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Blindentandem: So funktioniert Radfahren im Doppelpack

Vertrauen und Teamwork sind unerlässlich. Worum es sonst noch geht, erklärt Iris Auding.

Die Tandemgruppe des Berliner Blinden- und Sehbehindertensportvereins trifft sich wöchentlich für gemeinsame Touren. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Die Tandemgruppe des Berliner Blinden- und Sehbehindertensportvereins trifft sich wöchentlich für gemeinsame Touren. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Luftdruck stimmt, Sattelhöhe passt, Bremsen funktionieren: Vor der Garage stehen zehn Tandems bereit. Die Paare werden eingeteilt, Dirk sitzt vorn, Jürgen hinten. Dass der vordere sieht, der hintere blind ist, lässt sich nicht so einfach ausmachen. Zu erkennen ist es vor allem an dem Blindenzeichen, einem gelben Kreis mit drei schwarzen Punkten, hinten am Gepäckträger. Die Tandemgruppe des Berliner Blinden- und Sehbehindertensportvereins trifft sich zur wöchentlichen Ausfahrt.

Dem Piloten Dirk geht es in erster Linie ums Radfahren und um die Begegnung. „Dass jemand blind oder sehbehindert ist, spielt für mich keine entscheidende Rolle“, erzählt der 54-Jährige. Jürgen fährt mit, so oft es geht. „Tandemfahren ist fast der einzige Sport, den ich machen kann“, sagt der 61-Jährige. Privat hat er auch ein eigenes Tandem, auf dem er mit seiner Lebensgefährtin unterwegs ist – gerade waren sie auf der Ostseeinsel Usedom. Dass die Räder nicht auffälliger gekennzeichnet sind, findet Jürgen gut:

„Wir wollen ja nicht unser Blindsein spazieren fahren.“

„Vorsicht, Poller!“

Jürgen und Dirk verstehen sich fast ohne Worte. Bei Sonnenschein und blauem Himmel radeln sie durch den Grunewald im Südwesten Berlins, vorbei an Seen und Ausflugslokalen. Passanten bleiben stehen und blicken den Tandems hinterher, die wie an einer Schnur aufgereiht auf dem Fahrradweg fahren. Dann ruft jemand laut „Vorsicht, Poller!“, die Radler recken die Köpfe und umkurven das Hindernis. Als eine Straße überquert wird, steigen alle ab und schieben die Tandems auf die andere Seite – Autos halten an und lassen die Gruppe passieren.

Der blinde Jürgen Pansin (hinten) und sein sehender Tandem-Partner Dirk Stenzel. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Der blinde Jürgen Pansin (hinten) und sein sehender Tandem-Partner Dirk Stenzel. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Wie viele Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert sind – dazu gibt es nach wie vor keine belastbaren Zahlen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) spricht von etwa 100.000 Menschen, die Blindengeld bekommen. In der Statistik für Schwerbehinderte wurden im Jahr 2013 knapp 561.000 Betroffene unter der Kategorie „Blindheit und Sehbehinderung“ in Deutschland erfasst. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte für 2014 eine Zahl von weltweit 246 Millionen Sehbehinderten und 39 Millionen Blinden.

Auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft

Blindentandems gibt es nicht nur in Berlin, sondern auch in weiteren Städten wie Köln, Hamburg, Offenbach, Darmstadt und Stendal. „Mit dem Blindentandem fährt man nicht morgens zur Arbeit“, sagt Reiner Delgado, der beim DBSV als Sport-Referent arbeitet.

„Es gibt Blinden und Sehbehinderten aber die Möglichkeit, in der Freizeit anders unterwegs zu sein. Auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft ist das ein minimales Projekt, aber für den Einzelnen kann es sehr wertvoll sein.“

Steffen Kruschwitz und seine Freundin Liane Taczkowski leiten das Berliner Blindentandem, das es seit 1986 gibt. Er ist auf dem linken Auge blind, mit rechts sieht er noch etwa 30 Prozent. „Ich achte auf meine Umwelt ab und an mehr als der Sehende. Der Pilot hat dann manchmal etwas gar nicht mitbekommen, aber er soll sich ja auch auf die Strecke konzentrieren.“ Liane kann noch zwischen hell und dunkel unterscheiden, sie benutzt einen Blindenstock. Das Tandemfahren mit der Gruppe bedeutet ihr viel. Fast hätte sie nach einem Unfall im vergangenen Jahr damit aufgehört. „Dann habe ich mich überwunden und
mich durchgekämpft“, erzählt die 51-Jährige. „Ich fahre wieder, der Donnerstag schlägt alles andere.“

Ziemlich empfindlich

Damit möglichst nichts passiert mit den insgesamt 17 Tandems des Vereins, haben die Berliner ein paar Regeln festgelegt. Dazu gehört eine Helmpflicht. Und ein vorsichtiger Umgang, denn die Doppelsitzer sind ziemlich empfindlich – besonders die Schaltungen mit ihren langen Bowdenzügen. Nicht jeder eignet sich als Pilot, wichtig sind Vertrauen und Teamwork. Es geht darum, viel miteinander zu sprechen, falls das Rad stoppen muss, eine Steigung kommt oder plötzlich ein Hindernis auftaucht. Für einen Sehenden ist es schwierig sich vorzustellen, nichts oder kaum etwas zu erkennen. Hinten auf dem Tandem kurz die Augen zu schließen, hält man nicht lange durch.

Auch Heinz und Christine sind ein eingespieltes Team. „Sie ist ein Profi“, lobt Heinz seine Copilotin. Die mag es, wenn zügig gefahren wird. „Ich genieße das Tempo, dass man mal richtig rasen kann und sich dann wieder einen Berg hoch quält“, erzählt Christine. „Heute habe ich das Kopfsteinpflaster deutlich gespürt, die Luft fand ich staubig.“ Auch Jürgen beschreibt, dass er vor allem Geräusche, Gerüche und den Fahrtwind wahrnimmt. Kurz vor dem Ziel geben die Tandems noch mal Gas, der Tacho zeigt mehr als 30 Stundenkilometer an. Nach knapp zwei Stunden und 30 Kilometern ist die Tour geschafft. An den Rädern ist alles heil geblieben, sie werden in der Garage geparkt – bereit für die nächste Ausfahrt.

(dpa)

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