren“

In München erprobten heute Marie und 22 weitere Schüler des Sehbehinderten- und Blindenzentrums in Unterschleißheim den ICE 2. „Mit dieser Schulung wollen wir erreichen, dass die Menschen die Scheu vorm Zugfahren verlieren“, sagt Bahnsprecher Franz Lindemair. Zuvor tastete sich bereits eine weitere Gruppe mit 30 Erwachsenen durch den Zug. In Berlin gab es schon eine solche Aktion der Deutschen Bahn (DB) für Blinde, in anderen Städten plant die Bahn noch solche Angebote für Sehbehinderte.

Zwei Schüler des Sehbehinderten- und Blindenzentrums in Unterschleißheim auf dem Weg zum neuen ICE am Münchner Hauptbahnhof (Foto: dpa)

Die 44 ICE-Züge mussten ohnehin erneuert werden. Das nutzte Rainer Hahn von der DB-Kontaktstelle für Behinderte, um auch Erleichterungen für Sehbehinderte einbauen zu lassen.

„Das war nicht immer leicht umzusetzen“, gibt er zu. Die Einbauten müssten ja auch finanzierbar sein, sagt Hahn, der selbst sehbehindert ist. Vor allem reiche es nicht, nur einzelne Elemente einzubauen: „Das wäre sinnlos.“

Stattdessen gibt es in den Zügen nun neben den Orientierungslinien am Boden noch weitere fühlbare Hilfen: Platznummern an den Griffen der Sitze und Informationen an den Wageneingängen, zum Beispiel die Wagennummer, wo die Sitzplätze für Behinderte sind und in welcher Richtung das Restaurant liegt. Sogar in den Toiletten sind Wasser und Seife gekennzeichnet. Alles sowohl im Punktmuster der Blindenschrift Braille als auch in einer normalen Schrift, deren Profil aber mit den Fingerspitzen ebenfalls ertastbar ist.

Platzreservierungen bleiben ein Rätsel

„Das ist ganz schön behindertengerecht“, findet Marie. Ein Problem gibt es aber noch: die Gepäckablage. Denn deren Farben sind nicht kontrastreich genug, also muss Marie nach ihr tasten. „Das ist wie im Flugzeug!“, ruft sie, als sie sie schließlich gefunden hat. „Nur ohne die Klappen“, bestätigt Lehrerin Rauscheder. Ihren knallroten FC-Bayern-Rucksack behält die Schülerin aber lieber auf dem Rücken.

Auch die Platzreservierungen bleiben für Blinde weiter ein Rätsel. Weil sie sich ständig ändern, können sie nicht in Blindenschrift angegeben werden. Akustische Hinweise hingegen könnten andere Reisende stören. Rauscheder findet das aber nicht so schlimm: „Man darf niemanden in Watte packen.“

Trotzdem kommen die Umbauten bei Marie und den anderen gut an. „Damit bin ich unabhängiger“, sagt die 16-jährige Sabrina. „Sonst muss mir immer jemand helfen, meinen Platz zu finden.“ Das kann sie jetzt allein. Und Fußball-Fan Marie hofft schon darauf, ihren Lieblingsverein nicht nur in München unterstützen zu können: Sie würde am liebsten mal zu einem Auswärtsspiel fahren.

(dpa)

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