Chaos, Leid und Zynismus am Budapester Ostbahnhof

Auch viele Menschen mit Behinderung sind betroffen: Tausende Flüchtlinge lässt Ungarn unter erschreckenden hygienischen Bedingungen am Budapester Ostbahnhof ausharren. Von Kathrin Lauer

Auf einer Wolldecke sitzen der dreijährige Hadi (r) und sein sechsjähriger Bruder in einem Gang auf dem Ostbahnhof in Budapest, Ungarn. Hadi hat das Down-Syndrom und einen künstlichen Darmausgang. ( Foto: Kathrin Lauer/dpa)

Auf einer Wolldecke sitzen der dreijährige Hadi (r) und sein sechsjähriger Bruder in einem Gang auf dem Ostbahnhof in Budapest, Ungarn. Hadi hat das Down-Syndrom und einen künstlichen Darmausgang. (Foto: Kathrin Lauer/dpa)

Hadi sitzt auf einer Decke und guckt apathisch ins Dämmerlicht des Zwischengeschosses, das den Budapester Ostbahnhof mit der Metrostation verbindet. Der Dreijährige aus dem syrischen Damaskus hat das Down-Syndrom, sagt seine Mutter, Rasha. „Mein Kind ist sehr müde“, fügt sie hinzu. Dann zieht sie Hadis T-Shirt hoch und entfernt kurz ein Pflaster am Bauch des Kindes. Darunter ist ein Loch, groß wie ein Zwei-Euro-Stück, etwas Rötliches quillt heraus. Es ist ein künstlicher Darmausgang.

Hadi müsste zum Arzt. Doch daran ist im Moment nicht zu denken. Die sechsköpfige Familie, darunter auch Hadis sechsjähriger Bruder, will schleunigst nach Schweden gelangen, wo Angehörige warten.

Zugtickets, die nichts nützen

Wie die meisten der etwa 3000 am Ostbahnhof ausharrenden Flüchtlinge haben sie bereits Zugtickets nach München. Aber die nützen ihnen nichts. Denn Ungarn lässt keine Flüchtlinge gen Westen weiterreisen und beruft sich dabei auf die EU-Regel, dass Asylanträge nur in dem Land gestellt werden dürfen, in dem die Flüchtlinge zuerst erfasst wurden. Noch am Montag war es anders gewesen: Da hatte Budapest kurzfristig alle Kontrollen eingestellt und Tausende Flüchtlinge per Bahn nach Westen ausreisen lassen.

Nun hoffen die Menschen hier, dass sie noch einmal freie Fahrt bekommen – sitzend, kauernd, liegend. Manche haben kleine Zelte aufgestellt, die meisten hausen auf schlichten Decken, etliche auf dem blanken Boden. Es sind viele Kinder und Babys dabei, auch Menschen im Rollstuhl. An Treppengeländern, eigentlich überall, wo immer es geht, hängt Wäsche zum Trocknen. Die Stadt hat einen kleinen Wasseranschluss eingerichtet. Aber es gibt für die vielen Menschen nur vier mobile Toiletten. Dementsprechend riecht es.

Lange Schlangen bilden sich vor dem provisorischen Quartier der Freiwilligen-Organisation „Migration Aid“, die Essen und Kleider verteilt. Vor der Tür mit dem Aufpasser drängelnde Menschen, sobald sie aufgeht, sieht man kurz einen Riesen-Kleiderhaufen in wildem Durcheinander. „Migration Aid“ ist hoffnungslos überfordert.

Bewachung und Zaun

Ungarns Behörden haben sich bisher darauf beschränkt, das Bahnhofsgebäude zu bewachen. Erst am Mittwoch beschloss das Budapester Stadtparlament, neben dem Bahnhof ein Zeltlager zu errichten, das bis zu tausend Flüchtlinge aufnehmen kann. „Dies ist zwar nicht unsere Aufgabe, aber wir tun es aus Gewissensgründen, wir müssen die Situation zu unserem eigenen Schutz bewältigen“, sagt Oberbürgermeister Istvan Tarlos, ein Parteifreund des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban.

Es klingt, als wollte Tarlos sich bei den Wählern dafür entschuldigen, dass er überhaupt etwas für Flüchtlinge tut. Denn bisher hat die Regierung mit einer aggressiven Plakatkampagne gegen die Migranten Stimmung gemacht. An der Grenze zu Serbien, wo die meisten auf ihrer Durchreise herkommen, ließ die Regierung einen vier Meter hohen Zaun bauen, der die Migranten abwehren soll. Viele schaffen es trotzdem – allein am Dienstag überwanden ihn wieder mehr als 2000 Flüchtlinge.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN