""

Blutgeld – Der vergessene Blutkonservenskandal

ZDF-Drama um drei Brüder mit der Bluter-Krankheit, die sich durch ein vermeintliches Heilmittel mit HIV infizieren.

Ralf (Max Riemelt) nimmt den Kampf auf, gegen Pharma-Unternehmen und das Bundesgesundheitsamt.(Foto: ZDF/Willi Weber)

Ralf (Max Riemelt) nimmt den Kampf auf, gegen Pharma-Unternehmen und das Bundesgesundheitsamt.(Foto: ZDF/Willi Weber)

Am 17. April schrieb ROLLINGPLANET anlässlich des Welthämophilietages: „Wir erinnern an eine längst vergessene Tragödie: Zu Beginn der 1980er Jahre traten weltweit Infektionen durch HIV-kontaminierte Blutprodukte auf, an denen auch ahnungslose Hämophilie-Betroffene starben.

Eines der ersten Opfer in dieser Zeit war ein junger Mann, der im Neckargemünder Rehabilitationszentrum für körperbehinderte Kinder und Jugendliche (heute: Stephen-Hawking-Schule) bei Heidelberg lebte. Weil er sich den sogenannten ,Faktor‘ für die schnellere Blutgerinnung spritzte, erkrankte er tödlich an AIDS.“

ZDF-Fernsehfilm „Blutgeld“

Um genau diesen Blutkonservenskandal geht es am Montagabend in dem ZDF-Fernsehfilm „Blutgeld“ (28.10.2013, 20.15–21.45 Uhr). Regie führte René Heisig. „Es ist ein starkes Thema: Der Medizin-Skandal um ein verseuchtes Medikament, das 1500 Bluter-Erkrankte mit HIV infiziert hat“, urteilt die WAZ. „Aber das Drehbuch ist hölzern, die Dramaturgie holpert. Und dennoch lohnt der Film. Das hat viel mit dem Ensemble um Max Riemelt zu tun.“ Der Inhalt:

Anfang der 70er Jahre. Marianne Seifert (gespielt von Charlotte Schwab) bangt um das Leben ihrer Söhne. Sie sind Bluter, jede auch nur kleine Verlet¬zung kann tödlich sein. Ein Fahrradunfall des Jüngsten, Ralf (Max Riemelt), scheint zum Glücksfall zu werden: Marianne erfährt von einem neuartigen Behandlungsmittel. Mithilfe des Medikaments können die Brüder Ralf, Thomas (David Rott) und Stefan (Fabian Busch) ein normales bürgerliches Leben führen.

Ralf (Max Riemelt, r.) fordert Dr. Georg Fischer (Heio von Stetten, l.) auf, ihn im Faktor-VIII-Skandal zu unterstützen (Foto: ZDF /Willi Weber)

Ralf (Max Riemelt, r.) fordert Dr. Georg Fischer (Heio von Stetten, l.) auf, ihn im Faktor-VIII-Skandal zu unterstützen (Foto: ZDF /Willi Weber)

Das medizinische Wunder hat einen Namen: Faktor VIII ist ein Gerinnungsmittel, das aus Blutspenden gewonnen wird und Bluter scheinbar sorgenfrei leben lässt. Der Arzt, der ihnen das Wunder ermöglicht, ist Professor Dr. Schubert (Rudolf Kowalski).

Doch durch HIV-verseuchte Blutkonserven erkranken sie wie sehr viele andere Patienten an der Immunschwäche Aids. Als die Brüder erfahren, dass sie HIV-positiv sind, beginnt für sie der Kampf gegen die ständige Angst – vor dem Ausbruch der Krankheit und vor deren Entdeckung, die in den 1980er Jahren eine totale soziale Ausgrenzung nach sich zieht.

Chat

Nach der Ausstrahlung am 28. Oktober können Zuschauer in einem Chat ihre Fragen zum Film und den realen Hintergründen stellen. Dafür stehen ein Experte und ein anonymisierter Betroffener, dessen Geschichte die Grundlage für den fiktionalen Film war, zur Verfügung.

In der Familie kommt es zum Zerwürfnis, und der frühe Tod von einem der drei Brüder belastet zusätzlich. Doch vor allem Ralf will sein Leben nicht völlig der Krankheit unterordnen. Unterstützt von der jungen Ärztin Martina Meissner (Lavinia Wilson) ringt er darum, den Übertragungsweg beweisen und die Verantwortlichen der Katastrophe zur Rechenschaft ziehen zu können. Jene Verantwortlichen, die den Skandal zu vertuschen versuchen.

Barbara (Jule Ronstedt) weicht ihrem Ehemann Thomas (David Rott) aus. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Barbara (Jule Ronstedt) weicht ihrem Ehemann Thomas (David Rott) aus. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Den drei Brüdern Thomas (David Rott), Stefan (Fabian Busch) und Ralf (Max Riemelt) wird erklärt, dass sie alleine wegen der Faktor-VIII-Behandlung ein normales und gesundes Leben führen können. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Den drei Brüdern Thomas (David Rott), Stefan (Fabian Busch) und Ralf (Max Riemelt) wird erklärt, dass sie alleine wegen der Faktor-VIII-Behandlung ein normales und gesundes Leben führen können. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Bevor Ralf (Max Riemelt) vom Bundesgesundheitsamt angehört wird, spricht ihm Martina (Lavinia Wilson) Mut zu. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Bevor Ralf (Max Riemelt) vom Bundesgesundheitsamt angehört wird, spricht ihm Martina (Lavinia Wilson) Mut zu. (Foto: ZDF/Willi Weber)

Die damals verabreichten Faktor VIII-Präparate haben mehr als 1000 Bluter-Kranken das Leben gekostet – eine Tragödie, die in ihrem Ausmaß und ihrer Verantwortungslosigkeit an den Contergan-Skandal erinnert: Bis heute wurde keiner der Schuldigen des „Bluter-Skandals“, in dem 1846 Bluter mit HIV infiziert wurden und 750 bislang an AIDS verstorben sind, zur Rechenschaft gezogen.

Wir haben nur ein Leben

ROLLINGPLANET-Autor Johann Löwe war mit einem der realen Opfer befreundet und erinnert sich: „Die Leute aus unserer Clique waren alle um die Anfang Zwanzig, als uns die Nachricht, dass Thomas (Name von der Redaktion geändert) wegen des ,Faktors‘ HIV-positiv war, erschütterte.

Einige von uns hatten die Gelegenheit, Thomas im Krankenhaus zu besuchen. Sein Zustand war am Schluss so elend, dass er neben das Glas griff, wenn er trinken wollte. Wir hatten noch ein halbes Jahr zuvor bei mir eine Grillparty gefeiert, es war ein warmer August-Sommerabend. Ich besaß ein junges, wenige Wochen altes Kätzchen, das während der Party vom Garten auf die Straße gelaufen war. Wir suchten es stundenlang, vergebens. Ich glaube noch heute, dass das Kätzchen von einem Auto überfahren worden ist.

Gegen Mitternacht sagte Thomas zu mir: Eine Katze hat sieben Leben. Er wollte mich damit trösten. Das war der erste Satz, der mir einfiel, als Thomas starb – ich dachte damals: Zwei Leben, das würde vollkommen genügen.“

(RP)

HIV, Bluter und Blutkonserven – Die Chronologie des Skandals

Juni/Juli 1981: Das US-amerikanische Wochenblatt des Center for Disease Control and Prevention berichtet von einer neuen Krankheit bei schwulen, jungen Männern, die vorher völlig gesund waren. Diese Krankheit führt zu schweren Lungenentzündungen und anderen Erkrankungen, die auf ein geschwächtes Immunsystem hinweisen.

Auch die New York Times berichtet über zahlreiche Erkrankungen, die nur Homosexuelle betreffen.

27. Juli 1982: Der neuen Krankheit wird offiziell der Name Acquired Immuno Deficiency Syndrome (AIDS) gegeben. Mittlerweile ist klar, dass AIDS nicht nur Homosexuelle sondern auch Konsumenten intravenös injizierter Drogen und Bluterkranke betrifft, die Verbreitung also offenbar auch mit Blut zu tun hat.

Juli 1982: In Frankfurt am Main wird AIDS das erste Mal bei einem Patienten in Deutschland diagnostiziert.

1983: Luc Montagnier und Francoise Barre-Sinoussi, zwei französische Wissenschaftlicher, entdecken ein Retrovirus, das für die Entstehung von AIDS verantwortlich scheint. Sie nennen es LAV (Lymphadenopathie-assoziiertes Virus). Beide erhalten später den Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckung. Der Übertragungsweg durch Blut (und nicht etwa Tröpfchen- oder Schmierinfektion) gilt für die Mehrheit der Wissenschaftler nun bereits als eindeutig.

7. September 1983: Bei einer Besprechung im zum Bundesgesundheitsamt (BGA) gehörenden Robert-Koch-Institut wird mit Hinblick auf die AIDS-Gefahr durch Medikamente für Hämophiliekranke beschlossen, in Zukunft kein Blut mehr aus Ländern mit besonders vielen AIDS-Erkrankungen zu beziehen. Obwohl im Mai berichtet wurde, dass der HI-Virus durch Erhitzen unschädlich gemacht werden kann, werden weiterhin Blutprodukte verwendet, in denen Viren nicht inaktiviert worden waren.

April 1984: Ein erster Test auf HIV-Antikörper steht zur Verfügung, mit dem Patienten, aber auch Blutspenden auf das Virus untersucht werden können. Dieser bekommt aber nicht sofort eine Zulassung in den USA und Deutschland.

Dezember 1984: Das BGA erlässt eine Anordnung, die unter anderem vorsieht, dass ab 1. März 1985 ein Test auf HIV-Antikörper an allen Blutspenden, die zur Herstellung des Blutgerinnungsmittles Faktor VIII verwendet werden, durchzuführen ist. Nicht angeordnet wird ein verpflichtendes Inaktivierungsverfahren, mögliche Viren in Faktor VIII-Präparaten unschädlich zu machen, was technisch möglich wäre. Ebenso spricht das BGA keine Empfehlung aus, Präparate, die keine Inaktivierungsverfahren durchlaufen haben, vom Markt zu nehmen. So sind gleichzeitig virusinaktivierte und nicht-virusinaktivierte Medikamente in Umlauf. Patienten werden mit beiden behandelt.

20. Februar 1985: Da die pharmazeutischen Unternehmen den Einwand erheben, Tests von Blutkonserven auf HIV-Antikörper lägen nicht zur breiten Anwendung vor, verlängert das BGA die Frist, innerhalb derer nicht getestete Präparate auf den Markt kommen, bis zum 1. Oktober 1985. Das BGA wird später einräumen, dass es von Dezember 1984 bis Oktober 1985 nicht-virusinaktivierte, nicht-getestete Präparate auf dem Markt gegeben habe, obwohl es die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Möglichkeiten gegeben hätte, die Präparate durch Inaktivierungsverfahren und Tests erheblich virensicherer zu machen. Ein solches Verfahren wurde bereits 1978 von Behring entwickelt und 1981 vom BGA zugelassen.

1. Oktober 1985: Der verpflichtende Test auf HIV-Antikörper in Blutkonserven tritt in Kraft. HIV-verseuchte Konserven dürfen also nicht mehr verwendet werden. Die Neuinfektionen unter Hämophilie-Kranken gehen daraufhin stark zurück. Trotzdem werden kontaminierte Konserven noch ins Ausland verkauft.

1987: In den USA kommt das Medikament AZT auf den Markt, das zum ersten Mal eine Behandlung HIV-positiver Menschen möglich macht. In Deutschland startet die Bundeszentrale für gesellschaftliche Aufklärung die Kampagne „Gib AIDS keine Chance“.
1988: Die Vereinten Nationen rufen zum ersten Mal den „Welt-Aids-Tag“ aus.

1992: Ein weiteres Medikament, ddC, kommt auf den Markt. Ab 1996 wird es als Kombinationsbehandlung mit AZT eingesetzt, wodurch das Leben vieler HIV-positiver Menschen verlängert und der Ausbruch der Krankheit hinauszögert werden kann.

1993: Der Bundestag setzt den Untersuchungsausschuss „HIV-Infektionen durch Blut und Blutprodukte“ ein. Dieser stellt ein Jahr später in seinem Abschlussbericht fest, „dass rund 60 Prozent der durch kontaminierte Blutprodukte ausgelösten HIV-Infektionen hätten verhindert werden können.“ Das Interesse an Nebeneinnahmen sei größer gewesen als der Schutz der Bevölkerung. In deutschen Hämophiliezentren wurde das umstrittene Präparat doppelt so hoch dosiert wie im Ausland. Das steigerte den Umsatz, aber auch das Risiko der Bluter, sich mit dem HI-Virus zu infizieren.

1994: Gesundheitsminister Horst Seehofer verkündet die Auflösung des Bundesgesundheitsamts, nachdem die Beamten des für die Arzneimittelsicherheit zuständigen BGA widersprüchliche Rechtfertigungen für den „AIDS-Skandal“ abgeben.

1997: Wissenschaftler entdecken, dass HI-Viren sich in sogenannten Viren-Reservoirs im menschlichen Körper verstecken können und selbst die mittlerweile weiter entwickelten Medikamente nie zu einer vollständigen Heilung führen. Selbst wenn die Virenzahl durch Medikamente soweit verringert wird, dass sie kaum oder gar nicht mehr messbar ist, bleiben Viren im Körper und können jederzeit wieder beginnen, sich zu vermehren.

2001: Mittlerweile leben weltweit 31 Millionen Menschen mit dem HI-Virus, die meisten davon auf dem afrikanischen Kontinent. In Deutschland steigen die Zahlen der Neuinfektionen wieder. Durch die antiretroviralen Medikamente, die AIDS zurückgedrängt und die HIV-Infektion äußerlich unsichtbar machen, hat die Krankheit besonders bei jungen Menschen ihren Schrecken verloren.

2006: Die Michael Stich Stiftung wurde 1994 von Michael Stich gegründet. Sie ist als mildtätige und gemeinnützige Stiftung anerkannt und setzt sich für HIV-infizierte und an AIDS erkrankte Kinder ein.

Da die Zahl der infizierten Menschen weltweit stetig ansteigt und das Bewusstsein über die Krankheit sowohl aus den Medien als auch aus den Köpfen der Menschen immer mehr zu verschwinden scheint, hat es sich die Stiftung im Jahr 2006 zur Aufgabe gemacht, neben der Direkthilfe auch die Prävention und Aufklärung im Bereich HIV und AIDS aktiv mitzugestalten.

2007: Die Neuinfektionen mit HIV weltweit sind immer noch erschreckend hoch. Pro Minute gibt es fünf neue Fälle. Besonders in Osteuropa steigt die Zahl der HIV-Infektionen rapide.

2009: Wissenschaftler entschlüsseln erstmals das komplette Genom des HI-Virus und hoffen, daraus neue Behandlungswege ableiten zu können.

2012: In Deutschland leben laut Robert Koch-Institut etwa 78.000 Menschen mit HIV und AIDS, 63.000 davon Männer, 15.000 Frauen und 200 Kinder. Weltweit leben über 34 Millionen Menschen mit der Krankheit, allein im Jahr 2011 sind rund 1,7 Millionen Menschen daran gestorben.

2013: Bis heute wurde keiner der Verantwortlichen des „Bluter-Skandals“, in dem 1846 Bluter mit HIV infiziert wurden und 750 bislang an AIDS verstorben sind, zur Rechenschaft gezogen.

Quelle: ZDF

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • kilian bundschuh

    Ohne AIDS kein Reiz!!!

    28. Oktober 2013 at 20:54

KOMMENTAR SCHREIBEN