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Crashtests: Rollstuhlfahrer endlich mal an die Wand gefahren

Das Deutsche Institut für Qualitätsförderung ist erschrocken und fordert sicheren Transport.

Starrer Rahmen: DIQ-Geschäftsführer Dipl.-Ing. Thomas Koch (li.) und Prof. Dr.-Ing. Peter König, Hochschule Trier, mit einem für den Transport mit dem Fahrzeug geeigneten und zugelassenen Rollstuhl. (Foto: DIQ)

Starrer Rahmen: DIQ-Geschäftsführer Dipl.-Ing. Thomas Koch (li.) und Prof. Dr.-Ing. Peter König, Hochschule Trier, mit einem für den Transport mit dem Fahrzeug geeigneten und zugelassenen Rollstuhl. (Foto: DIQ)

ROLLINGPLANET ist grundsätzlich skeptisch, wenn es in Deutschland nicht nur fortschrittlich, sondern auch vorschriftlich zugeht. An Gesetzen und Regelungen mangelt es hierzulande wahrlich nicht. Das ist auch gut so, denn das erspart das eigene Denken.

Nun hat das Deutsche Institut für Qualitätsförderung e. V. (DIQ) in Crashtests Rollstuhlfahrer an die Wand gefahren (oder so ähnlich) und ruft: „DIQ fordert durchgängig geeignete Rollstühle und einheitliche komplette Anbindungsmöglichkeiten“.

Das macht uns ein wenig störrisch – auch wenn es um unsere Sicherheit geht. Uns nervt es jetzt schon, wenn uns Busfahrer mit dem Recht auf ihrer Seite anbrüllen: „Stellen Sie Ihren Rollstuhl andersherum hin. Sie sehen doch das Schild! Halten Sie sich fest!“

Außerdem gibt es aus unserer Sicht bereits genügend Orte und Fälle, in denen wir aufgrund von Vorschriften abgewiesen werden oder – wenn es gesetzliche Vorgaben etwa zugunsten von Blindenführhunden gibt – trotzdem nicht rein dürfen.

Seit drei Jahren geltende Richtlinien nicht beachtet

Wir wollen nun aber nicht, dass wegen ROLLINGPLANET massenweise ungesicherte Rollstuhlfahrer durch die Luft fliegen und an einem Baum landen. Und bekanntlich haben sich vor Ewigkeiten auch Beifahrer uneinsichtig wie wir heute beschwert, dass sie sich anschnallen müssen und Freiheitsberaubung beklagt. Dass die Gurtpflicht kam, hat ihnen nicht geschadet. Deswegen geben wir Ihnen nun also auch die aktuellen Erkenntnisse des DIQ weiter.

Das seit 2010 existierende Institut in Saarbrücken hat in einer Studie festgestellt, dass nur ein geringer Teil der in Deutschland beförderten Rollis gesetzliche Normen erfüllt: „In Deutschland werden jeden Tag viele behinderte Menschen mit ihren Rollstühlen in Fahrzeugen transportiert. Die Rollis fungieren dabei als Fahrzeugsitz. Dazu gelten für die ab September 2009 hergestellten und so genutzten Rollstühle klar definierte Vorschriften. Sie müssen durch die Hersteller geprüft, im Verwendungszweck deklariert und als geeignet gekennzeichnet sein.“

Der Kraftknoten für alle Rollstuhlfahrer

Im Idealfall entwickle der Hersteller für diese Rollstühle selbst spezielle Befestigungspunkte für die Sicherung, die sogenannten Kraftknoten, nach DIN 75078.

Für die Nutzung als Fahrzeugsitz müssen neue Rollstühle eine Herstellerfreigabe nach DIN EN 12183 oder 12184 haben und zudem mit einem Kraftknoten (mehr Infos dazu hier) nachgerüstet werden.

Was kostet das Kraftknotensystem?


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Es gibt zur Zeit bundesweit nur wenige Firmen, die Kraftknotensysteme herstellen. Bestellen lässt sich die Vorrichtung unter anderem beim Sanitätsfachhandel. Die Kosten betragen für einen Faltrollstuhl zirka 270 Euro und für einen Elektrorollstuhl zirka 500 Euro. Hinzu kommen Montagekosten in Höhe von etwa 80 Euro. Falls man das DIQ erhört und sämtliche Rollstühle in Deutschland mit dem Kraftknotensystem ausgerüstet oder nachgerüstet werden, ist das ein gutes Konjunkturpgramm für die bekanntlich stets notleidende Reha-Branche.

85 Prozent aller Rollstühle müssen nachgerüstet werden

Soweit die Theorie. Die Praxis sehe leider ganz anders aus. Das DIQ stellte Versäumnisse beim Transport von behinderten Schulkindern fest. Etwa 85 Prozent der geprüften Rollstühle entsprachen nicht den Vorschriften. Die Kinder wurden in einfacheren, handhabbareren Klapprollstühlen von A nach B gebracht: „Auffällig war auch, dass den Busfahrern und Begleitern häufig nicht die Zeit bleibt, die Rollstühle vorschriftsmäßig zu befestigen. Sie werden in dieser schwierigen Situation oft mit dem Problem alleine gelassen.“

Der DIQ erklärt, dass es zwar vorgegebene Prozeduren zur Befestigung dieser Rollstühle gebe, diese aber nur auf speziell entwickelte und für den Transport zugelassene Rollstühle anwendbar seien. Bei einfacheren Modellen fehlten die Adapter ganz.

Die im Auftrag des DIQ durchgeführten Crashtests zeigten in ihren Auswirkungen deutlich die Unterschiede zwischen den für die Nutzung als Fahrzeugsitz zugelassenen und den dafür nicht erlaubten Produkten. Bei einem Crash mit 50 Stundenkilometern habe der zugelassene Rollstuhl relativ geringe Beschädigungen aufgewiesen.

Gecrasht wurde außerdem ein nicht zugelassener, aber in der Feldstudie oft im Fahrzeug gesehener Rollstuhl. Innerhalb der Erhebung fiel auf, dass „adäquate Befestigungspunkte und Befestigungsmaterial häufig fehlten. Zeit- und Kostendruck machen hier oftmals die guten Absichten der Fahrer zunichte, die Insassen entsprechend der Vorschrift zu sichern. Der Rollstuhl wurde in den Crashtests nahezu gänzlich zerstört, er klappte regelrecht zusammen.“

Vorbereitungen für den Crash-Test mit einem einfachen Klapprollstuhl, der nicht für den Transport im Fahrzeug zugelassen ist.  (Foto: DIQ)

Vorbereitungen für den Crash-Test mit einem einfachen Klapprollstuhl, der nicht für den Transport im Fahrzeug zugelassen ist. (Foto: DIQ)

Der Rollstuhl hält dem Crash mit 50 km/h nicht stand. (Foto: DIQ)

Der Rollstuhl hält dem Crash mit 50 km/h nicht stand. (Foto: DIQ)

Was der DIQ fordert

Diese Tatsache und die ungeeigneten Rückhaltesysteme würden im Falle eines echten Crashs zu schweren Verletzungen, wenn nicht gar zum Tode des Rollstuhlinsassen führen. Es sei auch zu erwarten, dass durch die unzureichende Befestigung andere Fahrzeuginsassen bei einem Unfall massiv gefährdet seien.

Wieso hier am falschen Ende gespart werde, sei unverständlich: Durch die unsichere Befestigung der nicht erlaubten billigen Rollstühle während des Transportes verbiegen sich deren Strukturen. Dies könne bereits bei leichten Bremsmanövern passieren. Teure Reparaturen und Bereitstellungen von Ersatzstühlen seien die Folge.

Nach den in der Studie und den Crashtests gewonnenen Erfahrungen sind die Forderungen des DIQ klar. „Das DIQ fordert die Verantwortlichen auf, schnell und nachhaltig Abhilfe zu schaffen. Mobilität muss auch für behinderte Menschen mit den höchsten Sicherheitsstandards möglich sein. Dazu sind für den Transport geeignete Rollstühle und einheitliche Anbindungen absolut notwendig,“ so Thomas Koch, der Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Qualitätsförderung e. V.

Das klingt alles sehr vernünftig. Wir haben auch nichts dagegen, wenn sich jemand so einen Kraftknoten besorgt. Wohlgemerkt: freiwillig. Ansonsten fürchtet ROLLINGPLANET: Künftig wird es nicht nur in Schulbussen sicherer. Eine Zugfahrt mit der Deutschen Bahn? Da droht uns ein Rauswurf mit Polizei wegen fehlender Kraftknoten nach DIN 75078, DIN EN 12183 und DIN 12184. Unter uns: Könnten wir Behinderte nicht ganz abschaffen laut DIN 9904524? Oder wie war das mit den gefesselten Rollstuhlfahrern?

(RP)

Da haben wir den Salat: Der nicht DIN-zugelassene Rollstuhl ist völlig zerstört. Schlimme Verletzungen oder gar der Tod des Rollstuhlinsassen wären die möglichen Folgen. (Foto: DIQ)

Da haben wir den Salat: Der nicht DIN-zugelassene Rollstuhl ist völlig zerstört. Schlimme Verletzungen oder gar der Tod des Rollstuhlinsassen wären die möglichen Folgen. (Foto: DIQ)

(RP)

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4 Kommentare

  • Hannes Querner

    Autsch,Airbag versagt

    3. Oktober 2013 at 11:13
  • Sabine Kreyenborg

    Seit mehr als 15 Jahren ist der sichere Transport von Rollstühlen sowie die sichere Beförderung von Rollstuhlnutzern in ihren Rollstühlen ein großes Thema bei den Rolliherstellern. Meyra war einer der ersten, die bei der Konstruktion der Kraftknoten Rollstühle zur Verfügung stellte. Die norddeutsche Firma Bruns ist der einzige Hersteller von Kraftknoten, die vom BAST (Bundesanstalt für Straßenwesen) geprüft wurde. Die meisten Rolli-Hersteller haben ihre Rollstühle crash getestet.

    3. Oktober 2013 at 11:28
  • Blab

    Ich find Kraftknoten gut und sinnvoll, aber leider bezahlt die keiner … und für die eigene Tasche sind die für viele zu teuer. Ich finde, die sollten zur Standardausrüstung eines jeden Rollstuhls dazugehören (wenn man ihn als Autositz nutzen will) und die Finanzierung durch die Krankenkasse übernommen werden.

    3. Oktober 2013 at 18:15
  • Buschmann, Frank Lutz

    Guten Tag
    Ich habe als Fahrdienstleiter in einer sozialen Einrichtung.
    Ich war 2009 auf einem Seminar von der Berufsgenossenschaft Wohlfahrt(kurz BGW). Dort wurde und das Kraftknotensystem vorgestellt. Ich war total davon begeistert. In unserer WfbM gibt es ca. 60 Rollstuhlfahrer. Ein einziger hatte damals das Kraftknotensystem am Rollstuhl. Als ich von dem Seminar zurück kam, habe ich mir die Anschaffung der Kraftknotensysteme auf meienr Agenda geschrieben. Es war ein langer und auch harter Kampf mit den Angehörigen, den Krankenkassen und auch den Sozialen Kostenträger. Aber es hat sich gelohnt. Alle 60 Rollstuhlfahrer haben ein Kraftknotensystem am Rollstuhl. Damit nicht genug. Damit das System als ganzes funktioniert, haben wir alle Fahrdienstunternehmer verpflichtet, die Schulterschräggurte und die zusätzlichen Beckengurte zur Verfügung zu stellen. Dies war auch durch Altverträger möglich. Die konnten sich da nicht rausreden.
    Mittlerweile hat sogar das Bundessozialgericht endgültig zu Gunsten der Rollstuhlfahrer entschieden. Die Krankenkassen bzw. der Soziale Kostenträger, hier in NRW der LWL oder LVR, müssen das System bezahlen, wenn es um die Teilhabe am Arbeitsleben oder um den Besuch der Schule geht. Es gibt sogar Urteile, wonach die Krankenkassen für die Übernahme der Kosten bei Kindergartenkinder zahlungspflichtig sind. Bei Bedarf kann ich die Urteile weitergeben.
    Die Rollstuhlfahrer und Fahrerinnen müssen nur den Antrag bei den Kostenträgern stellen. Alles andere passiert von allein.

    11. April 2014 at 11:14

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