Blinder Bogenschütze schießt Weltrekord

Der Südkoreaner Dong-Hyun Im sorgt in London für das erste kleine Olympia-Märchen, will aber nicht, dass wir jetzt alle ausflippen. Holt er heute Gold mit dem Team? Das ZDF sendet ab 16 Uhr.

Dong-Hyun sammelt gestern nach seinem Weltrekord die Pfeile wieder ein (Foto: Marcio Jose Sanchez/AP/dapd)

Der 26-jährige Dong-Hyun Im (manche Medien schreiben auch Dong-Hyung Im) gilt mit einer Sehfähigkeit von zehn Prozent im linken Auge und zwanzig Prozent im rechten Auge gesetzlich als blind. Er muss zehnmal so nah an einem Gegenstand sein wie ein normal Sehender, um ihn gleich gut zu erkennen. Er kann keine Zeitung lesen, auch wenn er sie in Armweite vor sich hält. Trotzdem ist er Bogenschütze – und zwar einer der weltweit Besten.

Gestern sorgte der Südkoreaner in London für das erste kleine Olympia-Märchen 2012. Nach knapp zwei Stunden und je 72 Pfeilen pro Schütze hat er bei der Platzierungsrunde mit 699 von 720 möglichen Punkten die alte – eigene – Bestmarke um drei Zähler verbessert. Er posiert vor der Scheibe für die Fotografen, schlendert lässig zurück und läuft grinsend an den Reportern vorbei. „Das war nur die erste Runde, also werde ich jetzt nicht ausflippen“, sagt er. Heute wird im Team-Wettbewerb das erste Gold vergeben. Das ZDF sendet das Finale ab 16 Uhr.

Alle Titel gewonnen – nur nicht Gold im Einzelturnier

Ab Montag beginnt dann das Einzelturnier – und Dong-Hyun Im will endlich persönliches Olympia-Gold holen. Dies ist ihm im Einzelwettbewerb bereits zwei Mal – 2004 in Athen und 2008 in Peking – misslungen, obwohl er stets als Favorit gehandelt wurde. Medaillen hat er dennoch bereits zahlreiche gesammelt: Er ist Weltmeister, Asien-Meister und zweimaliger Olympiasieger im Team.

Wenn er auf die bunte Zielscheibe schaut, sagt Dong-Hyun Im, sei das so, als wolle er eine Frucht in einem Gemälde treffen, das lange im Regen gestanden habe: Alle Farben erscheinen verschwommen. Er erkennt allenfalls grobe Umrisse. Um aus 70 Metern den 12 Zentimeter kleinen gelben Mittelkreis zu treffen, verlässt er sich auf sein Gefühl und seine Koordination: „Ob ich das Ziel sehe oder nicht, macht für mich nicht wirklich einen Unterschied.“

Aus seinem Handicap will er kein Aufhebens machen: „Ich habe keinen Stock, ich habe keinen Blindenhund“, zitierte ihn die englische Zeitung „The Telegraph“ dieser Tage. Er habe es mal mit einer Brille versucht, sagt er, aber das habe ihm beim Schießen nur gestört. In seiner Heimat ist Bogenschießen Volkssport. An den Paralympics will er nicht teilnehmen.

Nachtrag 20:20 Uhr: Die USA hat im Halbfinale den viermaligen Olympiasieger Südkorea besiegt – eine Sensation. Gold gewann – ebenfalls überraschend – Italien. Immerhin: Südkorea holte noch Bronze.

(RP/gek)

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