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Contergan-Opfer: „Uns läuft die Zeit davon“

Betroffene sind laut einer Studie unterversorgt – erst recht, weil sie zunehmend mit Alterserscheinungen aufgrund von Contergan kämpfen müssen. Am Freitag beschäftigt sich der Familienausschuss des Bundestags mit dem Thema.

Prof. Dr. phil. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, fordert mehr finanzielle Hilfe für Contergan-Opfer (Foto: Deutscher Ethikrat)

Contergan-Opfer haben eine schnelle Verbesserung ihrer medizinischen Versorgung und finanziellen Lage gefordert. „Uns läuft die Zeit davon“, sagte die Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigter, Margit Hudelmaier, heute in Berlin. Eine neue Studie zur Situation von Contergan-Opfern der Universität Heidelberg (ROLLINGPLANET berichtete) zeige, dass es sich um begründete Ansprüche und keine subjektiven Begehrlichkeiten handele. Demnach sind die Opfer in vielen Bereichen unterversorgt. Der Opfer-Verband fordert ein neues Gesetz.

Auch die Conterganstiftung steht hinter den Empfehlungen der Studie: „Wir hoffen auf eine möglichst weitgehende Umsetzung“, sagte die Vorstandsvorsitzende Antje Blumenthal. An diesem Freitag beschäftigt sich der Familienausschuss des Bundestags mit der Studie.

Derzeitiges Versorgungssystem reicht nicht aus

„Die Betroffenen haben in den vergangenen Jahrzehnten beeindruckende Kompensationsleistungen vollbracht. Wenn diese auch in Zukunft fortgesetzt werden sollen, bedarf es eines sehr viel differenzierteren, passgenauen Versorgungssystems“, sagte der Leiter des Heidelberger Instituts für Gerontologie und Hauptautor der Studie, Prof. Andreas Kruse, der dpa.

Durch das Fehlen einzelner Gliedmaßen beanspruchten Betroffene andere Körperteile übermäßig. Bei vielen seien massive Verschleißerscheinungen der Gelenke wie Arthrosen und starke Schmerzen die Folge. „Diese Zustände werden in Zukunft wahrscheinlich an Intensität gewinnen“, ergänzte Kruse.

Etwa jedes dritte der überwiegend 53-jährigen Opfer könne nicht mehr arbeiten. Mit zunehmenden Beschwerden bräuchten die Betroffenen aber immer teurere Hilfsmittel und Umbauten in den Wohnungen. Zu den Empfehlungen zählen daher neben mehr Geld auch neue Kompetenzzentren für eine bessere medizinische Versorgung, ein leichterer Zugang zu Assistenzen und Hilfsmitteln – unabhängig von familiären und finanziellen Verhältnissen.

Jedes dritte Opfer klagt über Schmerzen

Angehörige um Hilfe zu bitten, werde zunehmend schwerer, ergänzte Hudelmaier. Die meisten Eltern der Opfer seien heute über 80 Jahre alt und die Kinder oft aus dem Haus. Zudem habe nicht jeder Betroffene einen Partner.

Für die auf Beschluss des Bundestags erstellte Studie wurden 870 Betroffene und damit ein Drittel der noch lebenden Conterganopfer in Deutschland befragt. Fast jeder Betroffene (84,2 Prozent) klagt demnach über Schmerzen als Folge ständiger Fehlhaltung. „Unsere Körper sind vorzeitig gealtert“, sagte Hudelmaier.

Bei dem größten Medikamenten-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte die Firma Grünenthal das Schlafmittel 1957 auf den Markt gebracht. In Deutschland kamen etwa 5000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt.

(dpa)

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