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Breivik-Fall zeigt Irrtum gegenüber Geisteskrankheit

Blumenmeer in Norwegen: Breivik vor Gericht (Foto: pixelio.de, Wieland Müller)

Experten betonen: Straftäter muss nicht unbedingt verrückt sein.

(pte) – Furchtbare Verbrechen wie die von Anders Breivik machen laut Simon Wessely vom King’s College London jene falschen Vorstellungen sichtbar, die bisher in der Öffentlichkeit über Geisteskrankheiten gelten.

Dass Straftäter wie diese häufig als verrückt abgetan werden, um die Taten zu erklären, greift dem Experten nach zu kurz. Wessely nach legt die Art und Weise, wie Breivik seine Verbrechen durchgeführt hat, einen anderen Schluss nahe. Auch die Vorstellung sei falsch, dass eine psychiatrische Diagnose dabei helfen könnte, einer Bestrafung zu entgehen.

Keine Schizophrenie

Der Wissenschaftler schreibt in „The Lancet“, dass in Großbritannien eine Geisteskrankheit als Strategie der Verteidigung dazu führen könnte, dass der Straftäter mehr Zeit hinter Gittern verbringt und nicht weniger. „Das forensische Psychiatriesystem ist keine nachgiebige oder populäre Option“.

Der Fall Breivik mache auch ein anderes Missverständnis sichtbar, nämlich dass furchtbare Verbrechen gleichbedeutend mit einer Geisteskrankheit seien. „Sollte eine Schizophrenie zur Erklärung der Taten von Breivik herangezogen werden, müssten sie das Ergebnis von Wahnvorstellungen sein. Die akribische Planung der Angriffe stehe aber in direktem Gegensatz zur Desorganisation bei einer Schizophrenie.“

Schwere Entscheidung

Breivik steht derzeit in Norwegen vor Gericht. Der 33-Jährige gibt zu, im vergangenen Jahr 77 Menschen getötet zu haben. Er streitet jedoch jede strafrechtliche Verantwortlichkeit ab. Zwei Untersuchungen seines Geisteszustandes sind zu gegensätzlichen Ergebnissen gekommen. Das Urteil des Gerichts wird darüber entscheiden, ob Breivik ins Gefängnis kommt oder in psychiatrische Behandlung. Breivik selbst will entweder freigesprochen oder hingerichtet werden.

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2 Kommentare

  • Michael Ziegert

    Die Verwendung des Begriffes „Geisteskrankheit“ trägt potentiell dazu bei, die Verwirrung zu vergrößern. Gemeint ist hier sicherlich eine psychische Störung.
    Das Wort „geisteskrank“ ist ungeeignet, weil es den Begriff der Krankheit in sich trägt, also den Gedanken vermittelt, Breiviks Zustand sei heilbar.

    „geisteskrank“ ist auch deshalb nicht geeignet, weil es dem leider immer noch gebräuchlichen Begriff der „geistigen Behinderung“ sprachlich sehr nahe kommt – für den mit „kognitiven Einschränkungen“, „Lernschwierigkeiten“ oder „mentales Handicap“ leider auch noch kein passender Ersatz gefunden wurde.

    Während wir also noch auf der Suche nach einem passenden Begriff sind, sollten wir aufpassen, dass wir nicht ungewollt Menschen diskriminieren. Es darf nicht passieren, dass eine psychische Störung mit einer geistigen Behinderung gleichgesetzt wird.

    28. April 2012 at 10:29
  • Michael Ziegert

    Ach ja, und gleich noch was:
    Liebe Leserin, lieber Leser dieses Artikels:
    Versuchen Sie mal für sich allein die Frage zu beantworten, was Sie sich unter einer „Schizophrenie“ eigentlich vorstellen. Ihnen werden viele Gelegenheiten oder Zeitungsartikel einfallen, in denen jemand sagte oder schrieb: „Das ist ja schizophren!“
    Und nun lesen Sie sich mal die Seite auf Wikipedia dazu durch. Sie werden verblüfft feststellen, dass Schizophrenie etwas ganz anderes ist, als Sie es zuvor gedacht haben. Das Unwissen über Schizophrenie ist erstaunlich weit verbreitet – selbst in medizinischen Kreisen.

    Im Klartext: Die Gefahr, dass Menschen mit Schizophrenie gewalttätig werden, ist genauso groß wie wie bei allen anderen, nicht mehr und nicht weniger.

    28. April 2012 at 10:39

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