Blinde Künstlerin Silja Korn: „Wie Mama mit der Nase sieht“

Interview (Teil 1) mit Deutschlands erster staatlich geprüften Erzieherin, die blind ist – und als Multitalent verblüfft: Sie fotografiert, malt und hat ein Kinderbuch geschrieben. Von Max Kramer

Silja Korn (Foto: privat)

Silja Korn (Foto: privat)

Es passiert, als sie zwölf Jahre alt ist: Bereits mit einer Sehbehinderung geboren, überquert Silja Korn eine Straße in ihrer Heimatstadt Berlin. Ein Moment der Unachtsamkeit, ein Knall, ein Aufprall, eine schwere Gehirnerschütterung und eine nicht erkannte Blutung im Augenhintergrund: Was folgt, ist eine Jahre dauernde Odyssee mit schier zahllosen Untersuchungen und vielen Operationen, an dessen Ende die vollständige Erblindung im Alter von nur 17 Jahren steht.

Doch was andere aus der Bahn wirft, ist im Fall von Silja Korn Startschuss für eine äußerst spannende und interessante Biografie: Die heute 49-jährige ist Deutschlands erste blinde staatlich geprüfte Erzieherin und „trotz“ ihres Handicaps erfolgreich als Malerin und Fotografin tätig. Und als ob all das noch nicht genug wäre, hatte sie zudem die Idee für ein Kinderbuch, das im Frühjahr 2015 unter dem schönen Titel „Wie Mama mit der Nase sieht“ erschienen ist. Es beschreibt aus der Perspektive des Kindes, was es bedeutet, eine blinde Mutter zu haben – Herausforderungen, Schwierigkeiten, aber auch Alltagsfreuden inklusive. Ein ROLLINGPLANET-Gespräch über unerwünschtes Mitleid, erfülltes Leben ohne Augenlicht und die Freiheit, oberflächlich zu sein.

Die Berlinerin Silja Korn ist Deutschlands erste staatlich geprüfte Erzieherin, die blind ist. (Foto: Privat)

Die Berlinerin Silja Korn ist Deutschlands erste staatlich geprüfte Erzieherin, die blind ist. (Foto: Privat)

Silja Korn in ihrem Atelier. (Foto: Privat)

Silja Korn in ihrem Atelier. (Foto: Privat)

Silja Korn in einer Ausstellung mit ihren Bildern. (Foto: Privat)

Silja Korn in einer Ausstellung mit ihren Bildern. (Foto: Privat)

Interview: So entstand das Buch

Frau Korn, im Biologieunterricht wird Schülern in der Regel beigebracht, dass im menschlichen Körper die Augen für das Sehen zuständig sind, während über die Nase Gerüche wahrgenommen werden. Wie also bitte sehen Sie mit Ihrer Nase? Haben sich die Beteiligten – Autor, Verlag oder Sie als Initiatorin – womöglich im Titel geirrt?

Nein, natürlich nicht! (lacht) Wie jedes Kind weigerte sich auch mein Sohn manchmal, seine Hände zu waschen. Dann roch ich daran und bat ihn, sie nochmal mit Seife zu waschen. So stellte ich vieles mit der Nase und den Händen fest oder spürte es mit dem siebten beziehungsweise in meinem Fall sechsten Sinn, den wir alle haben. Durch meine langjährige Arbeit als Erzieherin konnte ich dieses Gespür schulen, das kam mir bei der Erziehung meines Sohns definitiv zu gute.

Eigentlich könnte man meinen, dass Sie als Erzieherin, Künstlerin und nicht zuletzt auch als Mutter zur Genüge ausgelastet sind. Wie kam Ihnen trotz all dieser Tätigkeitsfelder die Idee zum Buch, und wie ist es entstanden?

Ich habe oft Literatur gesucht, die den Umgang von einer blinden Mutter und ihrem Kind beschreibt. Dazu gab es kaum etwas. Zwar über Kinder oder Erwachsene separat, aber nie in Bezug auf Familie. Da das aber oft Thema in meiner Kita ist, kam mir die Idee, ein solches Projekt für Kinder zu starten. Ich habe also eine Skizze an den Stachelbart-Verlag geschickt und bekam 2013 schließlich die Zusage. Der Verlag hat dann gemeinsam mit Herrn Guckes, der Grafiker und Autor ist, ein authentisches Kinderbuch konzipiert und erarbeitet. Ich bin wahnsinnig stolz darauf, zumal ich nach langer Wartezeit nicht mehr damit gerechnet hätte, dass sich ein Verlag dafür interessiert.

Das Buch basiert im Wesentlichen also auf Ihrer Skizze, geschrieben hat es letzten Endes jedoch Peter Guckes. Wieso wurde überhaupt ein externer Hauptautor angeheuert?

Wir haben das zusammen entschieden, weil es anderen blinden Menschen das Gefühl geben könnte, sie würden Dinge nicht so gut meistern wie ich – was natürlich nicht stimmt. Mein Name wird also nur ganz am Schluss erwähnt, das ist aber total in Ordnung. Wir hätten auch gerne meinen Sohn genommen; da er aber etwas schüchtern ist, wollte er nicht. Alles in allem finde ich die Lösung super.

Silja Korn an ihrem Computer mit Braille-Tastatur. (Foto: Privat)

Silja Korn an ihrem Computer mit Braille-Tastatur. (Foto: Privat)

Wie stark war Ihr Sohn bei der Entstehung des Buchs eingebunden?

Alles, was im Buch steht, hat er tatsächlich in den verschiedensten Situationen so gesagt. Er konnte mit meiner Behinderung schließlich relativ bald souverän umgehen, was man an den Zitaten im Buch sieht. Das Buch ist, gemessen an dem Thema, sehr gut angekommen, bislang wurden bereits rund 500 Exemplare verkauft.

Das liegt meiner Meinung nach daran, dass es sehr authentisch ist. Ich habe es in verschiedenen Kitas vorgelesen und jedes Mal positives Feedback bekommen, weil es Erziehern, Kindern und Eltern dafür sensibilisiert, was Blindheit und der Umgang mit ihr bedeuten – inklusive der damit einhergehenden Konsequenzen.

Was meinen Sie in diesem Zusammenhang mit Konsequenzen?

Ein Kind mit Behinderung großzuziehen ist wirklich nicht einfach, da ich im Umgang mit meinem Sohn mehr tasten, riechen, hören und spüren muss. Mein Sohn musste als kleines Kind beispielsweise oft an meiner Hand gehen und fand das ganz schrecklich. Da wünschte er sich manchmal, wie er mir sagte, eine andere Mutter; eine, die sehen kann. Umso mehr ist es mein Anliegen, anderen Betroffenen und auch Eltern, die ein behindertes Kind haben, zu helfen und gleichzeitig zu zeigen, dass man „trotz“ Behinderung sehr viel erreichen und sogar eine Familie gründen kann. Jeder Mensch sollte das Recht haben, so zu leben, wie er möchte, glücklich zu sein und auch eine Familie zu gründen.

Lesen Sie hier Teil 2 und Schluss des Interviews: „Mama, ich find’s blöd, dass ich eine blinde Mutter habe!“

Wie Mama mit der Nase sieht

Silja Korns Buch „Wie Mama mit der Nase sieht“ ist im Stachelbart-Verlag erschienen, kostet 11,90 Euro und wird für Kinder ab vier Jahren empfohlen.
ISBN: 978-3-945 648 018

Es umfasst 32 Seiten und zahlreiche liebevoll gestaltete Illustrationen.

Weitere Informationen zur Autorin gibt es unter www.siljakorn.de

(RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN