Brisanter Prozess um Conterganstiftung: Wer hat gelogen?

60 Jahre nach der Markteinführung von Contergan und dem Wirkstoff Thalidomid brodelt es noch um den größten Pharmazieskandal der Bundesrepublik Deutschland.

Andreas Meyer wehrt sich gegen ein Ex-Vorstandsmitglied der Conterganstiftung. (Foto: Rolf Vennenbernd dpa/lnw)

Andreas Meyer wehrt sich gegen ein Ex-Vorstandsmitglied der Conterganstiftung. (Foto: Rolf Vennenbernd dpa/lnw)

Am Mittwoch (15. Februar 2017) findet vor dem Bonner Landgericht um 12 Uhr ein Prozess statt, dessen Brisanz bedeutender ist, als es auf den ersten Blick aussieht. Der contergangeschädigte Andreas Meyer, ohne Arme und Beine und auf den Rollstuhl angewiesen und 1. Vorsitzender des Bunds Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V. (BCG), verklagt das ehemalige Vorstandsmitglied der Conterganstiftung für behinderte Menschen, Rechtsanwalt Karl Schucht, auf Unterlassung und Richtigstellung.

Schucht hatte in einem Brief an die Abgeordneten des Bundesfamilienausschusses Meyer unterstellt, als Sachverständiger im Ausschuss öffentlich mehrere Unwahrheiten über Vorkommnisse um die Conterganstiftung gesagt zu haben. Meyer hatte unter anderem gesagt, der Contergan- und Thalidomidhersteller Grünenthal GmbH habe über 30 Jahre lang in der Conterganstiftung Zugang zu den medizinischen Akten der Conterganopfer gehabt. Zudem habe Grünenthal auch noch die medizinischen Gutachter bezahlt.

Dagegen behauptete Schucht in seinem Brief, Grünenthal habe zu keiner Zeit Zugang zu den medizinischen Akten der Conterganopfer gehabt. Die medizinischen Akten seien stets in der Conterganstiftung aufbewahrt worden. Ferner seien die Gutachter der medizinischen Kommission stets aus Mitteln der Conterganstiftung bezahlt worden.

„Brisant daran ist“, so Meyer, „wenn ich den Prozess gewinne, dann bedeutet das, das Schucht nicht nur gegenüber den Abgeordneten die Unwahrheit gesagt. Nein. Auch die Bundesregierung hätte gegenüber den Bundestagsabgeordneten die Unwahrheit gesagt.“

Conterganstiftung im Dienste des Conterganherstellers Grünenthal?

Denn das seit 1972 über die Conterganstiftung die Aufsicht führende Bundesfamilienministerium habe unter anderem in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke, erklärt, dass Schuchts Brief auch die Meinung der Bundesregierung abbilde.

Dreh- und Angelpunkt ist nach Meyers Ansicht die Doppelrolle von Rechtsanwalt Herbert Wartensleben, der ebenfalls als Zeuge vom Landgericht Bonn geladen wurde. Wartensleben war von 1972 bis Ende 2003 nicht nur Vorsitzender der medizinischen Kommission der Conterganstiftung, die beurteilt, ob ein Betroffener contergangeschädigt ist oder nicht. Sie beurteilt auch, wie schwer sein Schädigungsgrad ist. Nach dem Schädigungsgrad wird zum Beispiel die Conterganrente bemessen. Seit dem Conterganstrafprozess war Wartensleben immer wieder auch Rechtsvertreter der Firma Grünenthal in Sachen Contergan; zuletzt im Jahr 2007 in den Prozessen um den ARD-Zweiteiler „Eine einzige Tablette“.

„Das Verfahren berührt die Frage, ob die Conterganstiftung unter den Augen der Bundesregierung eine geheime Filiale von Grünenthal war oder sogar noch ist“,

sagt Meyer.

Weitere Informationen: Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V. (BCG)

(PM)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN