Contergan-Opfer: Waren „unbekannte Schäden“ schon 1965 dokumentiert?

Der Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) widerspricht der Behauptung, derzufolge erst seit einer aktuellen Studie der Universität Heidelberg bekannt sei, dass untypisch angelegte Gefäßsysteme eine weitere Folge von Contergan sind.

Betroffene des Contergan-Arzneimittelskandals bei einer Demo am 26. November 2011 in Berlin. (Foto: dapd)

Medien griffen jüngst eine neue Studie der Universität Heidelberg über die Folgen des Wirkstoffs Thalidomid auf. Dabei sei festgestellt worden, dass Blut- und Nervenbahnen von Contergan-Geschädigten anders verlaufen als die anderer Menschen.

“Fest steht, dass diese Schädigung noch nicht bekannt war, als die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die finanzielle Kompensation der Betroffenen festgelegt wurden”, wird Christina Ding-Greiner vom Institut für Gerontologie (Altersforschung) der Uni Heidelberg zitiert (ROLLINGPLANET berichtete: Contergan-Opfer stärker geschädigt als bekannt).

Der Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) widerspricht – und ROLLINGPLANET hofft, dass sich daraus kein Nachteil entwickelt. Denn ausgerechnet die „neuen Erkenntnisse“ der Heidelberger Studie könnten laut „Welt“ auch ein juristisches Argument sein, dass die Bundesregierung den Contergan-Opfern höhere Kompensationen als bislang zahlen muss. Indes, bekannt ist nicht anerkannt – in einer Pressemitteilung des U.A.C. heißt es nun:

Bereits anlässlich der Dysmelie-Arbeitstagung am 5. und 6. November 1965, die unter Mitwirkung des seiner Zeit für die Contergan-geschädigten zuständigen Bundesministeriums für Gesundheitswesen in der Orthopädischen Anstalt der Universität Heidelberg veranstaltet wurde, sind diese und andere – bis heute nicht anerkannte und entschädigte – Schäden zur Sprache gebracht worden; sie wurden von hochkarätigen Fachwissenschaftlern vorgestellt und diskutiert.

Im Auftrag des Bundesministeriums für das Gesundheitswesen erschien unter dem Titel: ‚2. Monographie über die Rehabilitation der Dysmelie-Kinder’ eine ausführliche Dokumentation der Veranstaltung (als Wortprotokoll) im Dezember 1966.

Gihan Higasi, stellvetretende Sprecherin des U.A.C., betont:

„Die Seiten 191 ff. widmen sich ausführlich der Schädigung der Gefäßsysteme. Aber nicht nur das: Auch auf die bereits damals ansatzweise vorhandenen Spät- und Folgeschäden der Conterganopfer wird sehr genau eingegangen. Vieles, was uns jetzt als ,Neuigkeit’ bekannt gegeben wird, stand schon vor über 35 Jahren wissenschaftlich fest.

Es ist unbegreiflich, dass wir erst heute und durch unsere eigenen Bemühungen als Betroffene von diesen Dingen erfahren. Wie viel Leid, Schmerzen und Elend wäre uns erspart geblieben, wenn wir früher davon gewusst hätten?“

Higasi fragt: „Was haben die Conterganstiftung, die zuständigen Ministerien und die Bundesregierung denn all die Jahrzehnte für uns getan? Aus meiner Sicht viel zu wenig!“ Namentlich kritisiert der U.A.C. die 1. Vorsitzende der Conterganstiftung, Antje Blumenthal, und den Stiftungsratsvorsitzenden, Ministerialdirektor Dieter Hackler.

Wäre im November 2007 nicht der Fernsehzweiteiler „Contergan“ ausgestrahlt worden, würde heute kein Mensch mehr über das Thema sprechen, so Higasie. „Aber anstatt, dass man sich seinen übernommen Verpflichtungen stellt, ‚forscht’, verzögert, verniedlicht und verzögert die Bundesregierung. Das Verhalten der verantwortlichen Stellen ist aus meiner Sicht nichts anderes, als unterlassene Hilfeleistung. Unsere Situation und das Verbrechen, das uns angetan wurde, sind auch in Berlin hinlänglich bekannt. Erhofft man eine ‚biologische Lösung’? Geht in Deutschland der Täter- vor dem Opferschutz?“

In der Pressemitteilung heißt es weiter:

Die Wiederentdeckung der Monographie, die wir den zuständigen Fachstellen und den Medien gerne zur Verfügung stellen, ist für uns ein weiterer Beweis dafür, dass das ganze Ausmaß unserer Schädigungen immer noch vor uns verheimlicht werden soll. In dieser Ansicht bestärkt uns die Conterganstiftung mit ihrer intransparenten ‚Geheim’- und Geschäftspolitik!“

U.A.C.-Sprecher Stephan Nuding erklärt: „Jetzt, wo erneut ein Teil dessen, was uns durch die Schadensverursacherfirma Grünenthal angetan wurde, offenkundig wird, muss es für die Bundesregierung nicht nur eine dienstliche, sondern auch eine menschliche Pflicht sein, dass uns umgehend die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, die wir dringendst für die Befriedigung unserer schadensbedingten Mehrbedarfe benötigen. Die Contergangeschädigten sind absolut unterversorgt.“ Das habe auch die Heidelberger Studie bewiesen.

Als „nicht aufschiebbare Not- und Soforthilfe“ fordert der U.A.C. für die Betroffenen die Verdoppelung der monatlichen Rentenzahlungen zum 1. Juli 2012.

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