Contergan-Opfer erwarten Taten statt Worte

50 Jahre hat der Contergan-Hersteller Grünenthal für eine Entschuldigung bei den Opfern gebraucht – weltweit gibt es Zweifel an der Aufrichtigkeit des Unternehmens. ROLLINGPLANET dokumentiert die Reaktionen.

Gegner des Denkmals für die Contergan-Opfer am Freitag (31.08.2012) während einer Feier zur Einweihung des Denkmals vor dem Veranstaltungsort. (Foto: Henning Kaiser dpa/lnw)

Erstmals in seiner Firmengeschichte hat sich der Pharmakonzern Grünenthal am Freitag bei den weltweit rund 10.000 Opfern der Contergan-Katastrophe entschuldigt (ROLLINGPLANET berichtete: Nach 50 Jahren: Grünenthal sagt sorry). Bei der Einweihungsfeier für ein Denkmal im Eingangsbereich des Kulturzentrums Frankenheim sagte der Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock in Stolberg bei Aachen, es sei bedauerlich, dass Grünenthal nicht früher auf die Opfer zugegangen sei.

Die Entschuldigung von Grünenthal

Die Entschuldigung der Firma Grünenthal bei den Contergan-Geschädigten ist bei vielen Opfer-Verbänden nicht gut angekommen. Der Bundesverband Contergangeschädigter „begrüßt diese menschliche Geste als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Jetzt müssen den guten Worten auch gute Taten folgen. Nur sie entscheiden darüber, ob es das Verursacher-Unternehmen wirklich ernst meint. Denn angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Grünenthal bleibt berechtigte Skepsis.“

Der Bundesverband Contergangeschädigter zur Entschuldigung des Contergan-Herstellers

Weltweite Empörung

Nicht nur in Deutschland gibt es Kritik. „Zu wenig, zu spät“, kommentierten am Samstag Anwälte, die Opfer des Arzneimittelskandals in Australien vertreten. Das britische Contergan-Opfer Nick Dobrik sagte dem Sender BBC: „Wir sind der Meinung, eine ernsthafte Entschuldigung muss die Fehler einräumen, die gemacht wurden. Das hat die Firma nicht getan, und damit die Opfer beleidigt.“

Auch Martin Johnson, Direktor der Stiftung Thalidomide, warf Grünenthal vor, das Unternehmen versuche weiter, den Mythos aufrechtzuerhalten, niemand habe wissen können, welche Schäden das Medikament anrichten könne. Das aber sei nicht richtig. Contergan war in Großbritannien unter dem Namen Thalidomide verkauft worden.

Björn Håkansson, der Chef des schwedischen Opferverbandes, sprach von einer wertlosen Entschuldigung. „Nach 50 Jahren kriechen sie zu Kreuze, nachdem sie in mehreren Ländern verklagt wurden“, sagte er mit Blick auf die Herstellerfirma Grünenthal. „Das hätten sie nie getan, wenn sie nicht unter Druck stünden.“

Vorwurf: Heuchelei

Die überlebenden 99 Contergan-Geschädigten in Schweden hätten von Grünenthal niemals eine Entschädigung oder eine Anerkennung ihres Leidens erhalten, sagte Håkansson. Allerdings hatten die schwedischen Opfer Zahlungen des heimischen Firma Astra bekommen, die das Medikament in Lizenz hergestellt und verkauft hatte.

Die australischen Opfer warfen Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock Heuchelei vor. Das Unternehmen hat sich dort bislang einer Klage von Opfern widersetzt. Der Fall kommt nächstes Jahr vor das oberste Gericht im Bundesstaat Victoria.

Die Anwaltsfirma Slater and Gordon Lawyers in Melbourne hatte in diesem Jahr mehrere Millionen Dollar für rund 130 Geschädigte erstritten, allerdings nicht von Grünenthal, sondern von dem Vertreiber des Medikaments in Australien. Grünenthal argumentierte, die Contergan-Geschädigten müssten in Deutschland prozessieren.

Nach langen Auseinandersetzungen wurde 1971 in Deutschland eine Stiftung eingerichtet und mit 200 Millionen Mark ausgestattet. Das Geld kam jeweils zur Hälfte von Grünenthal und vom Bund. Aus diesem Fonds erhalten die Geschädigten eine Rente, die auch aufgrund der massiven Spätfolgen des Medikaments oft nicht ausreichen, um die erforderlichen Hilfen zu bezahlen.

(RP/dpa)

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1 Kommentar

  • Marek Petra

    Denk mal – Bronzener Gehirnknebel

    Entschuldigung – welche Entschuldigung?

    Hier zeigt die Pharmaindustrie in bester Form wieder einmal ihren Januskopf.
    Der frühere Conterganhersteller Grünenthal hat sich nach sage und schreibe 50 Jahren, das sind schon wieder zwei Generationen,
    endlich dazu überwunden, sich in einer für mich eher PR heischenden Aussage, bei den Contergan Betroffenen zu erklären.

    Dies wäre dann für die Betroffnen von wirklichem Wert, wenn denn auf diese Wortblasen endlich für die Betroffenen und ihre Familien, ausreichende finanzielle Zahlungen zur Linderung ihrer viel fältigen Behinderungen / Einschränken, durch die Firma Grünethal erfolgen würde.

    Aber weit gefehlt. Die von der Firma Grünethal jetzt in Aussicht gestellten Erhöhungen / Zahlungen würden jedem/jeder Betroffnen jährlich. ca. 2.000 Euro einbringen.

    Ist das der Wert für fehlende Arme, Beine, fehlende und kranke innere und äußerliche Organe, für Blind-Taubheit, verkümmerte Fortpflanzungsorgane etc.

    Tja Pech, dass es keine Gebäude oder Fahrzeugschäden waren – die wären nach unserer Rechtssprechung nämlich finanziell weit aus höher entschädigt worden….

    Wie weit sind wir eigentlich im Jahre 2012 in unserem Lande, dass es sich immer wieder zeigt, dass Großunternehmer mit einem höhnischen Lächeln und Top-Rechtsanwälten sich alles erlauben dürfen.
    Jetzt auch wieder deutlich im Verfahren gegen die Firma Bayer – Schering, welche es vor dem Landgericht Berlin Anfang Juli 2012 geschafft haben, wegen „Verjährung“ ein Verfahren im Rahmen des Medikamentenskandals von Duogynon, abzuwenden.
    Als wenn Mord und Menschen wissentlich gesundheitlich für immer zuschädigen je verjähren könnte!!

    Und als zynischer Nachschlag steht auf diesem Denkmal auch noch folgender Text: Zur Erinnerung an die Toten und die Lebenden…
    Das schlägt dem ganzen dann doch den Boden aus! Hier wird mehr als deutlich, dass es nicht die Lebenden sind um welche sich zuerst gesorgt werden muss, sondern um die Toten (ist ja auch billiger – Grabpflege ist günstiger!!)

    Petra Marek
    Mitglied des Selbsthilfegruppenbeirates Kreis Herzogtum Lauenburg / S-H
    Leiterin Selbsthilfegruppe Sarkoidose Ratzeburg/Lübeck und Umgebung

    2. September 2012 at 10:17

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