""

Bulgarien: Hilfe für junge Roma im Armenhaus Europas – es geht auch ohne Diplom

In Varna am Schwarzen Meer wollen mobile Laienberater den Teufelskreis aus Gewalt, Prostitution, Sucht, Armut, Menschenhandel und Diskriminierung durchbrechen.

Wollen mit ihrer Arbeit im Roma-Viertel den Jugendlichen neue Perspektiven aufzeigen: Irina Antonova (links) vom Verein Sauchastie und Monika Heitmann vom Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk St. Andreas e. V. (Foto: Liebenau Stiftung)

Wollen mit ihrer Arbeit im Roma-Viertel den Jugendlichen neue Perspektiven aufzeigen: Irina Antonova (links) vom Verein Sauchastie und Monika Heitmann vom Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk St. Andreas e. V. (Foto: Liebenau Stiftung)

In Bulgarien, im Armenhaus Europas, leben viele Roma oft am Rande der Gesellschaft. So auch in der Stadt Varna am Schwarzen Meer. Vor allem die Situation der Jugend ist trostlos. Kaum einer hat einen Job oder eine ordentliche Schulbildung. Viele sprechen kein bulgarisch. Ein Teufelskreis aus Gewalt, Prostitution, Sucht, Armut, Menschenhandel und Diskriminierung prägt den Alltag im Ghetto – völlig abgeschottet von der bulgarischen Mehrheitsgesellschaft.

Die öffentlichen Gelder zur Förderung der Integration? Sie kommen kaum dort an, wo sie gebraucht werden. Und doch gibt es hoffnungsvolle Ansätze wie jenen der Mobilen Jugendarbeit – ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer internationaler Partner, das vor Ort in Zusammenarbeit mit dem Verein „Sauchastie“, dem Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk St. Andreas und der Stadtverwaltung Varna durchgeführt wird. Und das dazu geeignet ist, über die Stadtgrenzen hinaus Schule zu machen.

Das sind die Ziele

Soziale Brennpunkte entschärfen, Integration fördern, den Zugang zu Bildung verbessern: das sind die Ziele der Mobilen Jugendarbeit im Roma-Viertel der Stadt Varna. Das unter anderem vom Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk St. Andreas e. V. getragene Projekt setzt darauf, die Probleme im eigenen Land zu lösen – mit Laienberatern, die mit den sozial benachteiligten Jugendlichen arbeiten und ihnen Perspektiven jenseits des Ghettos aufzeigen.

Laienberater leisten Hilfe zur Selbsthilfe

Schlüsselfiguren sind so genannte Laienberater. Als örtliche Experten kennen sie sich im Viertel aus. Ihr Ziel: den Horizont der Jugendlichen über das Leben im Ghetto hinaus zu erweitern und ihnen Wege aus Armut, Gewalt und Drogen aufzuzeigen. Sie leisten ihre Sozialarbeit zwar ohne Diplom, „aber mit Herz“, wie „Sauchastie“-Mitarbeiterin Irina Antonova sagt.

Seit zehn Jahren ist sie als Streetworkerin an den sozialen Brennpunkten ihrer bulgarischen Heimat unterwegs. Während die offiziellen Sozialarbeiter der Stadt ihre Fälle oft nur auf dem Papier kennen, gehen Antonova und Co. – selbst Roma und daher von den Betroffenen akzeptiert – direkt ins Viertel. So schaffen sie es, einen Zugang zu den 15- bis 25-Jährigen und ihren Problemen zu bekommen. Und gemeinsam mit ihnen und ihren Familien konkrete Lösungen zu finden.

Einsatz in den Straßen von Varna/Bulgarien: Das Team der Mobilen Jugendarbeit kümmert sich um junge Roma (Foto: Helge Lindau).

Einsatz in den Straßen von Varna/Bulgarien: Das Team der Mobilen Jugendarbeit kümmert sich um junge Roma (Foto: Helge Lindau).

Angebote kommen an

Die Hilfsangebote werden angenommen. Jugendliche besuchen Alphabetisierungskurse, lassen sich über Aids und andere Krankheiten aufklären und über Bildungschancen informieren. Mit Mädchen wird darüber gesprochen, vielleicht doch besser nicht wie üblich schon mit 16 Jahren zu heiraten und früh Kinder zu bekommen, sondern zuerst die Schule zu besuchen und auf eigenen Beinen zu stehen. Durch gemeinsame Freizeitaktivitäten werden auch Brücken zur bulgarischen Bevölkerung gebaut.

Die Mobile Jugendarbeit setzt auf Vertrauen, man drängt sich nicht auf. „Wir bitten sie nicht, zu uns zu kommen. Sie suchen von sich aus unsere Hilfe“, betont Antonova. Eben weil die Menschen merken: Es wird sich ehrlich um sie gekümmert, und die Unterstützung hat Hand und Fuß. Auf diese Weise erreicht die Mobile Jugendarbeit auch jene Problemkids, um die sogar die Polizei lieber einen Bogen macht.

Hunderte Jugendliche erreicht

Allein im Jahre 2012 hat die mobile Truppe mit rund 130 Jugendlichen aus sozial benachteiligten Verhältnissen im Stadtviertel gearbeitet. „Doch das sind nur die festen Klienten. Darüber hinaus haben die Laienberater noch unzählige weitere Kontakte mit jungen Menschen geknüpft“, wie Monika Heitmann vom Bulgarisch-Deutschen Sozialwerk berichtet.

Seit 1998 engagiert sich dieser unter anderem von der Stiftung Liebenau gegründete Verein für verschiedene soziale Projekte in Varna. Die Mobile Jugendarbeit ist ein Teil davon. Daneben werden beispielweise ein Kinderhaus betrieben und ambulante Gesundheitsdienste angeboten. Ideell und finanziell unterstützt wird die Arbeit des Sozialwerks von seinem Freundeskreis mit Sitz in Liebenau, der im letzten Jahr rund 40.000 Euro an Spendengeldern und Mitgliedsbeiträgen für Hilfsprojekte beisteuern konnte.

Traurig über negatives Bild in den Medien

Dennoch bestimmen derzeit ganz andere Schlagzeilen hierzulande das Bild über Roma. Einige von ihnen suchen ihr vermeintliches Glück im Westen und stoßen auch hier auf Vorurteile und Probleme. Irina Antonova sieht diese Konflikte durchaus. Dennoch ist sie „traurig darüber, immer nur negative Dinge über Roma zu hören.“ Ihr Wunsch wäre, dass auch über die anderen Seiten ihrer Kultur berichtet wird – und über die Gründe, die hinter der ganzen Thematik stehen: „Die Migration gibt es doch nur, weil die Menschen so arm sind.“

„Aus purer Not“

So sehen sich viele im Ghetto gezwungen, ihre Wahlstimme zu verkaufen, sich zu prostituieren oder gar ihre Kinder wegzugeben. „All diese Dinge passieren aus purer Not“, sagt auch Marcel Karow, Jugend-Streetworker aus Offenburg und Referent der International Society For Mobile Youth Work (ISMO). Umso wichtiger ist die Unterstützung vor Ort.

Das Bulgarisch-Deutsche Sozialwerk – St. Andreas e. V.

wurde 1998 als gemeinnütziger Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind die Metropolie von Varna und Veliki Preslav, die Stiftung Liebenau und die Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn. Die Partner haben es sich zur Aufgabe gemacht, Dienste und Einrichtungen im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich aufzubauen.
Ideell und finanziell unterstützt wird die Arbeit vom Freundeskreis des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerks mit Sitz in Meckenbeuren-Liebenau. Nähere Informationen gibt es im Internet unter: www.bulgarisch-deutsches-sozialwerk.de

(Der Bericht wurde uns von der Stiftung Liebenau zur Verfügung gestellt.

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN