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Blindes Paar darf Kind adoptieren – falls es keinen Einspruch gibt

Oberösterreich wegen Diskriminierung verurteilt.

Dietmar Janoschek und Elfriede Dallinger (Foto: Freiraum Europa)

Dietmar Janoschek und Elfriede Dallinger (Foto: Freiraum Europa)

Ein Fall aus unserem Nachbarland. Seit drei Jahren kämpft das erblindete Paar Dietmar Janoschek (42) und Elfriede Dallinger (47) aus Oberösterreich – einem von neun österreichischen Bundesländern –, darum, ein blindes Waisenkind adoptieren zu dürfen. „Blinde Kinder haben kaum Chancen, und wir können als blinde Eltern die entsprechende Kompetenz vermitteln,“ erklärt Janoschek in einem Gespräch mit ROLLINGPLANET, warum sie sich nicht für ein sehendes Kind entscheiden wollen.

Einen ersten Antrag stellte das Paar im Sommer 2010 bei der zuständigen Behörde, der BH (Bezirkshauptmannschaft) Linz Land. Beim anschließenden Prüfungsverfahren fielen die beiden durch: Sie seien als Adoptiveltern nicht geeignet, teilte die BH Linz Land am 23. Dezember 2010 per Schreiben mit – ohne auf Details einzugehen.

Erst fünf Monate später erhielt der von dem Paar eingeschaltete Rechtsanwalt Auskunft über die wahren Ablehnungsgründe: In den Bereichen Sicherheit, Pflege, Gesundheit, Erziehung und Förderung des Kindes erfüllten die Kandidaten nicht die erforderlichen Voraussetzungen für eine Adoption. Gleichzeitig ließ der für die Jugendwohlfahrt zuständige Politiker per Zeitung wissen, dass blinde Eltern einen Sonnenbrand oder Zeckenbiss beim Kind möglicherweise nicht rechtzeitig erkennen könnten.

„Schlag ins Gesicht blinder Eltern“

Dietmar Janoschek: „Diese Aussagen sind nicht nur diskriminierend, sondern ein Schlag ins Gesicht der hunderten blinden Paare, die leibliche Kinder haben und diese verantwortungsbewusst, selbstbestimmt und problemlos aufziehen.“

Zwischendurch waren Janoschek und Dallinger sogar nach Wien gezogen, in der Hoffnung, dort eine Adoptionsgenehmigung zu erhalten. Auch dort scheiterten sie.

Janoschek und seine Lebensgefährtin zogen vor Gericht. Dort erklärte eine leitende Sozialarbeiterin als Zeugin: „Die Blindheit war nicht das Hauptargument, es war eine Gesamtwürdigung“.

Ihre Behörde überprüfe generell, ob Bewerber für eine Adoption geeignet seien. Bei der Erörterung von Fallsituationen sei klar geworden, dass viele Pflegeleistungen für das Kind von Fremden übernommen werden sollten. Aus fachlicher Sicht der Behörde hätte das Kind für die Kläger „eine große kompensatorische Funktion“: Grundmotivation sei, eigene Bedürfnisse abzudecken. Auf die Frage, ob es auch eine Ablehnung gegeben hätte, wenn die Adoptionswerber nicht blind wären, antwortete die Zeugin: „So wie ich es jetzt einschätze, ja“.

Urteil zugunsten der Kläger

Das Bezirksgericht Linz schätzte die Dinge anders ein. Es kam nach drei Verhandlungen und nach einer Prüfung durch die vom Gericht bestellte Sachverständige, Prof. Dr. Willinger, am 5. Juni zu dem Ergebnis, dass das Paar von der BH Linz Land und damit von dessen Rechtsträger, dem Land Oberösterreich, diskriminiert wurde. Das Land wurde verdonnert, den beiden die Adoptionseignungsbestätigung auszustellen.

Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Das Paar befürchtet, dass das Land Widerspruch einlegen wird. Janoschek: „Wir hoffen und appellieren an das Gewissen aller Verantwortlichen, uns und unserem Kinderglück nicht weitere Steine in den Weg zu legen“.

(RP)

Für blinde und sehbehinderte Menschen
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2 Kommentare

  • Andrea Bröker

    Was für eine hanebüchene Begründung! Da müsste man ja in der Konsequenz blinden Paaren verbieten, Kinder zu bekommen, bei denen können sie schließlich genausowenig Sonnenbrand und Zeckenbisse sehen. Aber diese Zeiten sind ja zum Glück längst vorbei. *kopfschüttel*

    11. Juni 2013 at 16:08
  • Heidi Braunreuther

    Ich wünsche den beiden von Herzen, dass sie ENDLICH ein Kind adoptieren dürfen, es bald bekommen und dass sie alle zu einer glücklichen Familie werden!

    Zu den Ablehnungsgründen: Man fragt sich, ob diese ein schlechter Scherz sein sollen?!
    Nur zur Anmerkung am Rande: Mein Junge hatte letztes Jahr im Sommer eine Zecke am Kopf. Ich habe die Zecke weder beim Duschen, noch beim Haarefönen und – kämmen bemerkt. Entdeckt habe ich sie erst, als ich ihm beim Zubettgehen noch einmal über den Kopf strich.
    Ich habe die Zecke GEFÜHLT und dabei genau gewusst, dass es sich um eine Zecke handelt.
    Übrigens, ich bin nicht blind, ich habe nicht einmal eine Brille. GRRRRRRR, ich kriege gerade eine Riesenwut…

    Gewisse Politiker sollten erst einmal ihr Hirn einschalten, bevor sie mit menschenunwürdigen und einfach DUMMEN Aussagen den Lebenstraum anderer zerstören.

    30. Juni 2014 at 15:53

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