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Boah, wie ekelhaft: Die Kacktherapie mit fremden Fäkalien

Bei einem neuen Verfahren bekommen Patienten Kot eines anderen Menschen eingeflößt – das soll wirksamer sein als Antibotika. Von Sandra Trauner

ROLLINGPLANET ausnahmsweise mal ganz dezent: Die echten Würste haben wir uns nicht getraut, hier zu zeigen. (Foto: Julien Christ/pixelio.de)

ROLLINGPLANET ausnahmsweise mal ganz dezent: Die echten Würste haben wir uns nicht getraut, hier zu zeigen. (Foto: Julien Christ/pixelio.de)

Weil „Fäkalientherapie“ nicht gerade attraktiv klingt, heißt das Verfahren nun „Stuhltransplantation“. Noch neutraler klingt „Bakterientransfer“ – gemeint ist aber immer das Gleiche: Ein Kranker bekommt den Kot eines Gesunden eingeflößt.
„Derzeit eines der interessantesten Themen in der Gastroenterologie“, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. „Noch ist das ein experimentelles Verfahren.“ Die Datenlage sei dünn, viele Fragen offen, „aber der Ansatz ist vielversprechend“, sagt Prof. Peter Galle, Gastroenterologe am Universitätsklinikum Mainz.

Aufsehenerregende Studie aus Amsterdam

Anfang des Jahres veröffentlichten Wissenschafter aus Amsterdam eine Studie im „New England Journal of Medicine“, die Gastroenterologen in aller Welt aufhorchen ließ. Es ging um Menschen, die den aggressiven Durchfallkeim Clostridium difficile im Darm trugen, ein gefährliches Bakterium, das die Darmwand entzündet und den Körper auszehrt.

Es ist gegen viele Antibiotika resistent. Die Krankheit ist zwar selten, mitunter aber tödlich: 2012 erkrankten in Deutschland knapp 800 Patienten an einer solchen Infektion, 502 starben.

Die neue Methode soll wahre Wunder bewirken

Wo Antibiotika versagen, kann wie es scheint der natürliche Bakterien-Mix eines gesunden Darminhalts Wunder wirken. In der niederländischen Studie bekam ein Teil der Patienten ein Antibiotikum, anderen wurde der Stuhl von Verwandten eingeflößt.

Das Ergebnis war verblüffend: Mit dem Antibiotikum wurden nur 4 von 13 Patienten gesund. Nach der Stuhlübertragung waren 13 von 16 Probanden geheilt. Kurzfristige Beschwerden wie Bauchkrämpfe oder Aufstoßen verschwanden nach wenigen Stunden.

„Das Verfahren ist neu und nur an wenigen Zentren und wenigen Patienten erprobt“, betont der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen. Bisher gab es in Deutschland nur einige wenige Fälle im Rahmen „individueller Heilversuche“, etwa in Heidelberg und Ulm. Am Frankfurter Universitätsklinikum hat man sich bisher noch nicht daran versucht.

Warum der fremde Kot wirkt

Prof. Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für Mikrobiologie ist aber überzeugt von „der heilsamen Wirkung fremden Stuhls: Die darin enthaltenen nützlichen Bakterien dämmen die Ausbreitung des tückischen Keims ein und ihre Verabreichung führt zur Normalisierung der Darmflora.“

Ein Problem: „Der Faktor Abscheu“, wie Kempf es nennt. „Die Vorstellung ist ja erstmal wenig ästhetisch.“ Vorbehalte könne er schon verstehen. Die „Stuhlspende“, zwischen 100 und 200 Gramm, wird mit Kochsalzlösung auf etwa 50 Milliliter verdünnt. Die Lösung kann entweder über ein Koloskop durch den After in den Dickdarm eingeführt werden oder über eine Nasensonde in den Dünndarm.

Mehr als über die Geruchsbelästigung würde er sich aber über einen anderen Aspekt Sorgen machen, sagt Mikrobiologe Kempf: Mit den Fäkalien könnten zum Beispiel auch Krankheiten mitübertragen werden. Diese Gefahr sieht auch Gastroenterologe Galle: „Stuhl enthält ein komplexes Gemisch unterschiedlichster Bakterien. Es ist nahezu unmöglich zu sagen, welches die guten sind und welches die bösen.“

(dpa)


Gesundheit & Medizin
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4 Kommentare

  • Roy Go

    Kann ich auf dem smartphone nicht lesen

    29. Juni 2013 at 07:15
  • Sabine Kremer

    Wie abartig! Unglaublich!

    29. Juni 2013 at 10:22
  • Willi Schroeder

    SCHEISSE !!! 😉

    29. Juni 2013 at 10:50
  • Andrea

    Die Theorie, dass die „guten“ Bakterien die krankmachenden verdrängen, klingt einleuchtend, aber es muss doch möglich sein, die Darmflorabakterien in vitro zu züchten, um sie dann als Einlauf dem Patienten zu verabreichen. Das wäre jedenfalls wesentlich appetitlicher und risikoärmer.

    29. Juni 2013 at 15:45

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