""

Blindenfußball-Finale – Voy! Das kommt uns nicht spanisch vor

Vor dem Ende und Höhepunkt der Saison am Samstag wird wieder deutlich: Der Sport kämpft hierzulande noch um Zuschauer und Anerkennung.

Nationalspieler Mulgheta Russom (m.), über den Lena Neef (r.), Studentin der Audiovisuellen Medien an der Hochschule für Medien in Stuttgart, ihren Abschlussfilm drehte, links: Kameramann Nicolai Mehring. Das Projekt wurde seinerzeit von der Fürst-Donnersmarck-Stiftung unterstützt. (Foto: Fürst-Donnersmarck-Stiftung)

Nationalspieler Mulgheta Russom (m.), über den Lena Neef (r.), Studentin der Audiovisuellen Medien an der Hochschule für Medien in Stuttgart, ihren Abschlussfilm drehte, links: Kameramann Nicolai Mehring. Das Projekt wurde seinerzeit von der Fürst-Donnersmarck-Stiftung unterstützt. (Foto: Fürst-Donnersmarck-Stiftung)

Viele Zuschauer werden wohl auch zum Saisonhöhepunkt nicht kommen, aber davon will sich keiner entmutigen lassen. Die Spieler der deutschen Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) sind das ja gewohnt – leider.

Während bei den sehenden Kollegen Zehntausende Fans in die Stadien strömen, sind die Zuschauergruppen an den sechs DBFL-Spieltagen überschaubar. Doch vielleicht ändert sich das am Samstag (ab 9 Uhr) vor dem Neuen Schloss in Stuttgart, wenn beim Final-Durchgang der deutsche Meister gekürt wird (ROLLINGPLANET berichtete).

MTV Stuttgart wird es wohl machen

Sportlich wird es wohl keine Überraschung geben. Der Rekordmeister MTV Stuttgart, der in der 2008 gegründeten Liga seinen vierten Titel holen könnte, hat einen Punkt Vorsprung auf den Titelverteidiger und großen Verfolger SF Blau-Gelb Marburg.

Bei einem Spiel weniger und einem Punkt Vorsprung stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Meisterschale erneut nach Stuttgart geht. „Ich denke, zu 78 Prozent gewinnen wir“, sagt MTV-Trainer Ulrich Pfisterer, der zugleich der Bundestrainer ist. Das Feld der Liga ist überschaubar: Nur neun Mannschaften treten gegeneinander an.

Noch keine spanischen Verhältnisse

Insgesamt spielen in Deutschland 150 bis 200 Menschen in 13 Teams Blindenfußball, der jüngste Spieler ist zwölf, der älteste 62 Jahre alt. Es geht dabei auch um Anerkennung, Integration und Inklusion. Seit den Spielen von Peking 2008 gehört Blindenfußball auch zu den paralympischen Sportarten. Welt- und Europameisterschaften finden im Zweijahres-Rhythmus statt.

Während es in Spanien professionelle Spieler gibt, die davon leben können, dauert es in Deutschland wohl noch ein wenig, bis die Sportart etabliert ist. Obwohl die Leistungen der Kicker bemerkenswert sind, wissen nur wenige, dass es Blindenfußball überhaupt gibt oder kennen sogar die Regeln.

„Voy!“ – „Ich komme!“

Zwei Mannschaften mit je vier blinden Feldspielern und einem sehenden Torwart treten mit einem „Rasselball“ gegeneinander an, der einem Futsal ähnelt. Durch das Rasseln wissen die Spieler, wo der Ball gerade ist. Das Spielfeld ist 20 mal 40 Meter groß und von Banden umgeben.

Ein Angriff muss mit dem Ausruf „Voy!“ (spanisch für: „ich komme“) angekündigt werden. Präzise Pässe, Dribblings und harte Schüsse sind auch hier zu bestaunen. Vor dem gegnerischen Tor gibt es Orientierungshilfe von einem „Guide“, der hinter dem Netz steht.

Blinde Fußballer führen den Ball ganz eng, er scheint fast am Fuß zu kleben. Dabei kommt es vor allem auf ein gutes Gehör, Orientierung, Intuition und Körperbeherrschung an.

Es gibt solche und solche

Und ohne Leidenschaft geht es sowieso nicht. So erinnert sich Lena Neef, die als Studentin der Audiovisuellen Medien an der Hochschule für Medien in Stuttgart, vor fünf Jahren ihren Abschlussfilm über Nationalspieler Mulgheta Russom vom MTV Stuttgart, drehte:

„Mulgheta fragte jedes Mal fordernd nach einem Ball, während die anderen zur Kaffeepause übergingen. Er nutzte jede Gelegenheit, um in Ruhe das Dribbeln und seine Tricks zu üben. So war es auf dem Rückweg im Bus schon erstaunlich, dass während mein Kameramann und ich zufrieden, aber völlig erschöpft aus dem Fenster starrten, Mulgheta, der den ganzen Tag Fußball spielte, energiegeladen nach Vorschlägen für die Abendplanung aufrief. Und das haben wir nach dem ersten Drehtag auf jeden Fall schon im Kasten: Mulgheta und sein unglaublicher Tatendrang.“

Und was meint Mulgehta (verlor als 20-Jähriger nach einem Unfall sein Augenlicht) angesichts des bevorstehenden Samstags über Blindenfußball? „Die einen spielen Fußball sehend, die anderen blind“, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. „Aber manchmal spielen die Sehenden auch blinder als die Blinden.“

(RP/Anna Dreher/dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Thomas

    Das Problem ist, dass Blindenfußball laaangweeeilig ist. Abgesehen davon spielen hauptsächlich Blinde und Sehbehinderte mit, mit INklusion hat das recht wenig zu tun.

    13. September 2013 at 13:47

KOMMENTAR SCHREIBEN