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Bluter-Skandal: „Das war ein harter Kampf“

Sie wurden ausgegrenzt, rechneten mit einem frühen Tod – und hatten keine Chance auf ein normales Leben. Nun gibt es späte Genugtuung für die Opfer. Von Basil Wegener

Langer Kampf – späte Gerechtigkeit: Mit einer Totenkopfmaske und einem Plakat mit der Aufschrift „HIV im Blut und ihr guckt zu“ nimmt ein Mann am 8. März 1994 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) an der Demonstration der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft für die Einrichtung einer Stiftung zur Entschädigung der durch Blutprodukte HIV-infizierter Bluter teil. Der „Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen“ ging zuletzt das Geld aus. Sie soll nun aber mit neuen Millionenbeträgen unterstützt werden. (Foto: DB Redmann/dpa)

Langer Kampf ¬– späte Gerechtigkeit: Mit einer Totenkopfmaske und einem Plakat mit der Aufschrift „HIV im Blut und ihr guckt zu“ nimmt ein Mann am 8. März 1994 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) an der Demonstration der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft für die Einrichtung einer Stiftung zur Entschädigung der durch Blutprodukte HIV-infizierter Bluter teil. Der „Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen“ ging zuletzt das Geld aus. Sie soll nun aber mit neuen Millionenbeträgen unterstützt werden. (Foto: DB Redmann/dpa)

Das Aids-Virus bekam Michael Diederich als Kind. Damals, in den 80er Jahren, kam HIV für viele einem Todesurteil gleich. Diederich ist Bluter, das Blut aus Wunden gerinnt nicht oder nur langsam. Das Virus bekam er über infiziertes Konzentrat, gewonnen aus menschlichem Blutplasma, das gegen seine Krankheit helfen sollte. Diederich überlebte – wenn auch unter oft dramatischen Umständen. Jetzt feiert Diederich einen Erfolg im jahrelangen Kampf um Anerkennung – wie Hunderte andere Betroffene des Bluter-Skandals, die wegen schleppender Reaktionen der Behörden damals mit HIV infiziert wurden.

Dabei geht es um Geld. Erst 1995 wurden die Opfer des Bluter-Skandals anerkannt und mit Hilfszahlungen aus einer Stiftung unterstützt. Doch der Stiftung droht das Aus, Ende 2018 dürfte das Geld alle sein, wenn sich nichts tut. Weitere Finanzzusagen beteiligter Pharmafirmen und des Deutschen Roten Kreuzes zu erhalten, wurde immer schwieriger. Rund 1500 Hämophile (Bluter) wurden HIV-infiziert und von dem Skandal aus der Bahn gerissen. Noch 300 Bluter bekommen Geld aus der Stiftung, dazu rund 250 andere Personen, meist direkte Angehörige.

Bund will für Betroffene zahlen

„Es gibt viele, die sagen: Wir geben uns die Kugel, wenn wir nichts mehr bekommen“, sagt Diederichs Freundin Lynn Sziklai, die als Aktivistin für die Belange der infizierten Bluter kämpft. Eine Studie des Instituts Prognos zeigt: Den Betroffenen geht es von Jahr zu Jahr schlechter – gesundheitlich, psychisch, finanziell. Sie sind auf die Hilfen der Stiftung angewiesen (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: Ein Leben mit dem Virus: Die langen Folgen des Bluter-Skandals).

Jetzt hat sich die Politik bewegt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat den Koalitionsfraktionen – auch in der SPD gibt es umtriebige Unterstützer der Skandalopfer – einen Gesetzespassus zugleitet, der bald mit einem anderen Gesetz beschlossen werden soll. Das Ziel des Manövers: Der Bund will für die Betroffenen zahlen. Er beteiligte sich bisher schon an der Stiftung, doch nun soll den Opfern die Hilfe lebenslang garantiert werden – und zwar in der Höhe angepasst an die Rentenentwicklung. Kostenpunkt: neun bis zehn Millionen Euro jährlich.

Stark körperlich behindert

Michael Diederich gehört zu den Opfern: Über infiziertes Konzentrat, gewonnen aus menschlichem Blutplasma, bekam der Bluter als Kind das Aids-Virus. (Foto: Oliver Mehlis/dpa)

Michael Diederich gehört zu den Opfern: Über infiziertes Konzentrat, gewonnen aus menschlichem Blutplasma, bekam der Bluter als Kind das Aids-Virus. (Foto: Oliver Mehlis/dpa)

„Ich kann es nicht glauben, was nun passiert ist“, sagt Michael Diederich. „Das war ein harter Kampf.“ Viele seiner Leidensgenossen seien derart stark körperlich beeinträchtigt, dass sie teure Hilfsmittel bräuchten. Diederich selbst arbeitet maximal zwei bis drei Stunden am Tag ehrenamtlich beim betreuten Wohnen. Mehr geht nicht. Seit Jahren wirbt er zudem öffentlich um Verständnis für die Opfer des Bluter-Skandals. Wer HIV-positiv ist, aber noch ohne Aids-Erkrankung, bekommt rund 760 Euro aus der Stiftung pro Monat, Aids-Kranke rund 1500 Euro und Angehörige gut 500.

Heute ist Aids für viele Menschen kein Grund mehr, Kranke zu stigmatisieren. Diederich, inzwischen 41 Jahre alt, hat das oft schon anders erlebt. In der Schule – in seiner Heimat Ulm – sagte er niemandem etwas über die Krankheit. Erst mit 21 outete er sich als Aids-Kranker. Es ging ihm damals zu schlecht, um die Krankheit weiter zu verbergen.

Wenn nun tatsächlich im Bundestag beschlossen wird, dass die HIV-infizierten Bluter ein Leben lang aus der Stiftung unterstützt werden, hat sich für Diederich der Kampf gelohnt. „Wir haben es geschafft, dass die Politiker uns ernst nehmen“, sagt er. Auf jeden Fall müssten die Betroffenen nun aber dran bleiben.

Am 1. April machen Betroffene des Bluter-Skandals und Unterstützer mit einer Demonstration in Berlin auf ihre Belange aufmerksam. Sie startet um 13.30 am Potsdamer Platz.

Hintergrund

Bei Hämophilie gerinnt das Blut nur langsam oder gar nicht. Mit dem Aids-Virus hatten sich die Betroffenen in den 80er Jahren über Gerinnungsfaktoren angesteckt, die aus Blutplasma von infizierten Spendern gewonnen worden waren.

Der Skandal dabei: Blutpräparate mit dem Erreger wurden trotz Erkenntnissen über die Gefahren zu spät vom Markt genommen, Risiken heruntergespielt. Auf eine Erhitzung der Plasmaprodukte zur Abtötung der Viren wurde lange verzichtet. Betroffene erhielten kaum Informationen. Wegen des Skandals wurde unter dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) 1994 das Bundesgesundheitsamt aufgelöst.

Ein Jahr später wurde die Stiftung ins Leben gerufen. 100 Millionen D-Mark stellte der Bund, 90,8 Millionen zahlten sechs Pharmafirmen, 9,2 Millionen die Blutspendedienste des Roten Kreuzes, 50 Millionen die Länder. Ursprünglich wurde der Tod aller Betroffenen bis 1999 erwartet. Die Stiftung wurde dann aufgestockt.

Doch wegen der Fortschritte in der Aids-Therapie und weil auch die Kinder Betroffener bis zu ihrem 25. Lebensjahr Hilfe bekommen, sind laut Robert-Koch-Institut finanzielle Mittel bis 2070 nötig.

(dpa)

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