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Blinde im öffentlichen Nahverkehr – worauf sollte ich achten?

Tipps für Mitreisende: Hilfe, die ungefragt und völlig falsch ist, kann für den blinden Fahrgast nicht nur nervig sein, sondern auch gefährlich. Von Lydia Zoubek

Lydia wartet an der Haltestelle auf den Bus. (Foto: Privat)

Lydia wartet an der Haltestelle auf den Bus. (Foto: Privat)

Ich erlebe es immer wieder, dass mir Menschen beim Einsteigen, bei der Suche nach einem Sitzplatz oder sonstwie helfen möchten. Hilfe zur rechten Zeit am rechten Ort ist entlastend. Hilfe, die ungefragt und völlig falsch ist, kann für den blinden Fahrgast nicht nur nervig sein, sondern auch manchmal gefährlich. Daher habe ich mal ein paar grundlegende Tipps gesammelt, die tatsächlich nützlich sein können.

Grundsätzlich gilt, dass man einen blinden Fahrgast niemals am Arm packt und in den Bus schiebt. Es mag komisch aussehen, wenn dieser mit dem Blindenstock herumtastet, bevor er ein- oder aussteigt. Das tut er, um festzustellen, was vor ihm liegt, wie hoch die Stufe ist, und wie viel Platz er hat. Denn dass, was Du mit einem Blick erfassen kannst, erfühlt er sich durch den Stock. Bist Du der Meinung, dass der Fahrgast Hilfe braucht, dann biete sie ihm an. Überlasse ihm dabei die Entscheidung, diese anzunehmen oder abzulehnen, und respektiere das.

Stehen oder sitzen?

Vor allem beim Aussteigen erlebe ich es hin und wieder, dass jemand nach meinem Stock greift und mich daran führen möchte. Die Logik daran hat sich mir bisher noch nicht erschlossen. Fakt ist, dass ich den Stock brauche, um zu erfühlen, wie tief es beim Aussteigen geht. Auch hier gilt, dass Du Hilfe beim Aussteigen anbieten kannst. Mehr aber auch nicht.

Bin ich erst mal eingestiegen, so entscheide ich täglich aufs Neue, ob ich lieber stehen oder sitzen möchte. Wenn ich den ganzen Tag gesessen habe, tut Stehen ganz gut. Blinde Fahrgäste wollen nicht immer sitzen. Daher ist es völlig unnötig, einem blinden Fahrgast einen Sitzplatz aufzudrängen, oder andere Fahrgäste lautstark zum Aufstehen aufzufordern. Der blinde Fahrgast hat selbst einen Mund zum Sprechen. Möchte er einen Sitzplatz, dann wird er danach fragen. Du darfst ihn fragen, ob er einen Sitzplatz haben möchte. Und wenn nicht, respektiere das bitte. Ein „Aber Sie sind doch blind“, oder „Das ist doch einfacher für Sie“ ist hier absolut unnötig.

Möchte der blinde Fahrgast einen Sitzplatz gezeigt bekommen, dann schiebe ihn nicht vor Dich her. Biete ihm den Arm an. Er wird sich von alleine an Dir festhalten, und hinter Dir bleiben. Du kannst seine Hand nehmen und sie auf die Lehne des Sitzes legen. Dann weiß er, wo das ist, und kann sich hinsetzen. Es besteht keine Notwendigkeit, ihn auf den Sitz zu drücken. Oder Du kannst ihm auch eine Beschreibung geben wie „Links von Ihnen ist frei.“

„Und kann man da nichts machen?“

Manchmal komme ich ins Gespräch mit anderen Fahrgästen. Auf Platz eins der besonders nervigen Fragen ist: „Sind Sie schon immer blind?“, gefolgt von einer wortreichen Mitleidsbekundung. Dieser Dialog wird dann fortgeführt mit der Frage: „Und kann man da nichts machen?“ Was meinst Du: Wäre ich noch blind, wenn meine Ärzte und ich das hätten ändern können? Ich finde, dass solche Fragen unpassend für ein Gespräch sind, welches nur eine kurze Fahrt im öffentlichen Nahverkehr lang währt.

Kommen wir zur Orientierung. Damit der blinde Fahrgast in den richtigen Bus oder die richtige Bahn einsteigen kann, braucht er korrekte Information in Form einer Ansage der einfahrenden Linie. Ist diese nicht vorhanden, muss er jemanden fragen. Ich mache das oft so, dass ich wartende Fahrgäste anspreche. Gibt es diese nicht, dann stelle ich mich in die Tür des Busses und frage nach der Linie. Antworten wie „Ich weiß das nicht“, braucht kein Mensch. Klappe halten hilft hier am besten. Antworten wie „Linie 653 nach Frankfurt“ oder „S3“ sind dagegen sehr hilfreich. Sehbehinderte, die keinen Blindenstock tragen, bekommen schon mal die Antwort „Das steht doch drauf“. In der Zeit, in der man diesen unqualifizierten Satz von sich gegeben hat, könnte man auch sagen: „Linie 17“. Denn niemand fragt ohne Grund nach der Linie, wenn er es lesen kann.

Versuch’s noch mal

Kommen wir zu den Stationsansagen. Funktionieren diese, dann kann ich ganz entspannt mitfahren und an der gewünschten Haltestelle aussteigen. Funktionieren sie nicht, dann habe ich zwei Optionen. Ich bin ortskundig und kann irgendwie selbst herausfinden, wo ich bin, oder ich muss fragen. Das ist stressig. Also, liebe Busfahrer, die Ihr die gern mal abschaltet, denkt auch mal an blinde oder ältere Fahrgäste, die darauf angewiesen sind. Nicht alle können die Anzeige lesen. Erst recht nicht, wenn sie kontrastarm ist.

Und jetzt noch eine Sache, die mir am Herzen liegt. Blinde haben was an den Augen. Ansonsten gibt es sie in allen Farben und mit allen Eigenschaften, die auch normal sehende Fahrgäste haben. Wenn Dich also mal ein blinder Mensch angefaucht hat, weil Du ihn angesprochen hast, dann war es nicht unbedingt Dein Fehler. Versuch’s noch mal. Und ich wünsche Dir, dass Du einen Menschen mit höflicheren Umgangsformen triffst.

Lydia Zoubek

Unsere Autorin wurde als blindes Kind arabischer Eltern in Jordanien geboren. Im Alter von vier Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie machte ihr Abitur und führt ein selbstbestimmtes Leben mit einem ebenfalls blinden Mann, normal sehenden Kindern und zwei Katzen. Lydia Zoubek betreibt seit einem Jahr den Blog Lydiaswelt. Auf ihrer Seite geht es um die Themen Blindheit, blinde Eltern und Migrationshintergrund.

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