""

Bundestag: Wolfgang Schäuble bleibt ewig, Ilja Seifert ist raus, Julia Probst ist nicht drin

Nach der Wahl: ROLLINGPLANET nennt 12 wichtige Politik-Personalien für behinderte Menschen.

1. Wolfgang Schäuble (CDU): Griechischer Wein, komm schenk mir ein

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in der ARD-Talkreihe "Günther Jauch". Sein skeptischer Gesichtsausdruck wie hier war am Sonntagabend aber die Ausnahme (Foto: Paul Zinken/dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in der ARD-Talkreihe „Günther Jauch“. Sein skeptischer Gesichtsausdruck wie hier war am Sonntagabend aber die Ausnahme (Foto: Paul Zinken/dpa)

WIEDER DRIN. Das ist düster: Nennenswerte Politiker mit offiziell angemeldeter Behinderung sind im neuen Bundestag (630 Volksvertreter) nur noch mit einer Ausnahme vertreten, und dummerweise interessiert sich diese eine Ausnahme (politisch) so gar nicht für Behinderte – immerhin: Einer von uns ist mit mehr als 40 Jahren Angehörigkeit der dienstälteste Bundestagsabgeordnete.

Rollifahrer Schäuble (71) verriet am Sonntagabend nach dem Wahltriumph seiner CDU bei Jauch verständlicherweise sichtlich gut gelaunt, dass er
a) (wörtlich:) „nicht blöde ist“,
b) der Politik erhalten bleibt, um seiner Frau nicht zuzumuten, dass er zu Hause rumhockt,
c) mit Angela Merkel nicht mit Piccolo auf den Sieg angestoßen hat.

ROLLINGPLANET folgert daraus:
a) das kann man ihm wirklich nicht vorwerfen,
b) dann wird er sich noch eine Weile mit den Griechen beschäftigen können,
c) wie wäre es also statt mit Piccolo mit griechischem Wein, komm, schenk mir ein? Der Aufruf lässt in der Regel Seniorenohren freudig aufhorchen:

2. Ilja Seifert (Die Linke): Jetzt wird draußen weiter geschrien

WIEDER RAUS. Bereits vor Sonntagabend war relativ klar, dass Ilja Seifert nicht wieder reinkommen würde – Die Linke hatte ihn im März intern, aus welchen Gründen auch immer, mit dem nicht zu erobernden Wahlkreis Görlitz (CDU-Hochburg) und einem undankbaren Listenplatz 10 für Sachsen abgestraft. Grummelte anschließend über seine chancenlose Nominierung: „Das muss wohl als ein Rückschlag für die emanzipatorische Behindertenpolitik insgesamt ,verbucht‘ werden“.


Hat schon mal ROLLINGPLANET angepflaumt: „Vielleicht schreie ich zu leise – oder Sie hören nicht richtig hin.“ Vermutlich auch deshalb, weil er ahnte, dass ROLLINGPLANET nicht als sein Zentralorgan taugt.

ROLLINGPLANET bedauert trotzdem, dass Seifert nicht wieder drin ist – kaum ein anderer Politiker im Bundestag hat sich so sehr für die Belange behinderter Menschen eingesetzt wie der Rollstuhlfahrer. Die Anzahl seiner hartnäckigen parlamentarischen Anfragen an die Bundesregierung zum Thema UN-Behindertenrechtskonvention sind bereits legendär.

Sein Geschrei wird man jedoch, wenn man nicht taub ist wie ROLLINGPLANET, hoffentlich auch weiterhin vernehmen können: Als Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland e.V. (ABiD) bleibt uns Seifert als Vor- und Vollkämpfer erhalten.

3. Julia Probst (Piratenpartei): Sie ist definitiv keine Ratte

Julia Probst (Archivfoto von Dezember 2012: Hannibal/dpa)

Julia Probst (Archivfoto von Dezember 2012: Hannibal/dpa)

DRAUSSEN. Das war eine Ansage mit Schmackes: Als die bekannte gehörlose Bloggerin und Aktivistin Julia Fatima Probst im September ankündigte, für den Bundestag zu kandidieren, hatte ihre Piratenpartei noch alle Chancen, in der großen Politik mitzumischen – und mit der Lippenleserin eine Abgeordnete zu stellen, die für so viele Anfragen an die Bundesregierung gesorgt hätte, dass Ilja Seifert dagegen ein Waisenknabe ist.

Bereits seit Wochen war jedoch auch hier wie bei Seifert so gut wie sicher: Die Piraten werden wir nicht im Bundestag sehen – und damit auch nicht Probst, die auf einem aussichtsreichen Listenplatz 3 ihrer Partei in Baden-Württemberg antrat. Dass sie nun nicht drin ist, ist also keine wirkliche Nachricht.

Das hier schon eher – weil Loyalität heute eine seltene Tugend geworden ist. Noch bevor die Wahllokale schlossen, beschrieb der „Spiegel“ die Stimmung bei den Piraten und verwendete das Bild von den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen.

Probst ist keine Ratte. Nach der ersten Hochrechnung erklärte sie: „Piraten waren schon immer Überlebenskünstler. Wir Piraten sind nicht weg vom Fenster oder politisch tot. Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Das hat Schmackes. Und erinnert fast schon an Gerhard Schröders Kultauftritt nach seiner verlorenen Bundestagswahl 2009.

4. Hubert Hüppe (CDU): Jetzt machen Sie aber mal schön weiter

Hubert Hüppe (Foto: Hüppe)

Hubert Hüppe (Foto: Hüppe)

WIEDER DRIN. Bereits in der Nacht von Sonntag auf Montag fragte sich ROLLINGPLANET besorgt: Was wird jetzt mit dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung? Das ist nämlich Hubert Hüppe, der in seinem Wahlkreis Unna 1 das Direktmandat knapp verpasst hat. Über die Landesliste der CDU ist er trotzdem wieder in den Bundestag gekommen – und ROLLINGPLANET fordert ihn auf, mal schön weiter zu machen als Behindertenbeauftragter.

Nicht ohne Eigennutz: Hüppe ist Schirmherr unseres neuen Projekts JOB-INKLUSIVE – und das, obwohl wir ihn oft als Hubsi durch den Kakao gezogen haben. Deshalb hätte er uns, als wir ihn um die Schirmherrschaft gebeten haben, am liebsten angeschrien: Wollen Sie mich verarschen? Warum schleimen Sie sich heute bei mir ein? Hat er jedoch nicht. Das zeigt Größe. So einen wollen wir auf keinen Fall verlieren. Ob Hüppe aber weitermacht, wird sich erst in den nächsten Wochen entscheiden.

5. Karl Finke (SPD): Was hat der denn hier zu suchen?

Der niedersächsische Behindertenbeauftragte Karl Finke (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Der niedersächsische Behindertenbeauftragte Karl Finke (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

DRAUSSEN. Nun gut, Karl Finke war weder drinnen noch stand er zur Wahl. Warum er trotzdem als Top-Personalie in dieser Liste aufgeführt ist? Weil er in einer etwaigen großen Koalition von CDU/CSU und SPD einer der wichtigsten Kandidaten für den Posten als Behindertenbeauftragter der Bundesregierung sein könnte. Dazu muss man nicht Mitglied im Bundestag sein.

Spätestens seit Seifert (siehe Personalie 2) sind wir es gewohnt, dass ROLLINGPLANET von Politikern angeschrien wird. Finke ist nicht nur blind (was an und für sich noch keine Qualifikation darstellt), sondern auch niedersächsischer Behindertenbeauftragter und Deutschlands mit Abstand agilster Länderbehindertenbeaufragter (manchmal verwechselt er etwas Aktion mit Aktionismus) und Anführer von SelbstAktiv. Dies ist der etwas merkwürdige Name für die Arbeitsgruppe behinderter Menschen in der SPD.

Und die schrie uns vor einem Jahr per Mail nicht etwa fremdaktiv, sondern proaktiv an: „Schreiben Sie nie wieder Behinderte! Das heißt Menschen mit Behinderung! Wir behalten Sie im Auge!“ Das kann ja heiter werden, wenn Finke bundesweiter Behindertenbeauftragter wird.

6. Maria Ludwiga Michalk (CDU): Die Vielseitige

Maria Michalk (Foto: Konrad Adenauer Stiftung)

Maria Michalk (Foto: Konrad Adenauer Stiftung)

WIEDER DRIN. Die Dame gehört zu jener branchenüblichen Gattung von merkwürdigerweise meist erfolgreichen Politikern, die es anschließend schon immer besser wussten, von denen man aber vorher wenig gehört hat, so etwa beim Notruf für Gehörlose oder beim Problem Gewalt gegen behinderte Frauen. Sie ist also ein wenig die Klein-Angie: Saugt die Themen auf, wenn es sich nicht vermeiden lässt, weil alle darüber sprechen.

Das Rezept funktioniert nicht nur auf Makro-, sondern auch auf Mikroebene: Im Landkreis Bautzen I saugte sie mehr als viermal so viele Stimmen wie der SPD-Kandidat auf und holte sich mit 49,1 Prozent das Direktmandat. Was bedeuten könnte, dass sie auch künftig als behindertenpolitische Sprecherin der CDU grüßt. Dabei gilt ihr erklärtes Hauptinteresse der Förderung und Erhaltung der sorbischen Kultur (Sorbien ist ein westslawisches Volk, dem sie angehört), die unseres Wissens nach bislang eher nicht mit der UN-Behindertenrechtskonvention assoziiert wird.

Das ist aber so üblich: Wer nicht vielseitig ist, bringt es in der Politik zu nichts (nicht einmal die AfD mit ihrer Ein-Thema-Brüllerei gegen den Euro). Michalk hat ROLLINGPLANET übrigens mal mit einer Gegendarstellung angeschrien.

7. Günter Krings (CDU): Vier Jahre Zeit, um das Wahlrecht für alle abzuschaffen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem Innenpolitiker Günter Krings (Foto: CDU)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem Innenpolitiker Günter Krings (Foto: CDU)

WIEDER DRIN. Krings ist ein echter Knaller: Er unterstützt es, dass Menschen mit Behinderung und psychisch Kranken, die unter einer sogenannten Betreuung stehen, das Wahlrecht abgesprochen wird. Sein einleuchtendes Argument: „Es ist nicht plausibel, warum ein Mensch, der nicht mal selbstständig eine Zeitung kaufen kann, eine Wahlentscheidung treffen soll“.

Besonders selbstständig bei seinem Wahlslogan war Krings nicht, da musste ihm schon Adenauer helfen: „Dies ist keine Zeit für Experimente!“ schrie er seine Wähler und ROLLINGPLANET von seiner Webseite aus an. Offensichtlich erfolgreich: In seinem Wahlkreis Mönchengladbach holte er mit fantastischen 50,8 Prozent das Direktmandat.

Er wird in den kommenden vier Jahren hoffentlich nicht alle Menschen, die nur fremdaktiv eine Zeitung kaufen können, von den Wahlen ausschließen – sonst sind wir skeptisch, dass die CDU beim nächsten Mal die 5-Prozent-Hürde packt.

8. Dagmar Gabriele Wöhrl (CSU): Kann weiter mit dem Rollstuhl schwänzen

Politikerin Dagmar Wöhrl (Foto: Wikipedia/Sigismund von Dobschütz. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Politikerin Dagmar Wöhrl (Foto: Wikipedia/Sigismund von Dobschütz. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Da war sie noch gut zu Fuß: Als Miss Germany 1977 (Foto: MissGermany)

Da war sie noch gut zu Fuß: Als Miss Germany 1977 (Foto: MissGermany)

WIEDER DRIN. Die ehemalige Miss Germany ist bekannt dafür, dass sie hin und wieder auch mal wichtige Abstimmungen im Deutschen Bundestag schwänzt und stattdessen lieber in den Urlaub verschwindet. Zuletzt begründete sie dies damit, dass sie fußlahm sei und sich nur noch mit dem Rollstuhl bewegen könne – um anschließend wieder relativ quicklebendig gesichtet zu werden.

Zwar ist die faule Ausrede aufgeflogen, was aber in Bayern erwartungsgemäß und grundsätzlich niemanden erschüttert: In ihrem Wahlkreis Nürnberg-Nord hat Wöhrl locker das Direktmandat geschafft und dabei sogar noch ihr Ergebnis verbessert (2013: 39,4 Prozent, 2009: 36,6 Prozent).

9. Silvia Schmidt (SPD): Bühne frei für Kerstin Tack

Silvia Schmidt (l.) und Silvia Tack (r.) (Fotos: SPD/Florian Jaenicke)

Silvia Schmidt (l.) und Silvia Tack (r.) (Fotos: SPD/Florian Jaenicke)

WIEDER DRAUSSEN. Die behindertenpolitische Sprecherin der SPD hatte sich aus persönlichen Gründen erst gar nicht mehr aufstellen lassen – was für unsereins schade ist. In Berlin und Brandenburg engagierte sich Silvia Schmidt bereits vor zehn Jahren für Menschen mit Behinderung, als keiner je etwas von Inklusion gehört hatte und alle diese für eine sorbische Delikatesse gehalten hätten.

In den vergangenen Wochen ließ sie sich bei Interviews zur Behindertenpolitik und anderen Anlässen von der Genossin Kerstin Tack vertreten. Die ist Diplom-Sozialpädagogin, seit 2009 im Bundestag und hat es auch 2013 wieder geschafft. Ticki-Tack-a mit schnellen Positionswechseln kann der SPD in ihrem derzeitigen Zustand gewiss nicht schaden.

10. Markus Kurth (Bündnis 90/Grüne): Politik macht süchtig

Markus Kurth (Pressefoto)

Markus Kurth (Pressefoto)

mmm_176x176WIEDER DRIN. Was wird man als Politologe? Richtig: Am besten Politiker, um dann möglichst lange im Bundestag zu bleiben. Dem grünen Behinderten-Kurthisanen ist das gelungen: Seit 2002 ist er im Parlament vertreten, auch 2013 hat er es geschafft (über die Landesliste Nordrhein-Westfalen).

Für seine Aktivitäten als behindertenpolitischer Sprecher seiner Partei hat Kurth sogar selbstaktiv einen eigenen Slogan erfunden: „Markus macht mobil“. Das kann nur bedeuten: E-Rollstuhlfahrer dürfen demnächst ausschließlich mit Ökostrom fahren. Und falls sie beim Veggie Day nicht mitmachen, gibt es gar keinen Strom.

11. Gabriele Molitor (FDP): Journalisten sind eben doch netter als Politiker

Gabriele Molitor (Foto: FDP)

Gabriele Molitor (Foto: FDP)

WIEDER DRAUSSEN. Die bisherige behindertenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion ist sang- und klanglos mit ihrer Partei untergegangen. Das bedauern wir: Endlich eine Politikern, die uns nie angeschrien hat, ganz im Gegenteil. Vielleicht ja auch deswegen, weil sie Journalistin ist.

12. Michael Gerr: Fortsetzung folgt

Michael Gerr (Foto: privat)

Michael Gerr (Foto: privat)

DRAUSSEN. Der Rollstuhlfahrer aus Würzburg versuchte für die Grünen, in den Bundestag zu kommen. Das ist ziemlich misslungen. Immerhin kann er für sich in Anspruch nehmen, dass er den ominösesten Lebenslauf aller Bundestagskandidaten ablieferte. Und der einzige Aspirant war, der ein Wahlversprechen gebrochen hat, obwohl er nicht gewählt wurde. Seine Selbstdarstellung endet nämlich selbstpassiv im Pädagogikstudium:

„Als ich einmal eine Stunde hielt und als Reaktion auf einen Schüler vom vorbereiteten Stundenablauf abwich, wurde mir das vorgeworfen. Ich sei schlecht vorbereitet, wenn ich nicht jede Reaktion von Schülern vorhersehen und in mein Konzept einbeziehen würde. Dies erschien erschien (Anm.d.Red.: Originalton) mir nicht nur absurd, sondern geradezu menschenverachtend. Nun stand ich fast am Ende meines Studiums, das Prüfungssemester stand bevor und ich stand innerlich nicht mehr dahinter diesen Beruf unter solchen Vorgaben auszuüben. Doch dann passierte etwas. Fortsetzung folgt.

Uns blieb der Atem stocken. Wir haben elektrisiert nach der Fortsetzung gesucht – vergebens. Der Text hört einfach auf, als es gerade so richtig spannend wurde. Unser Tipp, nachdem es mit der Bundestagskarriere nicht geklappt hat: Krimi-Autor ist auch kein schlechter Beruf. Aber etwas passieren muss dann schon.

(RP)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

4 Kommentare

  • Alexandra Doerfl

    NEIN! NICHT WAHR! Schäuble und auch Merkel raus !!!

    24. September 2013 at 16:30
  • Thomas Hahn

    Bis auf Schäuble wohl alles Hinterbänkler, von denen ich noch nie etwas gehört habe, aber amüsant zu lesen.

    24. September 2013 at 17:31
  • Thomas

    Ach, ich liebe diese Behinderte vs Menschen mit Behinderung-Diskussion. Wenn Finkes Leute für so was Zeit haben scheinen sie keine größeren Probleme zu haben.

    24. September 2013 at 17:37
  • Conny

    Doch, bitte unbedingt eine Fortsetzung! Wie immer bei euch so herrlich locker und unterhaltsam erzählt!

    25. September 2013 at 00:12

KOMMENTAR SCHREIBEN