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Christian Wulff zurückgetreten: ROLLINGPLANET nennt die Nachfolgekandidaten

Das wäre doch einer fürs höchste Amt: Raul Krauthausen – Kandidat Nr. 8 (Foto: Christian Lewandrowski)

Wir möchten nicht in einem Land leben, in dem behinderte Menschen nicht Bundespräsident werden können. Wir nennen der Bundesversammlung zwölf Kandidaten.

1. Manfred Sauer (ca. 65)

Beruf: Unternehmer. Erfinder des Sauer-Urinals.
Behinderung: Tetraplegiker
Qualifikation: So reich, dass er alle Urlaubsreisen selbst bezahlen und seine Häuser ohne Kredite finanzieren kann. Politikertalent allerdings gering. Hatte bisher eher mit dem Bürgermeister von Lobbach als mit der großen Politik zu tun. Liebenswürdig eigensinnig und strenger Chef. Ihm wäre zuzutrauen, dass er wie Schäuble seinen Pressesprecher in aller Öffentlichkeit feuert.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Sollte keine Schwierigkeit darstellen.

2. Hubert Hüppe (51)

Beruf: Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Kennt sich mit den Besonderheiten des Bundespräsidentenamts bestens aus: Viel mehr als Reden halten kann er auch jetzt nicht, um sein Amt auszufüllen. Machteinfluss als Behindertenbeauftragter: gleich Null.
Behinderung: Keine. Ist aber egal. Wir ernennen ihn jetzt einfach als einen von uns. Hat einen behinderten Sohn, dass muss reichen.
Qualifikation: Sehr engagiert, anders als seine Vorgängerin Karin Evers-Meyer (SPD) ist ihm auch die bioethische Diskussion wichtig. Er erinnert an die Verbrechen im Nationalsozialismus an behinderten Menschen, rüffelte seine Parteifreundin Annette Schavan, als deren Bundesministerium für Bildung und Forschung einen neuen Trisomie 21-Test mit 230.000 Euro förderte – und damit hilft, dass mittelfristig bei uns so gut wie keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geboren werden. Sonstiges Politikertalent: Jahrzehntelange Erfahrung, hat sich für die CDU im Bundestag den Arsch bereits platt gesessen.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Absolut problemlos.

3. Wolfgang Schäuble

Beruf: Ist idealerweise bereits Politiker (Bundesminister für Finanzen).
Behinderung: Seit einem Attentat am 12. Oktober 1990 während einer Wahlkampfveranstaltung in der Gaststätte „Brauerei Bruder“ in Oppenau querschnittgelähmt.
Qualifikation: Wird sowieso schon seit Jahren als Bundespräsident gehandelt. Zickt aber, das Amt anzunehmen. Wird sich auch dieses Mal wieder eine Ausrede einfallen lassen. Zum Beispiel, dass er gerade den Euro retten muss.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Bereits vermittelt.

4. Sigrid Arnade (ca. 65)

Beruf: Tierärztin
Behinderung: Seit 1977 Multiple Sklerose
Qualifikation: Hoch. Vorzeigeaktivistin behinderter Frauen. Kennt sich aus mit Ämtern: Vorstandsvorsitzende von Lebensnerv – Stiftung zur Förderung der psychosomatischen MS-Forschung, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied von Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V., Mitbegründerin von Weibernetz e. V. und von Netzwerk Artikel 3 – Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter e.V. und als deren Vertreterin Mitglied im Deutschen Behindertenrat.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Schwer. Frau UND behindert – das geht gar nicht.

5. Ilja Seifert (60)

Beruf: Politiker
Behinderung: Querschnittlähmung
Qualifikation: Hoch. Ist praktischerweise schon in der Politik (Bundestagsabgeordneter für Die Linke). Setzt sich für behinderte Menschen ein – was man erwähnen muss, weil das nicht selbstverständlich ist (zum Beispiel im Gegensatz zu Wolfgang Schäuble). Müsste allerdings als Bundespräsident erst noch lernen, bei Journalisten und Fragen nicht gleich wütend zu werden, sondern immer staatsmännisch zu bleiben. Sonst macht „Bild“ ihm das Leben zur Hölle.

6. Ole Jahn (19)

Beruf: Freiberuflicher Musiker, Sonnyboy, DSDS-Kandidat
Behinderung: Multiple Sklerose, was seit DSDS ganz Deutschland weiß.
Qualifikation: Null. Macht aber nichts. Als Bundespräsident ist man auch irgendwie Superstar. Erste Amtshandlung könnte sein, eine Rede über die vielen Irrtümer über Multiple Sklerose zu halten. Oder er schmettert „Hoch auf dem gelben Wagen“. Wehe, Bruce weint nicht.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Ganz okay. Der Medienverbund RTL, Dieter Bohlen und „Bild“ würde Volkes Meinung schnell auf Spur bringen. Bundespräsident könnte statt durch die Bundesversammlung durch Zuschauervoting entschieden werden.

7. Thomas Quasthoff

Beruf: Weltklasse-Bassbariton, leider soeben von der Bühne zurückgetreten, hätte aber deshalb auch Zeit für den neuen Job.
Behinderung: Contergan
Qualifikation: Null. Kultur und Politik, das ist einfach eine schwierige Ehe. Schade – dabei würden wir ihn gern im Berliner Ring der deutschen Nibelungen sehen. Auch wenn er ein wenig konservativ ist und sich schwer damit tut, dass in der heutigen Mediengesellschaft nur noch stylishe Typen wie David Garrett erfolgreich sind.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Hoch.

8. Raul Krauthausen (ca. 32)

Beruf: Erfinder von wheelmap.org, einem Mitmachverzeichnis barrierefreier Adressen, und Mitgründer des Berliner Vereines Sozialhelden.
Behinderung: Glasknochenkrankheit. Das ist schlecht, die Journalisten werden wahrscheinlich nicht kapieren, wie man Osteogenesis Imperfecta schreibt.
Qualifikation: Hoch. Kennt sich seit Wheelmap.org aus, ständig im Fernsehen zu sein und Interviews zu geben. Am besten gefallen uns seine Wortspiele und Einträge auf twitter, zum Beispiel heute zum Rücktritt seines möglichen Vorgängers: „kann jetzt endlich mit Christian Wulff Urlaub am Rubikon machen!“. Hat sich in der Vergangenheit auffallend oft bei twitter mit Wulff beschäftigt. Könnte nun zeigen, dass er es mindestens genauso gut kann. Brächte Multikulti ins Amt, da in Peru geboren.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Gering. Mit Anfang 30 einfach zu jung.

9. Samuel Koch (24)

Beruf: Demnächst wieder Student
Behinderung: Querschnittlähmung
Qualifikation: Trotz erster Erfahrungen als Schirmherr (für ein neues Behinderten-Restaurant in Unterkirnach) eher gering. Ist momentan noch zu sehr mit seiner eigenen Lebensplanung beschäftigt. Wäre aber aufgrund seines christlichen Glaubens mal ein geeigneter Kandidat für die CDU/CSU, die ihr „C“ damit aufpolieren könnte.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Top. Da würde keiner Nein sagen.

10. Heiko Kunert (ca. 36)

Beruf: PR-Arbeiter
Behinderung: Blind
Qualifikation: Er betreut die PR-Arbeit des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins. Wäre der erste deutsche Bundespräsident, der sich perfekt mit twitter und Social Networking auskennt. Bräuchte keine Ehefrau als blinden Passagier mitzunehmen, wäre selbst einer. Wäre als Hobbyschauspieler auf jeden Fall der bessere Bundespräsidenten-Schauspieler als Wulff. Müsste im Falle etwaiger Skandale nicht befürchten, zu sehr in die Pfanne gehauen zu werden – das macht man nicht mit blinden Menschen (bei der „Bild“ wären wir da allerdings nicht sicher).
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Schwierig. Außerhalb der „Behindertenszene“ kaum bekannt.

11. Martin Zierold (26)

Beruf: Praktischerweise schon Politiker
Behinderung: Gehörlos
Qualifikation: Macht als erster gehörloser Parlamentarier Deutschlands seine ersten Politikerfahrungen. Reicht aber noch nicht für die ganz großen Auftritte: Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte ist eben noch nicht Bellevue. Würde sozusagen wie der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff als Praktikant beginnen.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: Gering. Zu jung.

Falls alle Kandidaten durchfallen, empfehlen wir ohnehin die beste Lösung 12:

12. Franz Beckenbauer (66)

Der Kaiser!

Beruf: Lichtgestalt
Behinderung: Irgendein Meniskusschaden wird sich noch finden.
Qualifikation: Kann alles. (Hat auch eine Stiftung gegründet, die sich um behinderte Menschen kümmert. Ist aber völlig unnötig, überhaupt auf irgendetwas hinweisen zu müssen.) Problem: Wer Kaiser ist, wird nicht Bundespräsident werden wollen.
Vermittelbarkeit in der Öffentlichkeit: 100 Prozent.

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10 Kommentare

  • Arnd

    Ihr seid einfach wieder genial!

    17. Februar 2012 at 15:35
  • moon21

    Ob behindert oder nicht…keiner überzeugt mich richtig, also dann am besten Beckenbauer.

    17. Februar 2012 at 18:37
  • Alparsian

    Exzellent !!!

    17. Februar 2012 at 22:41
  • Hanspeter

    Ich habe mich köstlich amüsiert. Witzig, respektlos, geistreich, weiter so!

    18. Februar 2012 at 10:58
  • Sarah

    Der Artikel ist echt genial 🙂 Ich stimme für Raul. Der Mann kann alles!

    18. Februar 2012 at 11:00
  • Frank Voigt

    Chapeau zu diesem grandiosen Artikel! Ihr hättet noch ein Voting einrichten sollen. Ich würde mich für Herrn Quasthoff entscheiden.

    18. Februar 2012 at 11:10
  • Dödel

    Jugend forscht ist doch okay, lasst man den Raul ran.

    18. Februar 2012 at 13:26
  • Strittmatter

    Peter Radtke würde auch in Ihre Liste passen.

    18. Februar 2012 at 14:51
  • Tobias

    Wolfgang Schäuble sollte wirklich nirgendwo als Kandidat erwähnt werden. 😉

    19. Februar 2012 at 00:27
  • Strittmatter

    Alle Kandidaten sind schon aus dem Rennen, Gauck, Töpfer, Huber wollen oder dürfen nicht, Frau Merkel hier sind die richtigen Kandidaten!

    19. Februar 2012 at 16:50

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