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Damit Deutschlands schlimmster Arzneimittelskandal nicht vergessen wird

Am kommenden Sonntag jährt sich zum 50. Mal die – viel zu späte – Marktabsetzung von Contergan. Aus diesem Anlass finden heute und am Samstag in Berlin verschiedene Aktionen des Contergannetzwerks statt, unter anderem ein Opfer-Requiem, bei dem Nina Hagen auftritt.

Aufgrund des Beruhigungsmittels, das werdende Mütter eingenommen hatten, kamen weltweit schätzungsweise 10.000, davon in Deutschland 4.000 bis 5.000, behinderte Kinder zur Welt. Das Medikament Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid der Firma Grünenthal führte zu schweren Missbildungen der Gliedmaßen. 1957 wurde es erstmals verkauft. Obwohl bei Grünenthal innerhalb kurzer Zeit 1.600 Hinweise auf die katastrophalen Folgen eingegangen waren, nahm der Pharmakonzern das Produkt erst 1961 vom Markt – nachdem die Zeitung „Welt am Sonntag“ über mögliche Gesundheitsschäden durch Contergan berichtete hatte.

Die deutschen Contergan-Opfer erhalten mit 545 Euro monatlich eine lächerliche finanzielle Entschädigung. In der bemerkenswerten Filmdokumentation „NoBody’s Perfect“ (2008) des selbst betroffenen Regisseurs Nico von Glasow treffen sich die Hauptdarsteller – zwölf Conterganer – zu einem Abschiedsessen, bei dem die englischen Behinderten ihren deutschen Freunden raten, sich zusammenzuschließen, um gemeinsam Druck auszuüben und ihre Interessen durchzusetzen – so, wie es in Großbritannien geschehen war und wo die finanziellen Leistungen für die Geschädigten drei Mal so hoch sind wie in Deutschland.

Der Rat aus England kommt für viele zu spät: Hierzulande ist jedes zweite Opfer bereits verstorben (ROLLINGPLANET berichtete: “Offensichtlich hofft man auf ein möglichst geräuschloses Ableben der Contergan-Opfer”) – die Verbliebenen kämpfen seit Jahren vergebens für mehr Gerechtigkeit. Am Wochenende nun will das Contergannetzwerk in Berlin die Öffentlichkeit auf den fast vergessenen Arzneimittelskandal aufmerksam machen. Prominente Unterstützung kommt von Künstlern wie Nina Hagen und Welt-Tenor Sergey Drobyshevskiy, die kostenlos auftreten.

Für heute abend sind ein Vortrag und ein Fachgespräch „Contergan und Entschädigung“ mit Experten aus Politik und Rechtswissenschaft angesetzt. Samstag Vormittags gibt es eine Demo unter dem Motto „5 vor 12 für Contergan-/Grünenthalopfer“ vom Pariser Platz (am Hotel Adlon) bis zum Bundeskanzleramt (11.55 – 14.00 Uhr). Um 17.30 Uhr beginnt das Conterganopfer-Requiem in der St. Elisabeth Evangelist Kirche, Auguststraße 90, Berlin (Mitte).

Das detaillierte Veranstaltungsprogramm finden Sie hier: http://www.contergannetzwerk.de/

Foto: „NoBody’s Perfect“

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