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Blindenfußballer: „Können die wirklich nicht sehen?“

In Stuttgart begeisterten die Kicker am letzten Tag der Meisterschaft die Zuschauer und erreichten ein wichtiges Ziel: Aufmerksamkeit.

Der Stuttgarter Lukas Smirek (l.) spielt am letzten Spieltag der Blindenfussball-Bundesliga den Ball, bedrängt vom Marburger Spieler Robert Varecha (M), während sich Vedat Sarikaya vom MTV Stuttgart (r.) nach dem Spielgeschehen richtet. Das Spiel endete 2:2 unentschieden, der MTV Stuttgart ist neuer Meister. (Foto: Michael Latz/dpa)

Der Stuttgarter Lukas Smirek (l.) spielt am letzten Spieltag der Blindenfussball-Bundesliga den Ball, bedrängt vom Marburger Spieler Robert Varecha (M), während sich Vedat Sarikaya vom MTV Stuttgart (r.) nach dem Spielgeschehen richtet. Das Spiel endete 2:2 unentschieden, der MTV Stuttgart ist neuer Meister. (Foto: Michael Latz/dpa)

Das Tor zum deutschen Meistertitel für den MTV Stuttgart (ROLLINGPLANET berichtete) hat Alexander Fangmann zwar geschossen – aber nicht gesehen. Der Fußballer ist Nationalspieler. Und blind.

Am Final-Spieltag der Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) mussten die Zuschauer in Stuttgart daher über weite Strecken der Partien ruhig sein. Profifußballer werden für ihr gutes Auge gelobt – bei ihren blinden Kollegen entscheidet das Gehör. Der Ball rasselt, die Mitspieler rufen.

Auch, wenn es am Samstag für den MTV Stuttgart in erster Linie um den Titelgewinn ging, hatten alle Bundesliga-Teams vor dem neuen Schloss in der Landeshauptstadt letztendlich das gleiche Ziel: den Blindenfußball bekannter zu machen.

3500 Zuschauer in Stuttgart

Es geht zur Sache: Der Stuttgarter Spieler Stefan Peters (l.) und der Marburger Thomas Horn (r.) kämpfen um den Ball (Foto: Michael Latz/dpa)

Es geht zur Sache: Der Stuttgarter Spieler Stefan Peters (l.) und der Marburger Thomas Horn (r.) kämpfen um den Ball (Foto: Michael Latz/dpa)

Berührungsängste nehmen und jene motivieren, die mitspielen könnten, sich aber vielleicht nicht trauen – oder die Sportart nicht kennen. „Wir wollen anderen zeigen, wie viel sie erleben können, welche Emotionen es bei uns gibt. Dass sich alle dafür anstrengen, ist fantastisch“, sagte Fangmann.

Seinen Treffer zum 1:0 gegen den VfB 09/13 Gelsenkirchen haben am Morgen zwar nur rund 100 Neugierige und Fans gesehen. Aber im Laufe des Tages wurden es mehr. Bei der Übergabe der Meisterschale durch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach waren es rund 3500.

Viele Zuschauer sind erstmals da

David Kallweit von der SG Braunschweig beklebt seine Augen mit Pflastern. Anschliessend zieht er die Dunkelbrille über die Augen. So wird gewährleistet, dass alle Spieler die gleichen Voraussetzungen in die Spiele mitbringen. (Foto: Michael Latz/dpa)

David Kallweit von der SG Braunschweig beklebt seine Augen mit Pflastern. Anschliessend zieht er die Dunkelbrille über die Augen. So wird gewährleistet, dass alle Spieler die gleichen Voraussetzungen in die Spiele mitbringen. (Foto: Michael Latz/dpa)

„Wir sind zufällig hier, aber wir finden das cool“, sagte ein 15 Jahre alter Zuschauer. „Können die wirklich nicht sehen? Das ist ja echt beeindruckend!“

So oder so ähnlich dürften die meisten im Publikum gedacht haben. Spieler, die ständig „voy!“ (spanisch für „ich komme!‘) rufen, einem rasselnden Ball hinterher rennen, Schaumstoffpolster an der Stirn tragen und gegen die Bande knallen: Für viele Zuschauer ist es eine Premiere.

Mitgefiebert wurde trotzdem und nach gelungenen Aktionen gab es auch – erlaubt – Applaus. „Ich habe mich bei einem Pfostenschuss fast schon erschrocken, so laut war das“, sagte Fangmann. „Man spürt schon, wie viele Zuschauer da sind. Das ist schön. Dann sehen viele, dass wir Fußball spielen können.

MTV Stuttgart: Wieder Titel trotz vieler Schwierigkeiten

Die Spieler des MTV Stuttgart laufen auf das Spielfeld, hier ein Archivfoto vom Spieltag in Heidelberg (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Die Spieler des MTV Stuttgart laufen auf das Spielfeld, hier ein Archivfoto vom Spieltag in Heidelberg (Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Und nach der vorzeitigen Entscheidung am Vormittag konnten die Stuttgarter Kicker den Tag bis zum 2:2 gegen Verfolger SF Blau-Gelb Blista auch genießen.

„Das war eine richtig schwierige Saison für uns“, sagte MTV-Trainer Ulrich Pfisterer. „Wir hatten bei vielen Spieltagen wegen Verletzungen keine Ersatzspieler dabei, und noch dazu wurde unser bester Stürmer, Vedat Sarikaya, wegen einem Foul für die halbe Saison gesperrt“, berichtete er.

Abgesehen von der ersten sei „diese Meisterschaft wohl die wertvollste“. Nach 2009, 2010 und 2011 konnte der MTV Stuttgart in der 2008 gegründeten DBFL die Saison zum vierten Mal auf Rang eins beenden.

Alles ganz normal – so soll es sein

Beim Heimspieltag auf dem Schlossplatz müssen die Sprecher die Zuschauer unterdessen mehrmals bitten, sich nicht an die Banden zu lehnen. Immer wieder rennen die Spieler gegen die Begrenzung, das Tempo auf dem Rasen kann hoch sein, und um die Stimmung muss sich keiner Sorgen machen.

Ärger über ungenutzte Torchancen, laute Halbzeit-Ansprachen von den Trainern, Jubel von den Zuschauern. Es ist wie bei den sehenden Fußballern. Und so soll es auch sein.

(dpa)

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