Chris Tall: Der Internetstar, der Witze über Behinderte und andere soziale Minderheiten macht

Darf er das? Dr. Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland, beantwortet die Frage. Von Fabian Wegener

Über Nacht zum Star geworden: Chris Tall (Pressefoto)

Über Nacht zum Star geworden: Chris Tall (Pressefoto)

Chris Talls sechster Auftritt als Standup-Comedian bei „TV total“ Ende Oktober hätte für ihn leicht zum Fiasko werden können. Denn was der preisgekrönte Nachwuchs-Comedian in der ProSieben-Sendung von Stefan Raab anstößt, gleicht einem Tabubruch. „Ihr müsst Witze machen über alle. Über Behinderte, über Schwule, über Schwarze“, fordert er vor seinem Publikum. „Haben wir heute Rollstuhlfahrer hier? Wenn ja, bitte einmal aufstehen.“ Die zunächst etwas verhaltenen Reaktionen im Publikum scheinen den 24-Jährigen nicht zu verwundern. „Ihr seht, eine Hälfte lacht, die andere Hälfte fragt sich: Darf er das?“

Eine Frage als Markenzeichen: Darf er das? (Foto: Tall)

Eine Frage als Markenzeichen: Darf er das? (Foto: Tall)

Chris Tall möchte an diesem Abend alle Menschen gleich behandeln – und fairerweise auch alle gleichermaßen zur Zielscheibe seiner Sprüche machen. Dabei ist er sich aber schon vor der Show darüber im Klaren, dass er sich auf ein Minenfeld begibt. Aber wer nach dem Ende der Sendung mit einem Shitstorm gerechnet hat, wird eines Besseren belehrt.

Schon am nächsten Tag zählt Chris Talls offizielle Fanseite 20.000 Follower mehr, knapp zwei Wochen später ist es schon ein Zuwachs von mehr als 400.000, knapp 475.000 Freunde hat er schon bei Facebook zusammengetrommelt. Längst hat sich der charakteristische Ausruf „Darf er das?“ in sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer verbreitet. „Es war wie eine Kettenreaktion. Das wurde geteilt, kommentiert; und mit einem Mal kannte jeder den Spruch“, erzählt Chris Tall der Deutschen Presse-Agentur. Tall heißt mit bürgerlichem Namen Nast – Warum er sich umbenannt hat, darauf geht er nicht ein.

„Selbstverständlich darf er das“

Umzugskisten gepackt: Chris Tall und Freundin (Foto: Tall/Facebook)

Umzugskisten gepackt: Chris Tall und Freundin (Foto: Tall/Facebook)

Doch darf Chris Tall wirklich im Fernsehen Späße über soziale Randgruppen machen, oder geht er vielleicht doch zu weit? „Selbstverständlich darf er das“, meint zumindest Dr. Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland, der selbst seit einem Badeunfall im Rollstuhl sitzt (siehe auch ROLLINGPLANET-Interview: Ilja Seifert: „Vielleicht schreie ich zu leise – oder Sie hören nicht richtig hin“).

Seifert ist sich sicher: „Es ist tatsächlich eher diskriminierend, jemanden wegen bestimmter Eigenschaften oder Merkmale aus der allgemein üblichen Kommunikation auszuschließen.“ Und dazu zähle nun mal, dass man einander mal „frozzelt“, sich neckt, mit- und übereinander lacht und gelegentlich auch mal verärgert.

Woher kommt der Hype?

Umzugskisten gepackt: Chris Tall und Freundin (Foto: Tall/Facebook)

Umzugskisten gepackt: Chris Tall und Freundin (Foto: Tall/Facebook)

Für Chris Tall kommt der mediale Rummel in einer privat sehr stressigen Zeit. „Ich plane gerade meinen Umzug mit meiner Freundin nach Hamburg-Barmbek“, erzählt er. Die Beiden seien seit rund 10 Monaten ein Paar, treten auch häufiger zusammen in privaten Videobotschaften Talls an seine Fans in Erscheinung. Zur Zeit wohne er jedoch noch in Reinbek am östlichen Stadtrand. „Das ist angesichts meiner häufigen berufsbedingten Reisen nach Köln, Deutschlands ,Comedy-Hochburg‘, einfach nicht mehr zentral genug“,
bilanziert er.

Doch wie erklärt sich der plötzliche Hype um den Comedian, der zuvor, wie er sichtlich amüsiert erzählt, mühsam und über viereinhalb Jahre für seine bis dahin rund 66.000 Follower kämpfen musste? „Ich glaube, dass ich mit meiner Botschaft vielen Leuten aus der Seele gesprochen habe“, schlussfolgert Tall.

Wer ihm alles schreibt

Das Konzept geht vielleicht auch gerade deshalb auf, weil er sowohl auf der Bühne als auch privat eigene Merkmale wie sein Übergewicht oder seine unterdurchschnittlichen Leistungen in der Schule thematisiert. „Ich hab‘ jetzt auf vier Kinns erhöht: ich fress‘ so viel, bis es wieder eins wird“, witzelt er selbstironisch bei einem seiner Auftritte.

Tatsächlich schreiben ihn nach dem Auftritt Pflegekräfte, Rollstuhlfahrer und auch Mitarbeiter aus Behindertenwerkstätten an, um ihre Begeisterung für sein Programm zum Ausdruck bringen. Menschen, die sich augenscheinlich darüber freuen, dass sie nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden. „Ich behandele sie wie normale Menschen. Schließlich ist es genau das, was sie sind“, sagt der junge Comedian. Die wenigen negativen Kommentare würden ihn nicht irritieren. „Ich weiß, dass ich das Richtige sage und tue“.

(dpa)

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6 Kommentare

  • Karen Grace Holmsgaard

    Ich denke, da kommt es immer darauf an, wie der Witz gemacht und gemeint ist…

    10. November 2015 at 09:52
  • Melanie Kreitlow

    Klar darf er das.

    10. November 2015 at 10:21
  • Stigmaman

    Recht hat er ja. Und er hat begriffen, dass „Benachteiligte“ eine lukrative Zielgruppe sind. Das ist ja längst noch nicht bei allen „Unternehmern“ angekommen.

    10. November 2015 at 13:37
  • Elisabeth Bohn

    er darf…….

    10. November 2015 at 16:13
  • Bjoern Meyer

    Wer für Inklussion und Gleichberechtigung ist sollte sich auch so verhalten und sollte akzeptieren das man sich wie über alle anderen auch sich lustig über ihn macht. Klar darf er

    10. November 2015 at 16:23
  • Fabian

    Schön wäre es ja, wenn nach der humoristischen Gleichstellung behinderter Menschen (die natürlich berechtigt ist und die jeder Betroffene auch ertragen können sollte!) endlich auch die volle gesellschaftliche Gleichstellung folgen würde. ChrisTall könnte ja seine Aufmerksamkeit, die er auch dank der Menschen mit Behinderung erhalten hat, nutzen, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Dann würde er mich als Fan gewinnen.

    Denn mit dem alten Witz von wegen „bitte aufstehen“ lockt man ja wirklich niemanden mehr hinterm Ofen vor. Und wirklich originell oder kreativ isses nu auch nicht. Dies soll als konstruktive Kritik verstanden werden! Der Junge kann mit meiner Ansicht sicher gut leben 😉

    16. November 2015 at 13:36

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